Die krisengeschüttelte «New York Times» (NYT) ist mit fünf Pulitzer-Preisen ausgezeichnet worden, der Preis für Public Service (Dienst an der Öffentlichkeit) geht an die «Las Vegas Sun». Nicht wenige Ausgezeichnete aber fürchten derzeit um ihren Job - oder sind ihn bereits los.
Die NYT wurde unter anderem für ihre Recherchen zu einem Sex-Skandal geehrt, der den New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer sein Amt kostete. Insgesamt heimste die New York Times Auszeichnungen in den Kategorien Breaking News, Investigative Berichterstattung, Internationales, Kritik und Feature-Fotografie ein.
Trotzdem steckt die Zeitung in der Krise, daran können auch die fünf Auszeichnungen nichts ändern. Wie viele andere US-Zeitungen kämpft auch die NYT mit sinkenden Werbeeinnahmen. Medienberichten zufolge löste das Blatt vergangene Woche seine Reise- und Regionalteile auf, zum 1. April wurden die Redakteursgehälter um fünf Prozent gekürzt und auch ein kürzlich erhaltenes Darlehen über 250 Millionen Dollar macht Branchenkennern Sorgen, vor allem wegen des ungewöhnlich hohen Zinssatzes von 14 Prozent.
Auch viele der ausgezeichneten Journalisten stecken derzeit ganz persönlich in der Krise. So war Paul Giblin, Reporter der East Valley Tribune, erst im Januar bei seinem Blatt entlassen worden. Nun gewann er in der Sparte Lokaljournalismus eine der begehrten Auszeichnungen. «Das ist schon traurig», sagte er. «Ich wünschte, ich wäre noch bei der Tribune. Dann könnte ich jetzt mit ihnen feiern.» Später allerdings besuchte Giblin seine Redaktion, um die Glückwünsche der ehemaligen Kollegen entgegen zu nehmen.
«Das sind schwere Zeiten für Amerikas Zeitungen», sagte der Organisator der Pulitzer-Preise, Sig Gissler. «Aber in dieser düsteren Debatte sind die ausgezeichneten Zeitungen und Finalisten ermutigende Beispiele für hochqualitative Journalismus.» Vor allem die Kontrollaufgaben seien von den Journalisten wahrgenommen worden. «Der Wachhund bellt noch, und der Wachhund beißt noch», sagte Gissler, der als Professor für Journalismus an der Columbia University lehrt.
Die Las Vegas Sun erhielt den Pulitzer-Preis in der Kategorie Public Service für einen Artikel über die hohe Sterblichkeitsrate unter Bauarbeitern auf dem Las Vegas Strip, der heute bekanntesten Straße in Las Vegas. Zwei der begehrten Preise gehen in diesem Jahr auch an die St. Petersburg Times (Florida). Sie wurde in der Kategorie Landesweite Berichterstattung für ihren «Faktencheck» im Präsidentschaftswahlkampf und in der Kategorie Feature-Journalismus für die Berichterstattung ihres Journalisten Lane DeGregory über ein vernachlässigtes Mädchen ausgezeichnet.
Der Pulitzer-Preis wird in über 20 Kategorien verliehen und ist mit jeweils 10.000 Dollar (7700 Euro) dotiert. Die seit 1917 vergebene Auszeichnung ist nach seinem Stifter, dem in Ungarn geborenen amerikanischen Journalisten und Verleger Joseph Pulitzer (1847-1911), benannt. Erstmals konnten in diesem Jahr auch reine Online-Medien teilnehmen. Von den 65 Einreichungen wurde aber kein Beitrag ausgezeichnet.
Die begehrten Pulitzer-Preise für Belletristik, Bühnendrama und lebendige Historie gehen in diesem Jahr an drei Frauen. Die amerikanische Schriftstellerin Elizabeth Strout, in Deutschland vor allem durch ihren Roman Amy und Isabelle bekannt, gewann die renommierte Auszeichnung für Olive Kitteridge, eine Sammlung von 13 mitreißenden Kurzgeschichten aus einer Kleinstadt in Maine.
Den Preis für das beste Drama holte sich die Bühnenautorin Lynn Nottage. Ihre erschütternde Geschichte, Ruined genannt, handelt vom Überlebenskampf der Frauen im kongolesischen Bürgerkrieg. Die gefeierte Autorin konfrontiert das Publikum mit dem Horror von Gewalt und Vergewaltigungen, denen die jungen Afrikanerinnen meist wehrlos ausgesetzt sind. Im Mittelpunkt steht, offenbar angelehnt an Brechts Mutter Courage, die einfallsreiche Puffmutter Mama Nadi, die ihre Mitarbeiterinnen nach Kräften beschützt und mit Hoffnung inspiriert.
