Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Das überragende Ergebnis des Norwegers Alexander Rybak beim Eurovision Song Contest in Moskau wird man noch ein wenig in Erinnerung behalten. Den enttäuschenden 20. Platz für Deutschland auch. Der Rest des Abends aber dürfte schnell vergessen sein.
Entweder fand in London gestern Abend kein «Countdown» zum Eurovision Song Contest statt wie in Hamburg, oder der Stern von Paul Potts beginnt bereits seinen Sinkflug. Der Gewinner von Britain‘s Got Talent 2007 nämlich stand auf der Reeperbahn auf der Bühne, als blasser Lichtblick in einem 45-minütigen Moderations- und Stimmungsfiasko. «Wir sind alle heute etwas patriotisch», hatte Popsternchen Jeanette Biedermann verkündet, neben Guildo Horn, H.P. Baxxter von Scooter, Tobias Künzel von den Prinzen sowie der Musikexpertin Silvia Kollek Jurorin für Deutschland. Der russische Autor Wladimir Kaminer aber musste das falsch verstanden haben.
Dass auch der Tag des Finales in Moskau nicht ohne Gewalt der russischen Polizei zu Ende gegangen war - diesmal gegen Schwule und Lesben - ließ ihn kalt. Man solle seinem Land doch etwas Zeit lassen, die Russen seien nicht schwulenfeindlich, im Gegenteil, sie könnten das nur nicht zeigen. So kommentierte er den Einsatz der auf Anti-Terror-Einsätze spezialisierten Sonderpolizei Omon, die vor dem Gebäude der Lomonossow-Universität mit Schlagstöcken gegen die friedlich demonstrierenden Homosexuellen vorgegangen war. Die Bilanz: 40 Festnamen, anders als sonst jedoch keine Verletzten.
Als wollten die Veranstalter dieses traurige Ereignis vergessen machen, begann der Song Contest 2009 mit einer beeindruckenden Vorstellung des Cirque du Soleil. Mit mehr als 30 Millionen Euro ließ sich Russland das Event so viel kosten wie noch kein Staat zuvor. Für den Rest der drei Stunden aber stahl sich Moskau selbst die Show - mit einem hölzernen Moderatorenduo und dem gewohnt hastigen Sprint durch die 25 Beiträge. Bloß keine Pausen, selbst die Trailer zu jeder Grand-Prix-Nation wirkten - obgleich grafisch ansprechend - hektisch. So hektisch, dass sogar Patricia Kaas, für Frankreich mit Et S'il Fallait Le Faire vertreten, durch das Tempo alles divenhafte, jeglichen Glamour verlor.
Ein Schicksal, das sie mit der Burlesque-Tänzerin Dita von Teese teilte, die sich nach einigen Debatten für die züchtigere Striptease-Variante beim deutschen Auftritt von Alex Swings Oscar Sings entschieden hatte. Und so bröckelte ihre Aura weiter, in einem ohnehin schon unspektakulären Rahmen. Am Ende schnitt Deutschland mit 35 Punkten für einen dennoch überdurchschnittlichen Beitrag auf einem unterdurchschnittlichen 20. Platz ab.
Selbst die Zuschauer aber, die dem Ernst der Moderatoren und Teilnehmer nichts abgewinnen konnten und auf den ein oder anderen Ausrutscher gehofft hatte, wurden enttäuscht. Keine Skandale, keine Ausreißer, der Song Contest im Jahr 2009 wirkte wie verordneter Einheitsbrei, glattgebügelt und monoton. Zwar bot Islands Sängerin Yohanna mit Is It True? eine hübsche und handwerklich solide Ballade, zwar zeigte Sakis Rouvas, der «griechische Robbie Williams», ordentlichen, wenn auch etwas verstaubten Dancepop, wirkliches Vergnügen aber kam selten auf. Der Band Regina aus Bosnien-Herzegovina oder Nelly Ciobanu aus Moldawien gelang ein solider Spagat aus traditioneller und Pop-Musik, Maltas Chiara und Estlands Urban Symphony überzeugten schlicht mit einer großartigen Stimme. Mehr jedoch nicht.
