Von Birgit Roschy
«Duplicity», der neue Streifen von Tony Gilroy, ist mit Julia Roberts prominent besetzt und hat ein daueraktuelles Thema gefunden: Spionage. Dem Regisseur ist damit ein Film gelungen, der eigentlich von nichts handelt und dennoch an große Klassiker erinnert.
Er trifft sie auf einer Party in Dubai. Oder trifft sie ihn? Sicher ist nur, dass nach einer gemeinsam verbrachten Nacht Claire mit Rays Geheimdienstakten verschwunden ist. Ray, Agent des britischen Geheimdienstes, steht blamiert da und schult zum Industriespion um. Fünf Jahre später trifft er die Ex-CIA-Agentin zufällig in New York wieder und macht ihr eine Szene. Dabei zeigt sich, dass sie bei demselben Konzern wie Ray auf der Gehaltsliste steht. In Duplicity geht es um Spionage, Gegenspionage und Gegen-Gegenspionage. Eigentlich geht es aber um nichts.
Dieses Nichts, das in der am 30. April anlaufenden Agentenkomödie aus einer geheimen Formel für ein kosmetisches Wundermittel besteht, nennt man seit Alfred Hitchcocks Zeiten einen «MacGuffin». Es handelt sich um ein Objekt der Begierde, das alle Beteiligten in Trab setzt - wie beispielsweise der Ring in Herr der Ringe oder wie die Karotte vor der Schnauze des Esels. So unterhält der Kosmetikkonzern Equikrom eine Spionageabteilung, der auch Ray angehört, und die sich mit der Ausspähung ihres Rivalen Burkett Randle beschäftigt: der Konzern will ein mysteriöses, bahnbrechendes Produkt auf den Markt bringen. Ausgerechnet Claire, offiziell als Spionageabwehr-Spezialistin in Burketts Diensten tätig, ist Equikroms «Maulwurf».
Verkompliziert wird der Spionagezirkus von Rückblenden auf Rom, Miami und Cleveland, die zeigen, dass sich Claire und Ray besser kennen als gedacht und ihr gemeinsames (oder eigenes?) Süppchen kochen. Klingt ziemlich wirr? Ist es auch. Doch obwohl die labyrinthische Krimikomödie irgendwann an eine Katze erinnert, die ihre eigenen Jungen nicht mehr findet, schmälert dies das Vergnügen nicht wesentlich.
Regisseur Tony Gilroy, der bereits mit seinem Oscar-nominierten Firmenkrimi Michael Clayton das Publikum zum Gehirnjogging aufforderte, setzt seine ausgebufften Trickkünstler mit so viel Sinn für Eleganz und Timing in Szene, dass man dranbleibt.
Mit «split screen» (geteiltem Bildschirm), glamourösen Schauplätzen, schnellen Schnitten und den avanciertesten elektronischen Horch-und-Guck-Apparaten (mit dieser Ausrüstung wären die Betriebsspäher von Bahn und Telekom wohl nie aufgeflogen) erinnert die Agentenpersiflage an die Ocean's Eleven-Gaunerkomödien, aber auch an die Genreklassiker Thomas Crown ist nicht zu fassen und Über den Dächern von Nizza.
Lässig schalten die beiden Superspione von coolen Tricks auf den Modus nostalgischer Screwball-Komödien mit ironischen Wortgefechten um: So macht der Film am meisten Spaß, wenn sich die beiden Berufslügner Claire und Ray beim amourösen Tête-à-Tête wortreich beharken und misstrauen.
Julia Roberts ist als Claire noch ein bisschen gerissener und auch verletzlicher als der lockere Ray. Angesichts Clive Owens Sex-Appeal, den er als Ray zu Claires Leidwesen beruflich einsetzt, fragt man sich überdies erneut, ob er nicht doch der bessere James Bond gewesen wäre.
Die beiden Stars, die bereits in Hautnah harmonierten, bekommen hervorragende Nebendarsteller wie Tom Wilkinson und Paul Giamatti als verfeindete Konzernchefs an die Seite gestellt. Wer in diesem leicht paranoiden Verwirrspiel letztlich die Karotte hält und wer der Esel ist, soll hier nicht verraten werden. Doch mancher Schlaumeier ist dümmer, als es zumindest der gewiefte Kinogänger erlaubt.
bla/ruk