Architektur voller Geister und Geschichten
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 12.05.2009
Mit seinen Fotografien von Peter Zumthors Graubündner Bauten schrieb der Schweizer Fotograf Hans Danuser in den 1980er Jahren Geschichte. Ein Buch, dem ähnliches gelingen dürfte, beleuchtet nun diese revolutionäre Zusammenarbeit.
Seit 1988 widmet sich die Schweizer Architekturzeitschrift Hochparterre unter ihrem Chefredakteur Köbi Gantenbein den Themen Architektur, Design und Bauplanung. Das hohe Ansehen, das sie sich seitdem erschrieben hat, zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit dem Züricher Verlag Scheidegger & Spiess. Gemeinsam haben beide Häuser nun die zweite, handwerklich hervorragende Ausgabe der «Edition Hochparterre bei Scheidegger & Spiess» herausgebracht: Zumthor sehen. Bilder von Hans Danuser.
Was so schlicht klingt, beschreibt eigentlich eine Revolution in der Geschichte der Fotografie. «In den 1970er-Jahren war die Fotografie an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr wusste, wo sie stand», sagt Danuser in einem Zwiegespräch mit Gantenbein, das in dem 88 Seiten starken Band abgedruckt ist. «Aber nur ein fotografischer Bereich in dieser Zeit war aufregend und spannend, nämlich die Werbung.» Manch einer sagte damals sogar, die Fotografie sei tot. Wieder einmal. «Die traditionelle Reportagefotografie, die ihren Höhepunkt in den 1950er-Jahren erlebte, war ausgelaugt und hatte dann noch eine Nische im Feuilleton gefunden», sagt Danuser, und auch in der Kunst habe das Foto keinen autonomen Platz gehabt.
Danuser vergleicht seine Aufnahmen, die er von Zumthors Graubündner Bauten wie der Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg, der Therme Vals und den Schutzbauten über den römischen Funden in Chur gemacht hat, denn auch eher mit Literatur: «Das Beschreiben des Sichtbaren mit Worten und das Aufzeichnen des Sichtbaren mit Fotografie, um dem Verborgenen auf die Spur zu kommen, haben viele Ähnlichkeiten.» Den Einwand, Literatur sei Fiktion, lässt er nur bedingt gelten: «Beschreibt eine Autorin einen Gegenstand, einen Raum oder eine Landschaft, so kann sie den Leser in eine fiktive Welt führen.» Fotografie habe dieses Potenzial auch. «Sie kann werten, fiktionale Räume öffnen oder zu Spielereien einladen.»
Und so sind auch Danusers Bilder eigentlich Fiktion, so radikal subjektiv, wie man es von Architekturfotografie auch heute noch kaum gewohnt ist, so anders als auf den meist perfekt ausgeleuchteten Hochglanzbildern, die aus Prospekten oder Zeitschriften strahlen, hat der 1953 in Chur geborene Danuser Zumthors Architektur in Szene gesetzt. Da gibt es Wetter, ganz banal, da tauchen Bauten in diffusem Licht aus dem Nebel auf, da konzentriert sich der Blick auf die Materialien, auf die Zumthor in seinen Werken so viel Wert legt, auf Winkel, Flächen und Strukturen. Alles in Schwarzweiß. Und plötzlich ist da mehr als Architektur, plötzlich ist da ein «zauberhaftes Mysterium», wie Danuser sagt, «voller Geister und Geschichten».
Und noch eine kleine Revolution haben Zumthor und Danuser mit den Bildern angezettelt: Danuser erhielt von dem Architekten eine «Carte blanche», Zumthor sah die Bilder also erst kurz bevor sie in Druck gingen. «Peter ist damit sicher ein Risiko eingegangen», sagt Danuser, «denn schon Mitte der 1980er-Jahre hatte die neue Generation der Architekten damit begonnen, eine absolute Bestimmungshoheit über die Architekturfotografen und deren Bilder einzufordern.» Doch damit war es nun vorbei. Danusers Blick zählte, das zeigt jedes einzelne Bild, und gerade dieses Selbstbewusstsein war es wohl auch, dass damals so neu wirkte.
Aufregend sind die Bilder heute vor allem vor dem Hintergrund, dass Danuser die Fotografie noch immer für nicht adäquat hält, um Architektur abzubilden, ganz im Gegensatz zum architektonischen Plan oder Modell. Vielleicht auch deshalb hat er sich teils auf «Nebenschauplätze» konzentriert, wie er das nennt. Einen Zaun an der Sogn Benedetg etwa, den Bauern der angrenzenden Höfe errichtet hatten. Und auch davor, den Bau etappenweise zu begleiten und auch unfertig zu zeigen, scheute er nicht zurück. «Der Betrachter hat den Eindruck, es sei auch heute noch so, wie das die Bilder [...] zeigen, es ist aber anders.» Und so ist dieser Band vielleicht sogar Anreiz, Son Benedetg oder die Schutzbauten über römischen Fundamenten in Chur heute noch einmal oder endlich einmal zu besuchen und seinen eigenen Blick zu wagen.
Man mag bedauern, dass sich Danuser nach diesem «Experiment» mit Zumthor nur mehr selten der Architekturfotografie gewidmet hat und stattdessen in Serien gesellschaftliche Themen wie Gentechnik oder Globalisierung auslotet. Dieses Buch jedoch mag darüber hinwegtrösten, wenn es dieses Trostes denn überhaupt bedarf. Es ermöglicht, großartig reduziert, die Teilhabe an einer Zeit, die, anders als Zumthors Bauten, längst Vergangenheit ist. Eine Zeit, in der Architekten und Fotografen ihre Gattungsgrenzen gelockert hatten, wie Philip Ursprung in seinem erhellenden Essay Die Visualisierung des Unsichtbaren schreibt: «Diese Konstellation war ein kulturhistorischer Glücksfall. Inzwischen sind die Felder zwischen Architektur und Fotografie wieder unterteilt und ihre Protagonisten gehen getrennte Wege. Aber dennoch wird nichts im Bereich der Architekturdarstellung so sein wie früher.»
Herausgeber: Köbi Gantenbein
Titel: Zumthor sehen. Bilder von Hans Danuser
Mit einem Essay von Philip Ursprung und einem Gespräch von Köbi Gantenbein mit Hans Danuser
Verlag: Edition Hochparterre bei Scheidegger & Spiess / Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich
Seitenzahl: 88 Seiten, 40 Triplex- und sw-Abbildungen
Preis: 35 Euro
Erscheinungsdatum: 15. Mai 2009
Kommentar von schweiniii wegen Verstoßes gegen unsere Netiquette gelöscht.
jetzt antwortenKommentar meldenhahahaha das glaubt doch kein schwein was da steht außerdem wer will schon so viel lesen???????
jetzt antwortenKommentar meldengeht glaeserruecken wirklich?
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