Die Jura-Professorin und Historikerin Annette Gordon-Reed heimste für ihre packend geschriebene Familiengeschichte The Hemingses of Monticello: An American Family den Preis für lebendige Geschichte ein. Das Buch, für das sie bereits den National Book Award verliehen bekommen hat, folgt einer Sklavenfamilie im Süden der USA über viele Generationen. Es wirft auch Licht auf die heimliche Beziehung zwischen der jungen Sklavin Sally Hemings und ihrem weißen Herrn Thomas Jefferson. Gordon-Reed ist die erste Afroamerikanerin, die den Pulitzer-Preis in dieser Kategorie zugesprochen bekommen hat.
Ihr Kollege Douglas A. Blackman wurde von den Juroren für seine vernichtende Analyse der Unterdrückung von Amerikas Schwarzen bis zum Zweiten Weltkrieg ausgewählt. Blackman erhält den Pulitzer-Preis für sein Sachbuch Slavery by Another Name: The Re-Enslavement of Black Americans from the Civil War to World War II. Jon Meacham vom Nachrichtenmagazin Newsweek darf sich über die Anerkennung seines faszinierenden Porträts des siebten US-Präsidenten Andrew Jackson (1767-1845) freuen. American Lion: Andrew Jackson in the White House wird mit dem Biografie-Preis belohnt.
Steve Reich, nach Einschätzung der New York Times einer der großen Komponisten dieses Jahrhunderts, setzte sich mit seinem Double Sextet durch. Das Werk für Flöte, Klarinette, Vibrafon und Piano war erst vor einem Jahr uraufgeführt worden und erfüllt damit eine entscheidende Voraussetzung für den Musikpreis. Der Preis in der Sparte Lyrik fällt dem bekannten amerikanischen Poeten W.S. Merwin (The Shadow of Sirius) zu.
Die Liste der diesjährigen Pulitzer-Preisträger:
Journalismus
Dienst an der Öffentlichkeit: Las Vegas Sun mit Alexandra Berzon für Recherchen über die hohe Sterblichkeit unter Bauarbeitern
Breaking News: New York Times für die Berichterstattung über den Sex-Skandal von Gouverneur Eliot Spitzer
Investigativer Journalismus: David Barstow von der New York Times für die Berichterstattung über die Rolle ehemaliger Generäle in Rundfunk und Fernsehen
Erklärender Journalismus: Bettina Boxall und Julie Cart von der Los Angeles Times für ihre Berichte über Waldbrände
Lokaljournalismus: Detroit Free Press mit Jim Schaefer und M. L. Elrick für ihre Recherchen über den Sexskandal von Bürgermeister Kwame Kilpatrick sowie Ryan Gabrielson und Paul Giblin von der East Valley Tribune über Schwerpunktverlagerungen bei polizeilichen Ermittlungen
Landesweite Berichterstattung: St. Petersburg Times für ihren «Faktencheck» im Präsidentschaftswahlkampf
Internationale Berichterstattung: New York Times für Artikel über die Rolle der US-Streitkräfte in Afghanistan und Pakistan
Feature-Journalismus: Lane DeGregory von der St. Petersburg Times für die Berichterstattung über ein vernachlässigtes Mädchen
Kommentar: Eugene Robinson von der Washington Post für seine Kolumnen zum Präsidentschaftswahlkampf
Kritik: Holland Cotter von der New York Times für Kunstrezensionen
Leitartikel: Mark Mahoney von The Post-Star für Editorials über die Geheimhaltung in der Kommunalpolitik
Karikatur: Steve Breen von der San Diego Union-Tribune
Aktueller Fotojournalismus: Patrick Farrell vom Miami Herald für Fotos über Unwetterfolgen
Feature-Fotografie: Damon Winter von der New York Times für Bilder aus dem Präsidentschaftswahlkampf
Kunst:
Belletristik: Olive Kitteridge von Elizabeth Strout
Drama: Ruined von Lynn Nottage
Geschichte: The Hemingses of Monticello: An American Family von Annette Gordon-Reed
Biografie: American Lion: Andrew Jackson in the White House von Jon Meacham
Lyrik: The Shadow of Sirius von W.S. Merwin
Sachbuch: Slavery by Another Name: The Re-Enslavement of Black Americans from the Civil War to World War II von Douglas A. Blackmon
Musik:
Double Sextet von Steve Reich
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