So., 27.05.12

Til Schweiger im Interview 25.04.2009 «Es ging mir nicht um einen Imagewandel»

Til Schweiger (Foto)
Til Schweiger sagt, die leichte Kost wird künstlerisch immer unterschätzt. Bild: ddp

Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald

Bevor Til Schweiger in Cannes mit Quentin Tarantino die Weltpremiere von «Inglorious Basterds» feiert, spielt er in «Phantomschmerz» gemeinsam mit Tochter Luna. Im Interview spricht er über Perücken, Fantasie und die Arbeit mit dem eigenen Kind.

In 1½ Ritter eine Merkel-Frisur, jetzt mit langen Zottel-Haaren - werden Frisuren zu Ihrer neuen Leidenschaft?

Til Schweiger: Nicht ganz. (lacht) Den Phantomschmerz hatten wir gleich nach den Keinohrhasen, also bereits vor den Rittern gedreht. Regisseur Matthias Emcke wollte mit dieser Frisur einfach nur erreichen, dass man in dieser Figur nicht sofort den Til Schweiger sieht, wie man ihn kennt. Ich habe mich mit der Perücke schnell angefreundet, damit hat man schließlich nie mehr einen Bad-Hair-Day.

Sie übernehmen oft auch Regie Drehbuch, Schnitt und Produktion - ist es entspannter, einmal nur der Schauspieler zu sein? Oder reizt es einen nicht, sich einzumischen?

Schweiger: Die Arbeit ist auf jeden Fall entspannter, schon allein deshalb, weil ich meinen langjährigen Regieassistenten Torsten Künstler hier einmal aus einer ganz anderen Perspektive erleben und genießen konnte. Einmischen tue ich mich allerdings immer, das habe ich schon immer gemacht. Die meisten Regisseure reagieren ja sehr dankbar auf Vorschläge ihrer Schauspieler.

Das Thema geht ans Eingemachte, sind tragische Rollen dankbarer als der Kasper, der die Zuschauer zum Lachen bringen muss?

Schweiger: Pauschal kann man nicht sagen, dass Tragödien leichter für den Schauspieler sind als Komödien. Es ist jedoch auf jeden Fall schwieriger, jemanden zum lachen zu bringen als zum weinen - man macht im Leben einfach mehr negative Erfahrungen als positive. Wobei die sogenannte leichte Kost künstlerisch immer völlig unterschätzt wird. Tom Hanks bot grandiose Leistungen in Komödien, den Oscar bekam er aber erst für Philadelphia.

Muss sich Til Schweiger demnach erst ein Bein abnehmen lassen, damit er Chancen auf den Deutschen Filmpreis hat?

Schweiger: Dafür nicht! (lacht) Phantomschmerz entstand ja schon lange vor der ganzen Filmpreis-Diskussion. Es ging mir auch nicht um einen Image-Wandel oder darum, dass man mich in einer anderen Rolle sehen kann. Mich interessierte ganz einfach diese wahre Geschichte um einen Sportler, der durch einen Unfall sein Bein verliert und wie der damit weiterlebt.

Was genau macht die Story interessant?

Schweiger: Der Typ war der absolute Aufreißer, ein Frauenschwarm und Lebenskünstler. Von einem Moment zum nächsten wird er vom Held zum Krüppel. Wie er damit umgeht, das hat mich sehr mitgenommen. Sehr berührt hat mich auch der Vater-Tochter-Aspekt in der Geschichte.

Wie groß ist die Schnittmenge mit dieser Figur?

Schweiger: Solche «Komm ich heut nicht, komm ich morgen»-Phasen hatte ich in meinem eigenen Leben durchaus. Auch dieses «Kommt bei den Frauen super an»-Gefühl ist mir nicht ganz unbekannt. Diese Zeiten, wo man nur genießen möchte und sich keine großen Gedanken macht, kenne ich also schon - umkehrt auch die Zeit, wo das alles plötzlich vorbei ist.

Wie fühlt man sich, wenn man einen Beinamputierten spielt?

Schweiger: Man ist als Schauspieler auf seine Fantasie angewiesen. Hilfreich war die Erfahrung mit einem Achillessehnen-Abriss vor einem Jahr. Da bin ich sechs Wochen auf Krücken gelaufen und konnte nicht mal eine Tasse Tee allein ins Wohnzimmer tragen. Man fühlt sich absolut hilflos – und dabei ist das kein Vergleich mit der Vorstellung, wirklich nur ein Bein zu haben

Wie kam Ihre Tochter Luna in den Film?

Schweiger: Ich habe Luna gezwungen, diese Rolle zu übernehmen – ich sagte ihr: Du musst endlich lernen, dein eigenes Geld zu verdienen! Nein, im Ernst: Die Idee stammt von Regisseur Matthias Emcke, der mich bat, die Szenen mit Luna einzustudieren. Luna hatte Lust dazu, die Produktion fand es großartig, und so wurde Luna besetzt.

Lesen Sie auf Seite 2 mehr über den neuen Film von Quentin Tarantino

Wie reagiert die echte Tochter auf den Filmvater?

Schweiger: Man kann einem Kind das Schauspielen nicht beibringen – ebenso wenig, wie einem Erwachsenen. Man kann einen Roh-Diamanten zum Schmuckstück schleifen und mit viel Training immer besser werden, aber wo nichts ist, kann kein Regisseur der Welt etwas herausholen. Luna besitzt einfach Talent. Außerdem kann sie gut zuhören, das ist eine ganz entscheidende Qualität für jeden Schauspieler.

Spielt Luna bei der Keinohrhasen-Fortsetzung wieder mit?

Schweiger: Ja, auch im zweiten Teil ist sie mit dabei. Alle sind wieder dabei.

Was passiert in der Fortsetzung mit dem Titel Zweiohrkücken?

Schweiger: Ich will noch nicht zu viel verraten, man soll sich doch überraschen lassen. Nora Tschirner wird wieder dabei sein und auch Rick Kavanian. Als Chefredakteur erkennt er, dass er seinen besten Mann gefeuert hat und versucht, ihn zurück zu holen. Was Ludo in die Bredouille bringt, weil er dem ganzen eigentlich abgeschworen hat und jetzt Kindergärtner ist.

Wie blutig fallen Tarantinos Basterds aus, die in Cannes laufen sollen?

Schweiger: Ich kenne den fertigen Film noch nicht. Aber basierend auf dem, was ich bei meinen 20 Drehtagen gesehen habe, wird das eine ziemlich blutige Angelegenheit. Sehr brutal, aber auch sehr witzig. Schon beim Drehbuch dachte ich, das ist das beste Skript seit Pulp Fiction. Ich glaube, das wird Quentins bester Film. Vom Ergebnis kann man sich in Cannes überzeugen. Dort läuft der in einer zwar noch vorläufigen Mischung, aber bereits in der endgültigen Schnittfassung.

Drehen Sie dann noch die Zweiohrkücken - oder sagen Sie: Yes we Cannes?

Schweiger: Zur Not verschieben wir den Dreh um zwei Tage - Cannes will ich mir nicht nehmen lassen. Ich konnte dem Festival bislang noch nie soviel abgewinnen, aber diesmal wird es etwas besonderes.

bla/ruk
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