Mit der Startnummer 20 schließlich stahl ein 23-jähriger Sänger der gesamten Konkurrenz die Show: der Norweger Alexander Rybak, ein gebürtiger Weißrusse, der sich mit seinem selbst komponierten Fairytale schon zu Beginn der Punkteauswertung als Favorit herausstellte und den Abend spätestens ab der Hälfte der Auszählung zu einer Formsache machte. Wieder Langeweile. Schließlich holte er mit dem Rekordergebnis von 387 Zählern, 12 davon auch aus Deutschland, und 169 Punkten Vorsprung auf Island souverän den Titel. Dass er anscheinend die Herzen einiger europäischer Kommentatorinnen gebrochen hatte, dürfte ihn da weniger interessieren. Wie auch der dritte Platz für Aserbaidschan.
Auffällig in diesem Jahr: Die relativ hohe Anzahl der Künstler, die in ihrer Heimatsprache sangen. Keine Selbstverständlichkeit, ist das doch seit zehn Jahren nicht mehr Pflicht. Der Eigenständigkeit der Beiträge aber half auch das nicht - zu viel gesichtlose Massenware aus Pop und Folklore, weshalb Länder wie Aserbaidschan, die Türkei oder Schweden auch mehr auf das Aussehen ihrer Sängerinnen vertraut zu haben schienen. Und wenn gar nichts mehr ging, gab es ja immer noch Windmaschinen und Feuerwerk.
Allem Einheitsbrei zum Trotz erlebte der Song Contest selbst in seinem 54. Jahr noch eine echte Premiere: Erstmals kam das Startsignal für die Stimmabgabe nicht von der Erde, sondern von der Besatzung der Internationalen Raumstation ISS, genauer vom Japaner Koichi Wakata, der den Zuschauern zurief: «Europa, starte die Abstimmung». Und dann erfreute Wakata die Raumfahrt-Fans auch noch mit dem in Russland populären Kosmonauten-Zitat «Pojechali» (Los geht's). Da aber war bereits alles vorbei.
Das Endergebnis des Eurovision Song Contest 2009:
1. Norwegen: Alexander Rybak, «Fairytale» (387 Punkte)
2. Island: Yohanna, «Is It True?» (218 Punkte)
3. Aserbaidschan: AySel & Arash, «Always» (207 Punkte)
4. Türkei: Hadise, «Düm Tek Tek» (177 Punkte)
5. Großbritannien: Jade Ewen, «It's My Time» (173 Punkte)
6. Estland: Urban Symphony, «Rändajad» (129 Punkte)
7. Griechenland: Sakis Rouvas, «This Is Our Night» (120 Punkte)
8. Frankreich: Patricia Kaas, «Et S'il Fallait Le Faire» (107 Punkte)
9. Bosnien-Herzegowina: Regina, «Bistra Voda» (106 Punkte)
10. Armenien: Inga & Anush, «Jan Jan» (92 Punkte)
11. Russland: Anastasia Prikhodko, «Mamo» (91 Punkte)
12. Ukraine: Svetlana Loboda, «Be my Valentine! (Anti-crisis Girl)» (76 Punkte)
13. Dänemark: Brinck, «Believe Again» (74 Punkte)
14. Moldawien (Republik Moldau): Nelly Ciobanu, «Hora Din Moldova» (69 Punkte)
15. Portugal: Flor-de-lis, «Todas As Ruas Do Amor» (57 Punkte)
16. Israel: Noa & Mira Awad, «There Must Be Another Way» (53 Punkte)
17. Albanien: Kejsi Tola, «Carry Me In Your Dreams» (48 Punkte)
18. Kroatien: Igor Cukrov feat. Andrea, «Lijepa Tena» (45 Punkte)
19. Rumänien: Elena, «The Balkan Girls» (40 Punkte)
20. Deutschland: Alex Swings Oscar Sings!, «Miss Kiss Kiss Bang» (35 Punkte)
21. Schweden: Malena Ernman, «La Voix» (33 Punkte)
22. Malta: Chiara, «What If We» (31 Punkte)
23. Litauen: Sasha Son, «Love» (23 Punkte)
23. Spanien: Soraya, «La Noche Es Para Mí (The Night Is For Me)» (23 Punkte)
25. Finnland: Waldo's People, «Lose Control» (22 Punkte)
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