Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Der Deutsche Filmpreis 2009 hat einen traurigen Höhepunkt erreicht. Das, was endlich einmal mit viel Glamour über die Bühne gehen sollte, erinnerte eher an ein Käptn`s Dinner als an eine Gala. Was fehlte, war lediglich die Eisbombe samt Wunderkerzen. Oder wenigstens irgendeine Überraschung.
Vielleicht kommt man der Realität recht nahe, wenn man sich als technische Grundausstattung des Berliner Palais am Funkturm gestern Abend drei große Regler vorstellt, die hinter der Bühne versteckt sind. Einen für die Stimme von Moderatorin Barbara Schöneberger, einen für den Humor der Laudatoren und einen für die Überraschungseffekte. An zweien wurde gestern Abend in Berlin etwas zu viel gedreht, einen scheint man vergessen zu haben.
Dass Florian Gallenbergers John Rabe in Berlin der große Gewinner sein würde, daran bestanden eigentlich kaum noch Zweifel. Und so räumte das Kriegsdrama über einen Hamburger Kaufmann, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg rund 250.000 Chinesen vor den Japanern rettete, nicht nur wie erwartet den Preis als besten Film ab, sondern holte die goldene Lola, so heißt der Preis in Anlehnung an Marlene Dietrichs legendäre Rolle im Blauen Engel, auch in drei weiteren Kategorien. Mit Filmpreisen in Silber und Bronze wurden die Tragödien Im Winter ein Jahr und Wolke 9 ausgezeichnet.
Dabei hatte der Abend eigentlich so gut angefangen. Ob man Loriot nun gleich mit de Bergerac oder Shakespeare vergleichen sollte, um ihm einen Ehrenpreis zu verleihen, darüber darf und muss man wohl streiten. Darüber, dass er diesen Preis verdient hat, nicht. Leider aber wurde die an den Anfang der Show gestellte Zeremonie gleich zum Höhepunkt. Zuviel Fallhöhe für eine solche Veranstaltung, vor allem, wenn mit dem 86-jährigen Humoristen ein Mann die Bühne betritt, der allein sprachlich alles in den Schatten stellt, was der Abend sonst zu bieten hatte. Er rührte und unterhielt und man ahnte, dass nach ihm nicht mehr viel kommen würde. «Lola! Renn!», hätte man rufen mögen. Doch da war es schon spät.
Dass aber ausgerechnet der Einspieler mit Loriots großen Momenten mit dem Zitat endete, die langjährige Krise des deutschen Films könne nun endgültig als überwunden angesehen werden, war eine bittere Persiflage. Denn was nachfolgend ausgezeichnet wurde, mag zwar als ordentliches bis manchmal sogar großartiges Handwerk durchgehen, das Publikum in Deutschland aber straft die geehrten Filme derzeit fast durchgängig mit Missachtung. John Rabe dümpelt mit 80.000 Zuschauern in seinem ersten Monat dahin, Im Winter ein Jahr bringt es immerhin auf eine Viertelmillion, Wolke 9 sogar auf eine halbe. Sogar? All das Zahlen, die kein Vergleich sind zu den 14,5 Millionen eines Otto - Der Film. Wenn das nicht Symptom einer Krise ist, dass John-Rabe-Produzent Mischa Hofmann, die Lola in der Hand, betteln muss: «Gehen sie ins Kino, der Film läuft noch, er hat's nötig.»
Wer Anspruch durchsetzt, verliert, könnte man also unken und gleich hinterherschieben, eine Veranstaltung wie der Deutsche Filmpreis passe sich diesem Trend wohl an. Da werden Menschen, die vor der Kamera das Spiel so gut beherrschen, auf der Bühne plötzlich zu hölzernen Marionetten, die das Auswendiglernen noch wie Pennäler vor sich hertragen oder Phrasen dreschen, die so austauschbar sind wie ein großer Teil des Kinoprogramms.
Da wird ein Publikum aus 2000 Kreativen plötzlich zu einer uninspirierten Masse, Tränen in den Augen, wenn Loriot auf die Bühne kommt, in Gedanken aber wohl schon beim Buffet. Und da besticht die Moderatorin nicht einmal mehr durch ihre Kleiderwahl, sondern allenfalls durch eine Handvoll charmanter Augenblicke. Vielleicht ist da schon zu viel Maske.
