Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Mit dem Deutschen Filmpreis sollen seit 1951 die besten Streifen des Landes ausgezeichnet werden. Im Rückblick aber zeigt sich, wie utopisch dieser Anspruch ist. Und es zeigt sich, an welchen Details er scheitert. Am fehlenden Glamour etwa ebenso wie an der Frage, wann ein Film deutsch genug ist.
Zugegeben, es sind immer wieder Klassiker gewesen, die beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurden. Die Klassiker späterer Jahre natürlich. Schon 1951, im ersten Jahr der Auszeichnung, ehrte der Veranstalter - damals noch der Innenminister - eine legendäre Produktion, als Josef von Bákys Kästner-Verfilmung des Doppelten Lottchens in den Kategorien «Bester Spielfilm», «Beste Regie» und für das Drehbuch sämtliche großen Preise abräumte.
Viel mehr gab es damals jedoch auch noch nicht. Lediglich drei Auszeichnungen für wertvolle Kulturfilme, die aber die Streifen Ernst Barlach Teil 1, Kleine Nachtgespenster und Modebummel auch nicht davor bewahrten, in der Versenkung zu verschwinden, und die Lobende Anerkennung. Die jedoch ist heute ebenso vergessen wie der erste Film, der sie erhielt: Schwarze Gesellen.
In dem Maße, in dem die Veranstaltung wuchs, sank ihr Niveau. Eine Kategorie nach der anderen kam dazu, heute sind es 15, nur noch neun weniger als bei den Oscars. Der Tradition aber tat das lange keinen Abbruch. Immer wieder wurden Filme ausgezeichnet, die legendär genannt werden dürfen: Helmut Käutners Hauptmann von Köpenick (1957), Bernhard Wickis Die Brücke (1960), Volker Schlöndorffs Verfilmungen des Törless (1966) und der Blechtrommel (1979) oder Wim Wenders Himmel über Berlin (1988).
Nach Jahrzehnten des ernsten, schweren Kinos aber kamen die heiteren 1990er: Den Auftakt machte Helmut Dietls Schtonk! über die gefälschten Hitlerbücher (1992), es folgten Sönke Wortmanns Komödien Kleine Haie (1992) und Der bewegte Mann (1995), Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief, ebenfalls von Helmut Dietl und nach der Jahrtausendwende Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! (2003) und Dani Levys Alles auf Zucker! (2005). Gut gemacht waren diese Filme meist noch, mehr aber oft nicht.
Daneben sind viele der Ausgezeichneten bereits in Vergessenheit geraten. Kaum jemand erinnert sich heute noch an Streifen wie Kennwort Reiher, Es herrscht Ruhe im Land oder, um ein neueres Beispiel zu nennen, Die innere Sicherheit von 2001.
Von Skandalen ist der Deutsche Filmpreis über all die Jahre verschont geblieben, ganz anders etwa als die Oscars. Ob ihm das gut getan hat, darüber gehen die Meinungen auseinander, allzu brav gibt sich die Veranstaltung meist. Diskutiert aber wurde immer viel, neben dem roten Teppich selbstverständlich. Eine Frage wurde in den letzten Jahren fast jedes Jahr gestellt: Wie deutsch muss ein deutscher Film sein?
Dass es dabei nicht nur um ideologische Aspekte geht, liegt auf der Hand. Auch die Filmbranche kennt Protektionismus, ist doch die «Lola» mit mehr als 2,8 Millionen Euro Preisgeldern und Nominierungsprämien der höchstdotierte deutsche Kulturpreis. Alleine für die Nominierung als bester Spielfilm gibt es 250.000 Euro, für die Lola in Gold noch einmal eine halbe Million, wobei die Nominierungsprämie angerechnet wird. Klar, dass es so manchem in der Branche die Vorstellung nicht passt, diese auch mit Steuergeldern erbrachte Summe könnte zum Teil ins Ausland fließen.
