Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Selig lächeln, als sie von der Bühne gehen und
bedanken sich überschwänglich. Das Comeback der
Hamburger nach zehnjähriger Pause trifft den Nerv
des Publikums. News.de hat mit dem Gitarrist
Christian Neander vorm Auftritt bei Rock im Park
gesprochen.
Ihr habt schon bei Rock am Ring gespielt. Wie war´s?
Christian Neander: Wir waren extrem aufgeregt, wir spielen ja nicht jedes Mal vor 80.000 Leuten. Die Leute im Publikum waren sehr nett zu uns. Es ist unser erstes Festival gewesen, seitdem wir uns getrennt hatten. Ich bin eigentlich immer aufgeregt vor Gigs, nur diesmal war ich besonders angespannt.
2009 ist das Jahr der Band-Wiedervereinigung - Guano Apes, Limp Bizkit, The Prodigy. Habt Ihr Euch mit anderen Gruppen vor diesem Schritt ausgetauscht?
Neander: Es ist lustig, weil ich Sandra, die Sängerin der Guano Apes, ganz gut kenne. Ich hab auch früher mit ihr gearbeitet. Vor ein paar Jahren war so eine Band-Wiedervereinigung für uns beide unvorstellbar. Aber ich habe Sandra vor Kurzem wieder getroffen und sie meinte, sie spielt mit den Guano Apes am Ring. Ich wusste das gar nicht und es hat mich sehr gefreut. Ein bisschen Austausch gibt es also. Das war aber schon alles.
Was habt Ihr während der Bandpause gemacht?
Neander: Alles mögliche, Jan hat sehr viele eigene Projekte mit TempEau und Zinoba. Leo hat klassische Musik und Komposition studiert. Ich habe ein Studio in Berlin gebaut, sehr viel für andere Musiker geschrieben und produziert. Stoppel ist auch noch der Schlagzeuger von James Last. Malte hat anfangs mit Stoppel noch Remixe gemacht und dann die Musik aufgegeben. Das Absurde: Am Tag bevor Jan anrief, um den Vorschlag mit der Band-Wiedervereinigung zu machen, hat er sein letztes Keyboard verkauft. Ja, und jetzt hat er natürlich wieder eins (lacht).
Habt Ihr Bedenkzeit gebraucht, bevor Ihr wieder zusammengefunden habt?
Neander: Oh ja. Im September 2007 haben wir uns getroffen und waren alle sehr misstrauisch. Jan war bei Stoppel und hat uns angerufen und uns die Idee unterbreitet, die Band wieder zusammenzubringen. Dann haben wir bis Juni 2008 immer mal wieder geredet, waren aber sehr vorsichtig. Als wir viele Sachen ausgeräumt und verstanden hatten, was damals war, haben wir im Juni 2008 zusammen Musik gemacht. Wir waren im Studio und haben gejammt. Jan beschreibt das ganz schön als Nahtoderfahrung. Wir hatten alle so eine Bilderflut und Erinnerungen im Kopf. Ich hab mit sehr vielen Menschen Musik gemacht, aber bei Selig ist es ganz speziell.
Wem oder was gegenüber seid Ihr misstrauisch gewesen?
Neander: Bei Selig war es wie in einer extrem intensiven Liebesbeziehung, die dann so zerplatzt, ganz viel blieb ungeklärt und wurde nicht verarbeitet. Jetzt haben wir auch eine intensive Zeit gemeinsam, aber das macht Spaß und ist so reinigend.
Ihr versteht Euch also noch gut?
Neander: Wahnsinnig gut, besser denn je.
Wie reagieren die Fans auf Euer Comeback?
Neander: Das ist ganz interessant. Die erste kleine Tour war ganz schnell ausverkauft. Und die Fans reagieren euphorisch und warmherzig. Auf unserer Homepage im Gästebuch sind auch einige sehr berührende Einträge.
Sind das die gleichen Fans wie vor zehn Jahren?
Neander: Das ist gemischt. Wenn die Leute im Publikum mitsingen, kannst du sehen, wer ein neuer Fan ist. Die wundern sich, ‹Eh, die singen alles mit, ich kenn´ die Lieder gar nicht›. Bei Rock am Ring hatten wir eine Autogrammstunde - da weiß man ja auch nicht, ob tatsächlich jemand erscheint - und es kamen wirklich viele, ich würde sagen 90 Prozent neue Fans und zehn Prozent Leute, die uns von früher kennen.
Auf Eurer Homepage steht, Ihr habt vor zehn Jahren die Band aufgelöst, weil Ihr dem «sinnlichkeitsverschlingenden Hochgeschwindigkeitsdruck» entfliehen wolltet. Was bedeutet das?
Neander: Wir waren ständig unterwegs. Alles drehte sich nur um Selig. Wir waren in einem Rausch und haben den Punkt verpasst, wo man noch auf sich selbst aufpasst und noch ein eigenes Leben führen kann. Wir hatten viel Druck von außen. Bei der letzten Platte waren wir in New York, hatten eine Modestrecke im Rolling Stone und sind mit der Limo durch die Gegend gefahren, haben in einem ganz teuren Studio aufgenommen. Wir waren von uns selbst entfernt. Das machen wir jetzt sehr viel besser. Jeder hat seine Freiräume und die werden respektiert.
Aber Ihr spielt auf 13 Festivals in diesem Sommer, viel zu tun gibt es also immer noch.
Neander: Ja, aber das ist nicht bedrohlich. Wir haben total Lust darauf und die Wochen dazwischen ist ja dann nichts. Und im Herbst kommt eine größere Tour.
Das neue Album «Und endlich unendlich» - was sind die musikalischen und vielleicht auch emotionalen Unterschiede zu den drei Alben vorher?
Neander: Das sind immer Zeitdokumente. Die erste Platte klingt nach ‹Die Welt erobern, alle bekehren und wild sein›. Die zweite Platte ist psychedelisch, verwirrt und das dritte Album steht für ‹Wir lösen uns bald auf›. Da sind aber auch noch schöne Stücke drauf. Und das vierte Album signalisiert Vergebung, Freude. Es ist sicher die entspannteste Platte von uns. Wir haben auch zum ersten Mal selbst produziert, in meinem Studio. Das war ein therapeutischer Prozess für uns. Es ist ja auch schwierig, mit fünf so starken Charakteren eine Platte zu produzieren. Hat aber super geklappt. Nach der Tour soll ein neues Album kommen, das dann hoffentlich wieder wie Selig klingt.
Selig sind Sänger Jan Plewka, Bassist Leo Schmidthals, Gitarrist Christian Neander, Stephan «Stoppel» Eggert am Schlagzeug und Keyboarder Malte Neumann. Mit Liedern wie «Ohne Dich» und «Ist es wichtig?» waren sie eine der wichtigsten deutschsprachigen Rockbands der 1990er Jahre. Nachdem sie den Soundtrack zum Film «Knocking On Heaven´s Door» eingespielt hatten, trennten sich die fünf Musiker 1998. Seit September 2008 ist die Gruppe offiziell in Originalbesetzung wiedervereint. Das aktuelle Album «Und endlich unendlich» erschien am 20.03.2009.
Selig live:
26.06. St. Gallen, Open Air Festival (Schweiz)
03.07. Bremen, Breminale
04.07. Bonn, Rheinkultur Festival
05.07. Herford, Sommer Festival
10.07. Berlin, Zitadelle Spandau
11.07. Neuhofen an den Ybbs, Rock am Bach (Österreich)
18.07. Cuxhaven, Deichbrand Festival
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