Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wenn zwei Comedians wie Christoph Maria Herbst und Horst Evers sich Gedichte vorknöpfen, geht das entweder nach hinten los oder ab wie Schmidts Katze. Mit der CD «Kängt ein Guruh» ist ihnen zweiteres gelungen. Selten war Lyrik so komisch - und so aktuell.
Machen wir einen kleinen Assoziationstest. Woran beispielsweise denken Sie, wenn Sie den Begriff «Zwölf-Elf» lesen? An den Herrn der Ringe? Leider falsch. Christian Morgenstern? Viel besser. Noch einer? Na gut, wie wäre es mit «Ottos Mops»? Rehagel, meinen Sie? Otto Waalkes? Nein, natürlich geht es um Ernst Jandl. Und nun noch ein letzter, in Ordnung? Woran denken Sie bei «Gedichte aufsagen»?
Gut, das war nicht fair, den wenigsten dürften da schöne Erinnerungen kommen. Erst das Auswendiglernen, dann die Nervosität, vor der Klasse oder der Familie stehen zu müssen, die schweißnassen Hände, die Angst, zu versagen, den Text zu vergessen. Nein, Gedichte aufsagen macht keinen Spaß. Christoph Maria Herbst und Horst Evers aber, Comedians ersten Ranges, haben entweder eine deutlich entspanntere Kindheit gehabt als das Gros der Deutschen oder sie haben sich den Sinn für Lyrik durch ihren Humor bewahrt. Anders ist die CD Kängt ein Guruh - Lyrik meets Comedy nicht zu erklären.
Wobei der Untertitel - Lyrik meets Comedy - durchaus missverständlich ist. Sicher, da lesen zwei Comedians Gedichte, mit Comedy im eigentlichen Sinne aber hat das rein gar nichts zu tun. Mit dem Zwölf-Elf oder Ottos Mops schon viel eher, sind doch diese beiden Gedichte Teil der CD, neben 45 weiteren von Autoren wie Thomas Gsella, Clemens Brentano, Goethe, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Heinrich Heine, Tucholsky, Rilke oder Robert Gernhardt. Die Elite ist hier versammelt - und der ein oder andere, sagen wir, Geheimtipp.
Die Arbeit haben sich Herbst und Evers hübsch brüderlich geteilt, immer abwechselnd lesen Sie sich durch die 70 Minuten, unterteilt in sieben Kapitel wie Wort und Spiele, Fräuleins, Männer und Fragen oder Ganz leise heult der Schluchtenhund. Diese Abwechslung tut der CD hörbar gut, Evers und Herbst könnten verschiedener nicht sein. Evers, eher gemütlich, spielt die rauhe Monotonie seiner Stimme voll aus, etwa, wenn er Probleme beim Reimen und ihre Überwindung von Axel Maria Marquardt, Vom Seemann Kuttel Daddeldu von Ringelnatz oder Surabaya-Johnny II von Kästner vorträgt. Herbst hingegen, und das ist nicht besser, nur anders, nutzt eine Bandbreite in seiner Stimme, die das, was er auf der Bühne oder für das Fernsehen abliefert, noch übertrifft. Von rauchig-düster bis weiblich-sanft, gehaucht oder schrill gelingen ihm, etwa mit Charlottens Brief von Eckhard Henscheid, Interpretationen, die so manches Mal an Loriot erinnern.
Es sind eigentlich altbekannte Gedichte, die Evers und Herbst da vortragen. Auf diese Art gelesen aber hört man manches wie beim ersten Mal. Und wer nun denkt, Gedichte seien von gestern, muss sich nur Gsellas Letztes Wort an alle anhören, um zu begreifen, wie aktuell Lyrik sein kann: «Wenn Bayern wieder Meister wird, dann hör ich auf zu dichten und werde kühl und ungeniert die ganze Welt vernichten. Kurzum: Wenn Bayern Meister wird, dann kommt auch meine Stunde. Dann wird der Globus ausradiert, und ihr geht vor die Hunde. Drum macht, dass es ein andrer wird. Sonst lass ich’s Schreiben bleiben und werde kühl, doch passioniert euch allesamt entleiben.»
Titel: Kängt ein Guruh - Lyric meets Comedy
Sprecher: Christoph Maria Herbst und Horst Evers
Verlag: Deutscher Audio Verlag
Spielzeit: Etwa 70 Minuten
Preis: 16,99 Euro
Erscheinungsdatum: März 2009
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