Dabei wäre eine solche Diskussion eigentlich unnötig, hätte sich die Deutsche Filmakademie, die seit 2005 die vorherige Jury ersetzt, ein klareres Regelwerk zu dieser Frage verpasst. Im Wortlaut aber heißt es in der Satzung: «Für die Kategorien ‹Bester programmfüllender Spielfilm›, ‹Bester programmfüllender Dokumentarfilm› und ‹Bester programmfüllender Kinder- und Jugendfilm› muss eine erhebliche deutsche kulturelle Prägung des Filmes gegeben sein. Dies ist jedenfalls dann der Fall, wenn der Film zumindest zwei der nachstehenden drei Kriterien erfüllt: die Originalfassung des Films ist deutsch, der Regisseur ist Deutscher oder dem deutschen Kulturkreis zuzurechnen, zumindest einer der persönlichen Produzenten des Films [...] ist Deutscher oder dem deutschen Kulturkreis zuzurechnen.»
Das führte zum Beispiel dazu, dass der Streifen Trade, eine deutsch-amerikanische Co-Produktion, gedreht in Mexiko und den USA, vor zwei Jahren nominiert wurde, weil Regisseur Marco Kreuzpaintner und Produzent Roland Emmerich Deutsche sind. Keine unumstrittene Entscheidung. Und es führte dazu, dass sich der Vorstand der Filmakademie bei zwei Filmen eben nicht einigen konnte: Bei Black Book, einem Drama um den Widerstand der Holländer gegen die deutsche Besetzung, und dem Dokumentarfilm Unsere Erde. Das Problem: Die Produzenten sind deutsch, die Regisseure nicht. Dass aber bei einem Film wie Unsere Erde, der drei Tierfamilien auf ihrer Wanderung begleitet, nur schwer belegt werden kann, dass er eine deutsche Originalfassung hat, leuchtet ein.
Für den Vorstand der Akademie gab es nur eine Lösung: Jedes der 750 Mitglieder, die seit 2005 die vorherige Jury ersetzen, sollte selbst entscheiden, ob es die Filme bewerten will. Nominiert wurde am Ende keiner der beiden Streifen.
Doch der Deutsche Filmpreis hat noch ein zweites Problem: Ihm fehlt es - trotz des hohen Alters - an Flair, manche sagen auch, an Mythos. So schrieb Georg Seeßlen, einer der wichtigsten deutschen Filmkritiker, kürzlich in der Zeit, die Veranstaltung speise sich nicht «aus einem genuinen Glamour, der aus der Filmproduktion selber käme. Es ist vielmehr der Glamour der allerüblichsten Fernsehevents. Und so verwandeln sich bei solchen Veranstaltungen die Protagonisten des deutschen Filmkomplexes eben nicht in ‹Stars›, sondern bloß in ‹Promis›.» Beiden gemein ist aber: Es geht nur selten um Kino, sondern meist um Klamotten, da sind Häppchen wichtiger als Handlung.
Seeßlen nahm im selben Atemzug auch gleich das deutsche Kino auseinander: «Gesucht wird nach dem mythischen Produkt, das Kunst genug, Unterhaltung genug, deutsch genug und international genug ist, um zugleich ‹das Beste› und ‹die Mitte› zu repräsentieren. Gesucht wird der deutsche Superfilm, der alle Widersprüche seiner Produktion vergessen lässt. Gesucht wird der Film, für den sich niemand schämt und der niemandem wehtut.»
Tatsächlich sind das die auffälligsten Schwachstellen, sowohl am Deutschen Filmpreis als auch am deutschen Film. Denn der ist allzuoft aufgeblähtes Kostümkino wie im Falle der Buddenbrooks, traurig ungefährlich und verkitscht. Und auch der diesjährige Favorit John Rabe, nominiert für sieben Preise, gehört in diese Schublade. Es passt immer noch zur aktuellen Lage was Volker Schlöndorff vor zwei Jahren in der Süddeutschen Zeitung schrieb: Dadurch, dass man von geldhungrigen Produzenten viel zu oft genötigt werde, aus Kinofilmen auch noch einen deutlich längeren Zweiteiler für das Fernsehen zu machen, natürlich nicht mit mehr Geld oder Zeit ausgestattet, sei man zum Schludern gezwungen. «So lässt sich zwar jedes klassische Meisterwerk, ob Tragödie oder Komödie, auch als Seifenoper verwursten, schwerer ist es, aus einer solchen Serie ein einziges Meisterwerk herzustellen.» Kurz danach war der Regisseur seinen Job bei Constantin-Film los.
