Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Von der Zeit, als der Kalte Krieg zu Ende ging, ist in diesen Tagen viel die Rede. Vom Osten und der DDR. Erstaunlich wenig hört man von denen, die den Kalten Krieg ausgefochten hätten: den Soldaten. Nun schafft ein Buch Abhilfe.
Fast ganz am Ende von Leander Haußmanns misslungener Filmkomödie NVA gibt es zumindest eine sehr amüsante Szene: Zwei Ost-Offiziere stehen da in ihrem Dienstzimmer, die Soldaten sind ihnen gerade davongelaufen und das Land, dem sie dienen, löst sich gerade auf. «Und jetzt? Bundeswehr?», fragt der von Detlev Buck gespielte Oberst. «Auf keinen Fall», lautet die Antwort von Hauptmann Stummel.
Angesichts dieser Frage, vor der damals immerhin eine ganze Armee stand, und angesichts der Unerbittlichkeit, mit der sich NVA und Bundeswehr jahrzehntelang gegenüberstanden, ist es enorm erstaunlich, wie lautlos die einstigen DDR-Streitkräfte ins bundesdeutsche Militär integriert wurden. Als habe man nur die Uniform tauschen müssen.
Vielleicht auch deshalb spielt das Militär in der aktuellen Aufarbeitung der Wiedervereinigung 20 Jahre nach dem Mauerfall kaum eine Rolle. In diese Lücke stößt nun die Putz- und Flickstunde von Sten Nadolny und Jens Sparschuh. «Im Ernstfall hätten sie einander gegenüber gestanden», behauptet der Klappentext des Buches. Das ist zwar schon allein wegen des Altersunterschieds etwas arg überzeichnet. Dennoch sind die Autoren eine interessante Paarung.
Funker Nadolny wollte bei der Bundeswehr Anfang der 1960er Jahre «wohl ein richtiger Mann werden», wie er an einer Stelle schreibt. Er erlebte die Kubakrise in Uniform und brachte es immerhin zum Offizier der Reserve. Soldat Sparschuh hingegen kam erst 1983 als 28-Jähriger zur unvermeidlichen Nationalen Volksarmee, was für ihn aber nur eine kurze Stippvisite war, weil er als Intellektueller wertvollere Dienste für den Sozialismus verrichten zu können schien.
Zwei Kalte Krieger erinnern sich heißt der Untertitel, und das passt schon besser. Denn das Buch basiert in erster Linie auf Gesprächsprotokollen der befreundeten Schriftsteller. Gelegentlich wird auf ein paar Tagebuch-Einträge Bezug genommen, doch meist bleibt es beim Wühlen in Erinnerungen, beim Aufspüren von Absurditäten, beim gegenseitigen Herauskitzeln von Peinlichkeiten.
Wer deshalb Schwadronieren über Exzesse und Exerzieren, Kasernen und Kalaschnikows, Zapfenstreich und Zusammenhalt erwartet, der kann beruhigt sein. Nadolny und Sparschuh erweisen sich schnell als viel zu intelligent (und allem Militärischen gegenüber viel zu kritisch), um in Landser-Larmoyanz zu verfallen. Stattdessen wird dies eine sehr persönliche, aber hoch interessante Betrachtung über soziale Dynamik, über die Irrungen der Jugend und vor allem über deutsch-deutsche Geschichte.
Dazu steuert jeder der Autoren einen neuen Beitrag als «Zwischenlektüre» bei, wovon besonders Sparschuhs Puzzle über einen ausufernden Anwerbeversuch der Stasi beeindruckt. Unterm Strich ist das eine runde Sache. Beim Militär gibt es derlei Komplimente freilich nicht. Dort sagt man wohl einfach: «Weitermachen.»
Autoren: Sten Nadolny und Jens Sparschuh
Titel: Putz- und Flickstunde. Zwei Kalte Krieger erinnern sich
Verlag: Piper
Umfang: 208 Seiten
Preis: 16,95 Euro
Erscheinungsmonat: März 2009