Ein bisschen Revolution im «Bunker»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 12.05.2009
Das 62. Filmfestival in Cannes beginnt mit einer kleinen Revolution: Erstmals eröffnet ein Animationsfilm das Festival. Ansonsten herrscht an der Côte d’Azur eher Flaute. Große Partys? In diesem Jahr Fehlanzeige. Deutsche Beiträge? Na gut, einer.
Schon bei den Oscars in diesem Jahr fiel die Party des Hochglanzmagazins Vanity Fair kleiner aus als 2008. In Cannes (13. bis 24. Mai) müssen die verwöhnten Gäste nun sogar ganz auf die Fete verzichten. Die Krise hat die Filmbranche erwischt, man übt sich in Bescheidenheit. Auch German Films, die Promotionagentur für das deutsche Kino, lädt nicht mehr zum Buffet in eine Traumvilla, sondern nur noch zu einem kleinen Empfang. Ohne Häppchen. Man bittet um Verständnis.
Bei den Namen aber hält sich Cannes keineswegs zurück, oder eben doch. Mit Lars von Trier, Quentin Tarantino, Ken Loach und Jane Campion zeigen gleich vier ehemalige Preisträger ihre neuen Werke im Palais des Festivals et des Congrès, genannt «Le Bunker». Und auch Oscar-Gewinner Ang Lee und Cannes-Lieblinge wie Pedro Almodóvar und Michael Haneke mit dem einzigen deutschen Film im Wettbewerb (Das weiße Band) sind dabei. Nach Mut bei der Auswahl klingt das nicht gerade, von den insgesamt 20 Beiträgen im Wettbewerb stammt fast die Hälfte von ehemaligen Preisträgern.
Dafür startet das Festival mit einem Novum, einer Revolution. «Brillen auf» heißt es am Mittwoch, denn erstmals läuft bei der Eröffnung ein Animationsfilm in 3D, der Pixar-Streifen Up (Oben). Gerade dieser Film aber ist ein familientauglicher Hollywoodstreifen und nichtmal ansatzweise Programmkino. Auf die Fotos des elegant gestylten Gala-Publikums mit 3D-Brillen auf den gepuderten Nasen aber darf man sich freuen.
Die Ursprungsidee des Festivals indes ist fast vergessen. 1946 als Alternative zum faschistisch indoktrinierten Festival in Venedig aus der Taufe gehoben, entwickelte sich Cannes schnell zum Liebling der Massen. Auch, weil es nicht nur mit seinen Filmen, sondern vor allem mit seinen Stars und Skandalen immer wieder den Weg in die Schlagzeilen fand. Besonders in Erinnerung: Die Paparazzi-Tumulte während der Studentenunruhen 1968, nach denen das Festival sogar abgebrochen werden musste.
Heute ist es ruhiger geworden in Cannes, auch, wenn das Blitzlichtgewitter immer noch etwas heftiger ausfällt als in Los Angeles oder Berlin. Vor allem aber die Qualität der Filme fordert die Presse immer wieder heraus. «Cannes, oder die Unfähigkeit, sich noch aufzuregen», schrieb die Zeit schon 1986. «Ist nur ein Jux, seid zynisch, seid frivol. ‹Die Delirien von Cannes› frohlockt eine literarische Pariser Zeitschrift.» Nicht wenige wünschen sich immer wieder mehr Debatte als Gelage, mehr Kino als Schaulaufen.
Bejammert wird regelmäßig auch der Mangel an deutschen Beiträgen. In diesem Jahr versucht den die Staatskasse wieder wettzumachen. Mit 2,6 Millionen Euro Filmförderung alleine für Quentin Tarantinos Nazidrama Inglorious Basterds gibt sich Deutschland großzügig. Dafür aber muss der 46-jährige US-Amerikaner, der 1994 die Goldene Palme für Pulp Fiction erhielt, auch mit Schauspielern wie Brad Pitt, Til Schweiger oder Daniel Brühl auflaufen. Auch deshalb gibt Kulturstaatsminister Neumann die Millionen gerne: «Dadurch wird nicht nur die Filmwirtschaft nachhaltig gestärkt, auch immer mehr deutsche Themen, Schauspieler und Autoren werden international immer stärker beachtet.»
Für elf Tage aber schielt die Kinowelt nun wieder auf die Jury, deren Vorsitz in diesem Jahr die Französin Isabelle Huppert (Violette Nozière, Die Klavierspielerin) innehat. Die 56-Jährige, die zu den Stammgästen an der Croisette gehört, ist nach Liv Ullmann, Jeanne Moreau und Françoise Sagan erst die vierte Frau an der Spitze des Gremiums, das die Goldene Palme vergibt. Sie entscheidet mit Asia Argento, Nuri Bilge Ceylan, Lee Chang-Dong, James Gray, Hanif Kureishi, Shu Qi, Robin Wright Penn und Sharmila Tagore aber auch über die anderen Preise des Wettbewerbs: den Großen Preis der Jury, Preise für die besten Darsteller, die beste Regie und das beste Drehbuch, den Preis der Jury sowie eine Goldene Palme für den besten Kurzfilm und eine Goldene Kamera für den besten Debütfilm.
Zudem vergibt die Presse seit 1960 jedes Jahr noch den Prix Orange an einen herausragenden Darsteller, der Dachverband Commission Supérieure Technique de l'Image et du Son (CST) verleiht für herausragende künstlerisch-technische Errungenschaften seit 1951 den Prix Vulcain de l'artiste technicien an Ausstatter, Kameramänner, Beleuchter, Cutter, Regisseure oder auch ein ganzes Ensemble. Die Preisverleihung findet am 24. Mai, dem letzten Festivaltag statt.
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