Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Der Eurovision Song Contest ist immer auch eine politische Bühne gewesen. Doch taugt er damit gleich als Ort, an dem sich Völker die Hände reichen? Oder watschen sich in diesem Zirkus die beteiligten Nationen nur gegenseitig und mit Vergnügen ab?
Israel hat nicht erst seit diesem Jahr eine recht spezielle Beziehung zum Eurovision Song Contest. 1998 etwa schickte das Land die Transsexuelle Dana International ins Rennen und gewann. Und in diesem Jahr? Heuer läuft das jüdisch-arabische Duo Noa & Mira Awad auf und will mit There Must Be Another Way für Versöhnung im Nahen Osten werben. «Zu viel Politik für die ESC-Sause?», fragt da die Schweizer Boulevardzeitung Blick.
Nun passen Politik und Musik ja durchaus zusammen, beide leben von einem gerüttelt Maß an Show und Unterhaltung, und auch, dass Politiker gerne mal ein Ständchen - oder auch Loblied - singen, ist so neu nicht. Dass aber Walter Scheels Version von Hoch auf dem gelben Wagen Westdeutschland politisch wirklich hätte voranbringen können, war von vornherein eine bundesrepublikanische Illusion. Und auch John McCain hat sich, da war er noch US-Präsidentschaftskandidat, mit dem umgetexteten Barbara Ann von den Beach Boys mit kräftigem Anlauf in die Nesseln gesetzt. Er sang statt des Originalrefrains Bomb Iran. Das kam nicht überall gut an.
Mit Musik lässt sich eben nur bedingt Politik machen. Und in Sachen Völkerverständigung sieht es noch komplizierter aus. Das funktioniert vielleicht an Strand oder Lagerfeuer, es mag ansatzweise auch im Rheinischen Karneval funktionieren, beim Eurovision Song Contest aber weht ein anderer Wind. Nicht, dass es da nicht politisch zuginge, ganz im Gegenteil. Und insofern kann die Frage des Schweizer Gossenblatts auch eindeutig mit Nein beantwortet werden. Doch die Zeiten von Ein bisschen Frieden sind vorbei.
Heute werden aus Tradition und Prinzip bestehende Gräben auf der großen Eurovisionsbühne eher vertieft als zugeschüttet, wird das Mittel der «Zero Points» mit Vergnügen dafür genutzt, ungeliebte Nachbarn abzuwatschen. Wohl auch aus diesem Grund erreicht die Veranstaltung in vielen Ländern derart traumhafte Einschaltquoten.
Die Eurovision trägt ihren Namen eben nicht ohne Grund. Und auch da kommt wieder ein Politiker zu Wort, dieses Mal Altkanzler Helmut Schmidt: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.»