Depeche Mode «Bei uns herrscht Glückseligkeit»

Nächstes Jahr feiern sie ihr 30-jähriges Bandbestehen: Depeche Mode, die gerade ihr neues Album «Sounds Of The Universe» veröffentlicht haben und demnächst auf Tour gehen. News.de sprach mit Sänger Dave Gahan (46).

Depeche-Mode-Sänger David Gahan hatte vor Jahren Drogenprobleme, die er im neuen Album thematisiert. (Foto)
Depeche-Mode-Sänger David Gahan hatte vor Jahren Drogenprobleme, die er im neuen Album thematisiert. Bild: dpa

Dave, Depeche Mode litten lange darunter, dass Martin Gore alle Songs schrieb und Sie nur der Sänger waren. Hat es Ihnen geholfen, dass Sie sich mit Ihren Soloalben Paper Monsters und Hourglass kreativ austoben konnten?

Dave Gahan: Ganz sicher. Martin respektiert mich endlich als Songwriter. Ich mag diese Konkurrenz innerhalb der Band, das ist gesund. Wir haben vor einigen Wochen ein gemeinsames Interview in New York gegeben, und er sagte zu dem Journalisten «Du wirst es schwer haben zu sagen, welche Songs von Dave und welche Songs von mir sind.» Das war ein Kompliment.

Wie wichtig ist die Soloarbeit für Sie?

Gahan: Mich haben meine beiden Platten wirklich erfüllt. Vielleicht hat das etwas mit meinem Alter zu tun (lacht), aber ich bin zufriedener geworden und habe nicht mehr ständig diesen Druck, es allen zeigen und beweisen zu müssen.

Sounds of the Universe ist ein Album mit Biss, oder?

Gahan: Das ist es. Ich finde die Energie der neuen Songs wirklich fantastisch. Wir haben im Studio diesmal etwas gefunden, das wir für einige Zeit zu verlieren drohten: nämlich die Reibung, die Kraft der Songs. Die neuen Lieder sind einfach ungemein griffig und packend. Martin und ich, wir haben uns richtig gut verstanden, was ja nicht immer der Fall war. Und es wird eventuell nicht immer der Fall sein. Aber so lange diese Glückseligkeit herrscht, genießen wir sie. Auch Martin war endlich wieder richtig gut in Form. Er hat dem Alkohol abgeschworen. Und sehr zu seiner eigenen Überraschung hat es ihn nicht davon abgehalten, kreativ zu sein.

Hatte er das befürchtet?

Gahan: Als er mit dem Trinken aufhörte, hatte er Angst, keine Ideen mehr zu haben. Aber stattdessen hat er für dieses Album einige seiner besten Songs überhaupt geschrieben.

Seit wann ist Martin trocken?

Gahan: Er hat mitten während der Playing the Angel-Tour vor drei Jahren aufgehört. Eines Tages meinte er plötzlich: «Ich halte das nicht mehr aus.» Er hat viel durchgemacht in den letzten Jahren, seine Scheidung hat ihm zugesetzt. Anfangs war es hart für ihn. Er ist dann nach den Konzerten immer direkt ins Hotel gegangen, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen.

Sind Depeche Mode so gesund wie nie zuvor?

Gahan: Ich denke, das lässt sich so festhalten. Nur Fletch (Keyboarder Andy Fletcher; Anm. d. Red.) trinkt noch, aber sehr maßvoll. Martin und ich sind vom Kopf und vom Körper her in der Tat in einer hervorragenden Verfassung.

Was bringt ein klarer Kopf konkret?

Gahan: Das Leben besteht aus Aktionen und Konsequenzen. Ich habe das vor über zehn Jahren gefühlt, als mich das Heroin fast unter die Erde gebracht hätte. Und Martin fühlte es jetzt vor kurzem. Auch zu meiner eigenen Verblüffung konnte ich, als ich keine Drogen mehr nahm, viel mehr leisten und zustande bringen. Ich hatte seinerzeit durch die Drogen meine Ziele verloren. Ich hatte mir ein bequemes Bett gemacht, in dem es nur noch um mich und um den nächsten Schuss ging. Es hört sich banal an, aber wenn du zum ersten Mal nach Jahren wieder vollständig klar bist, dann nimmst du die Welt um dich herum ganz anders, viel deutlicher und auch schöner wahr.

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Du singst in Hole to feed, einem der drei von dir geschriebenen Stücken, über dein «eigenes, zynisches Selbst». Wie sieht dieses Selbst aus?

Gahan: Egal, wie gut es mir geht oder wie glücklich ich bin: Nie erreiche ich so ganz den Zustand, den ich eigentlich erreichen will. Mein zynisches Selbst kommt in diesen Momenten zum Vorschein. Es ist unzufrieden, es will mehr. Eigentlich mag ich diesen Teil meines Charakters überhaupt nicht mehr. Ich will diese Gedanken nicht haben. Aber das lässt sich einfach nicht ganz ausschalten.

