Von news.de-Redakteurin Nadine Kotré
Sie sind reich, berühmt und leben in Angst. In Angst vor Stalkern. Oftmals werden Prominente von ihnen nicht nur belästigt und bedroht, sondern auch angegriffen. Tokio Hotel ist das aktuelle Beispiel einer langen Liste von prominenten Stalking-Opfern.
Stalker halten sich persönlich für Fans. Ihre Leidenschaft überschreitet jedoch das gesunde Maß an Fanliebe. Ihr Handeln wird von der Wissenschaft als obsessiv und unnormal eingestuft. Die einen terrorisieren ihr Idol täglich mit Briefen, E-Mails oder Geschenken. Andere Stalker gehen einen Schritt weiter und lauern ihren Vorbildern auf.
Erst kürzlich versuchte eine Frau in das Haus von Britney Spears einzudringen. Bodyguards überwältigten Miranda Tozier-Robbins, die von Kopf bis Fuß Tarnkleidung trug. Ihr Motiv und ihre Absichten konnten bislang nicht geklärt werden.
Handgreiflicher wurde es bei Schauspieler Jamie Foxx. Ein Mann versuchte sich Zugang zu dessen Hotelsuite zu verschaffen, indem er vorgab, der Produzent von Beyoncé Knowles zu sein. Als das nicht funktionierte, probierte er den Schauspieler beiseite zu drängen. Dieser konnte ihn daran jedoch hindern und das Sicherheitspersonal alarmieren. Eine Lehre zog der 49-Jährige daraus allerdings nicht. Er tauchte noch mehrere Male im Hotel auf, bevor ihn die Polizei endlich festnahm. Ihm droht nun ein Gerichtsverfahren wegen Stalking.
Auch die Mädchengruppe «Les afghanes on tour» («Die Afghanen auf Tour») soll der Teenie-Band Tokio Hotel seit mittlerweile einem halben Jahr folgen. Die Gruppe besteht aus vier Mädchen, die ihre Gesichter meist mit Hilfe von Tüchern unkenntlich machen. Sie seien mehr als Fans, behaupten die Mädchen in einem Drohbrief, in dem sie Tokio Hotel «einen kleinen Albtraum» ankündigen. Dabei machen sie auch nicht vor Übergriffen auf Familienmitglieder der Musiker halt. So sollen sie die Mutter der Zwillinge Bill und Tom belästigt und tätlich angegriffen haben.
Britney Spears, Jamie Foxx, Tokio Hotel – alle wurden Opfer von besessenen Fans. Und das allein im April!
In Deutschland stehen seit dem 22. März 2007 auf Stalking drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Höhere Strafen treten in Kraft, wenn der Stalker eine Lebensgefahr darstellt oder es gar schon ein Todesopfer gegeben hat.
Dazu hätte es am 30. April 1993 kommen können. Ein von Tennisspielerin Steffi Graf besessener Mann stach während einer Spielpause des Turniers am Hamburger Rothenbaum ihre größte Konkurrentin Monica Seles nieder. Der Polizei erklärte er später, er sei ein Fan von Steffi Graf. Schwer verletzten oder töten wollte er die 19-jährige Seles nicht, sondern sie nur eine Zeit lang zum Pausieren zwingen. So wäre Steffi Graf wieder die Nummer eins der Weltrangliste geworden. Dessen war sich der Mann sicher.
Ob Schauspieler, Sänger, Moderatoren oder Sportler, fast jeder Prominente hat im Laufe seiner Karierre einen Fan, dessen Begeisterung in Wahn umschlägt.
Wie bei John Hinckley. Sein Objekt der Begierde war die Schauspielerin Jodie Foster. Seitdem er den Film Taxi Driver sah, in dem Foster eine Kinderprostituierte spielte, war er von ihr besessen. Als Jodie Foster ihr Studium an der Yale Universität begann, wechselte Hinckley seinen Wohnort, um in ihrer Nähe sein zu können. Als er die 18-Jährige trotz selbst verfasster Gedichte und wiederholter Telefonanrufe nicht für sich gewinnen kann, schmiedet er neue, größere Pläne.
So spielte er beispielsweise mit dem Gedanken, ein Flugzeug zu entführen oder sich vor Foster umzubringen. Er favorisierte jedoch eine ganz andere Idee. Um der Schauspielerin seine Liebe zu beweisen, wollte er den Präsidenten der USA, Jimmy Carter, töten. Hinckley verfolgte Carter von Staat zu Staat, wurde aber - bevor er das Attentat verüben konnte - wegen Waffenbesitzes festgenommen. Trotz einer psychiatrischen Behandlung wegen Depression besserte sich sein mentaler Zustand nicht. Hinckley nahm seinen Plan, den Präsidenten, mittlerweile Ronald Reagan, zu töten, wieder auf.
Am 30. März 1981 feuerte er sechs Mal auf Reagan, verletzte ihn aber nur leicht. Kurz vor dem Attentat schrieb er einen Brief an Jodie Foster, der besagte: «In den letzten sieben Monaten schickte ich dir Gedichte, Briefe und Blumen, in der Hoffnung, du könntest dich für mich interessieren. [...] Der Grund, warum ich diesen Versuch nun vorantreibe, ist, dass ich einfach nicht länger warten kann, dich zu beeindrucken.»
John Warnock Hinckley Jr. wurde im Juni 1982 von einem Gericht in Washington für unzurechnungsfähig erklärt. Seitdem wird er in einer psychiatrischen Klinik in Washington behandelt.
Jodie Foster brauchte Jahre, um das versuchte Attentat sowie die Medienaufmerksamkeit, die ihm folgte, zu verarbeiten. Foster ist bekannt dafür, ein Interview augenblicklich abzubrechen, sollte Hinckleys Namen erwähnt werden. Sie äußerte sich lediglich drei Mal zu dem Vorfall. Auf einer Pressekonferenz kurz danach, 1982 in einem selbst verfassten Artikel und in einem Interview 1999.
Ein Erlebnis wie Jodie Foster es erfahren musste, ist, was die Intensität und Gefahr betrifft, sehr selten. Mit körperlichen oder geistigen Folgeerscheinungen wie Kopf- und Magenschmerzen, Schlafstörungen und Angstsymptomen hat jedoch ein Großteil der Stalkingopfer zu kämpfen. Die Erlebnisse können so traumatisch sein, dass einige Opfer depressive Verstimmungen bis hin zur Depression entwickeln.
Das wohl bekannteste Attentat eines Stalkers ereignete sich am 8. Dezember 1980 in New York. Kurz vor 23 Uhr wollte John Lennon sein Apartmenthaus betreten, als ihm Mark David Chapman vier Mal in den Rücken schoss.
Stunden vor seinem Tod sagte John Lennon in einer Radioshow, dass er sich sicher fühle und sich frei in New York bewegen könne. Als er noch zu den Beatles gehörte, wurde er gefragt, unter welchen Umständen er einmal sterben könnte. Lennon antwortete: «Ich werde wahrscheinlich von igrendeinem Verrückten umgelegt.»
Mark David Chapman, dem von mehreren Psychiatern eine Psychose attestiert wurde, erhielt 1981 eine Haftstrafe von 20 Jahren. Auch 28 Jahre später sitzt er immer noch im Gefängnis. Lennons Witw Yoko Ono hatte 2000, 2002, 2004 und weitere zwei Jahre später die Kommission zur Prüfung einer Bewährungsauflage aufgefordert, Chapman niemals zu entlassen. Eine der Begründungen war, dass sie sich noch immer von Chapman gefährdet fühle.
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