Am Ende beißt sich die Katze in den Schwanz. Nicht nur, dass durch die Fokussierung auf «echt deutsche» Filme so manch großartiger Streifen außen vor bleibt. Der mit Steuergeldern finanzierte Preis ehrt allzu oft Filme, die ohnehin Erfolg versprechen. Oder - noch schlimmer - solche, die ihn gerade nicht haben und einen Schubser brauchen, eben wie John Rabe, Der Baader Meinhof Komplex oder Anonyma, Produktionen mit einem Budget von bis zu 17 Millionen Euro und trotzdem weit hinter den erhofften Zuschauerzahlen zurück. Während Kulturförderung andernorts so oft Projekte unterstützt, die sonst chancenlos wären, geht der Filmpreis meist vom anderen Ende an die Sache heran.
Am Mainstream wird die Veranstaltung so nicht vorbeikommen, und es ist fraglich, ob die Verantwortlichen das überhaupt wollten. Filme wie etwa Wolke 9 (Budget: 1,1 Millionen) bleiben immer noch die Ausnahme. Dass aber bei einer 750-köpfigen Jury am Ende der Massengeschmack siegt, darf eigentlich auch niemanden wundern. Demokratie hat der Kunst selten gut getan.
Die Nominierungen 2009:
Bester Spielfilm
Der Baader Meinhof Komplex
Chiko
Im Winter ein Jahr
Jerichow
John Rabe
Wolke 9
Bester Dokumentarfilm
Lenin kam nur bis Lüdenscheid
Nodoby's Perfect
Bester Kinder- und Jugendfilm
Hexe Lilli, der Drache und das magische Buch
Was am Ende zählt
Beste darstellerische Leistung - weibliche Hauptrolle
Anna Maria Mühe in Novemberkind
Ursula Werner in Wolke 9
Johanna Wokalek in Der Baader Meinhof Komplex
Beste darstellerische Leistung - männliche Hauptrolle
Josef Bierbichler in Im Winter ein Jahr
Denis Moschitto in Chiko
Ulrich Tukur in John Rabe
Beste darstellerische Leistung - weibliche Nebenrolle
Irm Hermann in Anonyma
Susanne Lothar in Fleisch ist mein Gemüse
Sophie Rois in Der Architekt
Beste darstellerische Leistung - männliche Nebenrolle
Steve Buscemi in John Rabe
Andreas Schmidt in Fleisch ist mein Gemüse
Rüdiger Vogler in Effi Briest
Beste Regie
Andreas Dresen für Wolke 9
Uli Edel für Der Baader Meinhof Komplex
Florian Gallenberger für John Rabe
Christian Petzold für Jerichow
Beste Kamera / Bildgestaltung
Kolja Brandt für Nordwand
Jürgen Jürges für John Rabe
Wedigo von Schultzendorff für Lulu & Jimi
Bester Schnitt
Anne Fabini für Berlin Calling
Peter Przygodda, Mirko Scheel und Oli Weiss für Palermo Shooting
Patricia Rommel für Im Winter ein Jahr
Sebastian Thümler für Chiko
Bestes Szenenbild
Christian M. Goldbeck für Krabat
Tu Ju Hua für John Rabe
Udo Kramer für Nordwand
Bestes Kostümbild
Lucie Bates für Effi Briest
Lisy Christl für John Rabe
Birgit Missal für Der Baader Meinhof Komplex
Beste Filmmusik
Element of Crime für Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe
Annette Focks für Krabat
Niki Reiser für Im Winter ein Jahr
Beste Tongestaltung
Manfred Banach, Tschangis Chahrokh, Dirk Jacob und Carsten Richter für Krabat
Manfred Banach, Christian Conrad und Martin Steyer für Anonyma
Christian Bischoff, Tschangis Chahrokh, Heinz Ebner und Guido Zettier für Nordwand
Bestes Drehbuch
Christian Schwochow und Heide Schwochow für Novemberkind
Johanna Stuttmann für Nacht vor Augen
Özgür Yildirim für Chiko
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?
Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und bin damit einverstanden!
URL : http://www.news.de/medien/805023192/haeppchen-statt-handlung/1/
Schlagworte:

