Von news.de-Redakteur Michael Heinrich
Der Band mit Kurzgeschichten aus dem Nachlass des 2007 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut ist weit davon entfernt, eine Restesammlung zu sein. Es ist vielmehr ein dringend lesenswertes Buch von großer Menschlichkeit.
Zwischen den Trümmern des zerbombten Dresden räumen drei Kriegsgefangene die Straßen und tauschen Kochrezepte aus: Anitra al Cognac (Ente in Cognac), Spiedini alla romana (Hackbällchen am Spieß, römische Art) und Lady-Baltimore-Kuchen. Die Rezepte, die sie machen möchten, wenn sie wieder zu Hause sind, kritzeln sie in ihre Notizbücher. Das ist der Stoff aus dem Kurt Vonnegut eine seiner unnachahmlichen Geschichten spinnt.
Er erzählt vom Krieg, den er selbst miterlebt hat. Vonnegut war nach seiner Gefangennahme im Dezember 1944 in den Ardennen in einem Schlachthaus in Dresden interniert. Die Erfahrungen verarbeitete er in seinem berühmtesten Werk, Slaughterhouse 5 (1969). Am 13. Februar 1945 erlebte er den verheerenden amerikanisch-britischen Bombenangriff, der die Stadt in Schutt und Asche legte, mit.
Es ist ein großes Thema auch in Der Taubenblaue Drache. Ohne Science Fiction und mit weniger Ironie als für gewöhnlich prangert Vonnegut den Krieg an. Dass ein Amerikaner mit so starken Worten die sinnlose Zerstörung Dresdens geißelt, zeigt wie sehr Vonnegut Humanist war. «Ich war ein Gefangener, hungrig, schmutzig, voller Haß, aber ich liebte diese Stadt», schreibt er. «Es gab die taktischen Erfordernisse: stoppt die Eisenbahnen. Ein excellentes Manöver ... über einhunderttausend Zivilisten getötet und eine prächtige Stadt von Bomben zerstört. Eisenbahnen etwa zwei Tage lang ausgeschaltet.» Mit diesem Bombenangriff «haben wir ein eigenes Bergen-Belsen erschafften. Die Methode war unpersönlich, aber das Resultat war gleichermaßen grau und herzlos.»
Der Leser kann in diesem Buch, das von Harry Rowohlt übersetzt worden ist, viel über den Entstehungsprozess einer guten Geschichte erfahren. Mit der Art, wie Vonnegut in jeder einzelnen der 19 Erzählungen seine Leser mit den ersten Zeilen einfängt und bis zum Ende nicht mehr los lässt, steht er in einer Reihe mit den besten amerikanischen Autoren von Kurzgeschichten, allen voran Ernest Hemingway.
Ebenso wie dieser lässt Vonnegut vieles unausgesprochen unter der Oberfläche. Die Personen, die er mit wenigen Federstrichen zeichnet, sind authentisch und übermitteln die Aussage perfekt. Sie lassen zugleich Spielraum für Interpretationen – in ihrer Aussage aber sind sie dennoch glasklar.
Zwei Geschichten stechen etwas heraus. In Thanasphäre und Seins? Oder nicht seins? schafft Vonnegut den Sprung aus der Vergangenheit in die amerikanische Epoche der Postmoderne. Garniert ist das wunderbare Buch mit einem Vorwort seines Sohnes Mark und Grafiken, die die Aussagen der Geschichten unterstützen. Der Perfektionist Vonnegut hätte wohl Freude an diesem Gesamtwerk gehabt.
Autor: Kurt Vonnegut
Titel: Der Taubenblaue Drache
Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 398 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsdatum: Februar 2009