Von Sascha Gorhau
Hellschwarz und grellpink: Das alljährliche Wave-Gotik-Treffen ist eine der buntesten Veranstaltungen des Festivalsommers. Ganz im Gegensatz zur eher dunklen Kleidung seiner Besucher. Auch sonst bietet das Festival einige Überraschungen.
Insgesamt 40 Veranstaltungsstätten weist das Programm des WGT aus. Darunter die altehrwürdige Thomaskirche und die Leipziger Oper. Das Treffen will mehr sein als ein reines Musikfestival. Neben klassischen Konzerten, Museumsbesuchen und Lesungen gibt es unter anderem Friedhofsführungen und den Vortrag eines Forensikers.
Im Rahmen der schwarzen Zusammenkunft verursacht ein geführter Spaziergang über Leipziger Ruhestätten wohl bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl: Grufties, die sich lüstern an Totenstätten delektieren. Angesichts der rund 20.000 Besucher des weltgrößten schwarzen Open-Airs überrascht es allerdings schon etwas, dass sich um 17 Uhr lediglich neun nicht gerade farbenfroh gekleidete Festivalgäste zur Führung über den Leipziger Südfriedhof einfinden.
Die führt Alfred E. Otto Paul durch, eine Referenz in Sachen Friedhofskunde allgemein und wandelndes Lexikon für alle Belange rund um die Leipziger Ruhestätten im Speziellen. Laut ihm haben die vorhergehenden Führungen des Tages allerdings weit mehr Zuspruch genossen.
Die intime Gruppe indes ist interessiert und aufgeschlossen. Einmütiges Kopfschütteln ernten die Grabschändungen, von denen Fachmann Paul erzählt. Erst heute morgen hätten Unbekannte eine Urne demoliert und deren Verschluss entwendet.
Fasziniert hängt die schwarze Rotte an seinen kundigen Ausführungen. Jeden Stecknadelkopf würde man fallen hören, wenn der Leiter der Führung über bedeutende Friedhofsdenkmäler und ihre Hintergrundgeschichten referiert. Eine Gruppe Senioren könnte nicht aufmerksamer sein. Die Blicke sind interessiert und die Fragen werden leise und sachlich gestellt. Man spürt, dass das Interesse an der Grabmalskunst und der Geschichte der Stätten im Vordergrund steht.
Fernab von experimentellen Teenie-Eskapaden auf Friedhöfen ist diese Führung typisch für das WGT 2009. So paradox es klingen mag, aber hier findet die Veranstaltung zu sich selbst; oder wie Festivalsprecher Cornelius Brach es bezeichnete: „Wir wollen unseren Besuchern eine außergewöhnliche Atmosphäre bieten.“
In jedem Sinne besonders ist auch ein Vortrag, dem die Besucher des WGT am Samstagnachmittag lauschen konnten. Der weltbekannte Forensiker Dr. Mark Bencke referiert erst über seine Forschungen an den Zähnen Hitlers und dann über Skurriles zu Serienmördern. Die Stimmung hier ist allerdings eine gänzlich andere, als eben noch auf dem Friedhof.
Die Veranstaltungshalle im Leipziger Süden ist bis zum Bersten gefüllt – viele Wartende vor dem Eingang werden wieder weggeschickt. Die Stimmung im Publikum erinnert eher an Stand-Up-Comedy, denn an ein Gruftiekonvent. Mit jeder Menge kölschem Schalk im Nacken erzählt Bencke von den Erlebnissen mit des Führers Unterkiefer und dem forensischem Nutzen von Insekten.
Die schwarze Menge biegt sich vor Lachen. Hier haben sich alle lieb; trotz Geschichten vom Verbrennungsgrad der Leiche von Goebbels und dem Metzelwahn von Psychopathen. Das grelle Pink, das einige Festivalbesucher im Kontrast zur ansonsten schwarzen Kleidung tragen, transportiert genau die Stimmung im Saal.
Der Facettenreichtum des WGT in Leipzig ist seine Stärke, sein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem oft einseitigen Festivalalltag zwischen Sporttrinken und Wettbaggern.
Dass die Besucher der Veranstaltung diese Breite wünschen und mittragen zeigt, wie weit weg die Szene von den gängigen Vorurteilen ist, die sich meist zwischen potenziell lebensverneinendem Selbstmörder und scheuem Friedhofsschänder befinden. Keins von dem trifft zu. Das Wave-Gotik-Treffen ist der eigentliche Farbklecks der Festivalsaison. Und das schon zum 18. Mal.