Stand Wrong als erste Single immer schon fest?

Gahan: Ja. Wir alle drei finden den Song perfekt genug, um damit zurückzukommen. Gar nicht mal, weil er jetzt so typisch wäre für das gesamte Album. Sondern weil Wrong genau diese Wucht hat, auf die wir insgesamt bei Sounds of the Universe so stolz sind. Außerdem ist Wrong ein ziemlich unüblicher, untypischer Song - sowohl für Depeche Mode als auch für die Popmusik insgesamt. Auch für die Bühne ist das eine Supernummer. Nach unserem Auftritt neulich bei den «Echos» schnappte ich mir meinen Laptop und guckte mir unsere Darbietung auf YouTube gleich noch einmal an. Das war cool.

Haben deine Frau Jennifer und eure Kinder euren Auftritt gesehen?

Gahan: Nein, das ist ihnen nicht so wichtig. Unserer Tochter Stella Rose wird im Sommer 10, Jens Sohn Jimmy ist 16 und Jack, mein Ältester, schon 21. Es ist den Kindern zwar nicht egal, was ihr Dad macht, und sie hören sich auch unsere Musik an, aber meiner Familie ist es viel wichtiger, wann und dass Dad nach Hause kommt. Mit Jen telefoniere ich mehrmals am Tag. Sie will immer wissen, ob es mir gut geht und ob mir das alles nicht zu anstrengend wird.

Sprecht ihr beim Abendessen über eure Jobs?

Gahan: Ich passe auf, was ich daheim erzähle. Ich will meine Kinder ein bisschen schützen vor diesem Popstarleben. Manchmal tauchen Fans vor meinem Haus auf. Das stört mich, die haben dort nichts zu suchen. Besonders ärgerlich ist es, wenn ich mit der Familie durch die Gegend laufe, die Fans kommen angerannt, reden auf mich ein und sind unhöflich oder rücksichtslos gegen meine Familie. Das ist unverschämt. Zum Glück passiert das gerade in New York sehr selten.

Lässt du den Sänger an der Eingangstür zurück, wenn du nach Hause kommst?

Gahan: Wenn ich zuhause bin, dann bin ich Dad. Und Ehemann. Es ist wie bei anderen Berufstätigen auch. Die ziehen ihren Anzug an, gehen arbeiten, und wenn sie wieder heimkommen, schlüpfen sie in ihre bequemen Pantoffeln und kraulen ihrer Frau den Rücken.

Wie schaffst du die Umstellung, wenn du von einer Tournee kommst?

Gahan: Dieser Übergang ist der schwerste. Auf einer Tour wird dir jeder Pipifax abgenommen, dadurch verkümmert deine Selbstständigkeit. Man wird unweigerlich zum Pascha. Mit so einer Einstellung komme ich zuhause natürlich nicht sehr weit. Um runterzukommen, passe ich mich dem Rhythmus meiner Familie an, stehe früh auf und mache Kaffee.

Wie kommt es, dass Depeche Mode nach 30 Jahren immer noch erfolgreich sind?

Gahan: Ich bin selbst darüber erstaunt. Ich kenne die Antwort nicht. Aber es sieht so aus, als blieben uns die alten Fans treu, während wir immer noch von jungen Menschen neu entdeckt werden. Wir können das nicht steuern. Wir können nur die beste Platte machen und die beste Show liefern. Dem Album kam diesmal zugute, dass wir so viele Songs hatten, aus denen wir auswählen konnten - rund 20 Titel. Dazu kommt, dass wir ein echt disziplinierter Haufen sind. Unser Produzent Ben Hillier hat einmal gesagt: «Ab sofort sage ich jeder Band, mit der ich arbeite, sie soll sich ein Beispiel an Depeche Mode nehmen.» Ich mache zum Beispiel jeden Tag meine Gesangsübungen, egal ob wir im Studio, auf Tour oder am Strand sind.

Wird es Depeche Mode geben, so lange ihr lebt?

Gahan: Je länger du eine Band am laufen hältst, erst recht eine erfolgreiche Band wie Depeche Mode, desto härter musst du an dir arbeiten. Stillstand ist gefährlich bis tödlich. Gäbe es für mich nicht das Gefühl, ich würde weiter wachsen und mich entwickeln, hätte diese Band ihren Reiz für mich verloren.

Und was hast du heute noch vor?

Gahan: Sobald es dunkel ist, setze ich mir eine Mütze auf und gehe durch Berlin spazieren.

Die Tournee Im Zuge ihrer Tour of the Universe wird Depeche Mode vom 6. Mai bis zum 12. Juli insgesamt 36 Konzerte in 21 Ländern geben. In Berlin werden Martin Gore, David Gahan und Andrew Fletcher am 10. Juni im ausverkauften Olympiastadion auftreten. Weitere Deutschlandstationen sind Hamburg (2. Juni), Düsseldorf (4./5. Juni), Leipzig (7./8. Juni), Frankfurt (12. Juni) und München (13. Juni).

car/ruk

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