Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Das eigentliche Drama des Eurovision Song Contest spielte sich nicht in Moskau, sondern auf der Hamburger Reeperbahn ab. War das Programm in der Russischen Hauptstadt wenigstens Massenware, lieferte der NDR dem Publikum eine Zumutung ins Wohnzimmer.
Ein braves Lied, ein Popmärchen, schlägt in Moskau all diejenigen, die auf nackte Haut oder sogar billige Erotik gesetzt haben. Eine neue Prüderie im Popgeschäft? Vielleicht, doch der Eurovision Song Contest (ESC) ist eben ein wenig wie der DFB-Pokal, unberechenbar, und auch Sex ist in der Musikbranche inzwischen so allgegenwärtig, dass die Zuschauer des ESC ihn gerade hier wohl nicht sehen wollten.
Auch Deutschland hat versucht, sich mit Dita von Teese zu schmücken und ist sang- und klanglos gescheitert. Obwohl, so sanglos dann doch nicht. Oskar Loya hat seine Sache durchaus gut gemacht, er hat das Stück Miss Kiss Kiss Bang überdurchschnittlich umgesetzt. Musikalisch aber war es Massenware, wie so vieles an diesem Abend. Und gefragt war es nicht.
Das eigentliche Debakel aber erlebten die deutschen Fernsehzuschauer vor und nach dem Contest. Was dem Publikum da vom NDR als Countdown und Party von der Reeperbahn zugemutet wurde, moderiert von Katja Wunderlich und Thomas Anders, war eine mehr als fragwürdige Angelegenheit, deren trauriger Höhepunkt erreicht war, als Russendisko-Autor Wladimir Kaminer krampfhaft versuchte, die Übergriffe der russischen Polizei auf Schwule und Lesben zu verharmlosen.
Pflichtschuldig blendete der NDR denn auch eine Gruppe Homosexueller im Publikum ein, passende Staffage für einen peinlichen Moment. Überhaupt waren die Moderatoren so bemüht, möglichst keine Fehler zu machen, dass sie leider auch verpassten, etwas richtig zu machen. Ist die Anstrengung, ein perfekt organisiertes Event auf die Beine zu stellen, wirklich so groß, dass jegliche Authentizität, jegliche Freude an der Arbeit auf der Strecke bleiben muss? Würde von diesem Funken auch nur ansatzweise etwas überspringen, könnte man dem NDR den Trash-Charakter der Show vielleicht verzeihen, so aber blieben am Ende nur die zu einem müden Lächeln erstarrten Masken von Katja Wunderlich und Thomas Anders in Erinnerung.
Nun muss man gar nicht so weit gehen wie Italien und sich komplett vom Eurovision Song Contest zurückziehen, eine Option für Kulturpessimisten. Viel wichtiger wird es im kommenden Jahr sein, dem Fernsehzuschauer plausibel zu machen, warum ein durch GEZ-Gebühren finanzierter Sender viel Geld für solch indiskutable Veranstaltungen ausgibt. Beruhigend, dass das internationale Publikum davon nur die ausschnitthaften Sekunden während der Punktevergabe erleben musste. Selbst der 20. Platz wäre sonst nicht zu halten gewesen.
che