Nun darf man durchaus gestehen, verwöhnt zu sein. Von einer Oscar-Verleihung etwa, um nur die Spitze zu nennen, die sich nicht nur traut, wirklich glamourös zu sein, und dabei in Kauf nimmt, ein Fettnäpfchen zu viel zu erwischen, die aber vor allem zeigt, dass es manchmal ein wenig Respektlosigkeit braucht, ein wenig diebische Freude an der Provokation, um solch einen Abend eben nicht zur Lobhudelei verkommen zu lassen. Wenn aber stattdessen Schauspieler Nudelsalat mit in den Saal bringen, dann weht der Mief dem Zuschauer schon ins Wohnzimmer.
«Wir können nicht feiern. Uns fehlt die lässige Eleganz», hatte Ulrich Tukur, ausgezeichnet als bester Darsteller, der Süddeutschen Zeitung vor der Preisverleihung noch gesagt. Er finde die Veranstaltung grausam: «Wir machen entweder eine Krampf- oder eine Trauerveranstaltung daraus. Auf jeden Fall irgendetwas Blödes.» Dass am Filmpreis trotz solch prominenter Meinungen seit Jahren immer wieder herumgekrittelt werden muss, spricht nicht gerade für den Einfluss der Kreativen in diesem Land.
Und dann auch noch handwerkliche Fehler. Da besticht einer der anwesenden Herren, nämlich Tukur, einmal mit seiner unvergleichlichen Großherrenart und beginnt, hübsch ironisch über die gastronomischen Geheimnisse Shanghais zu dozieren, wo John Rabe gedreht wurde, und was passiert? Die Kapelle würgt ihn ab. Es gilt, einen Zeitplan einzuhalten, dabei wird noch nicht einmal live übertragen. Man mag sich den Kasernenhofton hinter den Kulissen gar nicht vorstellen.
Vielleicht aber gibt es nicht nur den einen Weg, den in Richtung Glamour, für eine solche Gala. Vielleicht wäre auch ein zweiter denkbar, der in die Bescheidenheit. Ein Beispiel nehmen könnte man sich an Nico von Glasow, Conterganopfer, Vater, ausgezeichnet für NoBody's perfect (Bester Dokumentarfilm). Neben einer beeindruckend mutigen Ansprache ließ er einen kleinen, fast schon leisen Satz fallen, der wohl leider unterging an diesem Abend: «Das ist mein Sohn, auf den ich noch stolzer bin als auf diesen Preis.»
Die Preise im Überblick
Bester Spielfilm:
Goldene Lola (500.000 Euro): John Rabe von Florian Gallenberger
Silberne Lola (425.000): Im Winter ein Jahr von Caroline Link
Bronzene Lola (375.000): Wolke 9 von Andreas Dresen
Bester Kinder- und Jugendfilm (250.000): Was am Ende zählt von Julia von Heinz
Bester Dokumentarfilm (200.000): NoBody's perfect von Nico von Glasow
Weibliche Hauptrolle (alle weiteren Preise 10.000 Euro bis auf den undotierten Ehrenpreis): Ursula Werner (Wolke 9)
Männliche Hauptrolle: Ulrich Tukur (John Rabe)
Weibliche Nebenrolle: Sophie Rois (Der Architekt)
Männliche Nebenrolle: Andreas Schmidt (Fleisch ist mein Gemüse)
Regie: Andreas Dresen (Wolke 9)
Drehbuch: Özgür Yildirim (Chiko)
Filmmusik: Niki Reiser (Im Winter ein Jahr)
Kamera: Kolja Brandt (Nordwand)
Schnitt: Sebastian Thümler (Chiko)
Szenenbild: Tu Ju Hua (John Rabe)
Kostüme: Lisy Christl (John Rabe)
Tongestaltung: Christian Bischoff, Tschangis Chahrokh, Heinz Ebner, Guido Zettier (Nordwand)
Ehrenpreis in Gold für die Lebensleistung: Loriot alias Vicco von Bülow
Wie war, wie war. Entsetzlich, diese wachsende Anspruchslosigkeit, ja sogar Verweigerung zu beobachten.
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