Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Berlin
Mit 27 Jahren zur Poker-Millionärin: Sandra Naujoks aus Berlin hat das geschafft, wovon Tausende träumen. Sie ist die zurzeit beste Pokerspielerin Europas. News.de hat versucht, hinter das Pokerface zu blicken.
Berlin, Austernbar im Hauptbahnhof. Sie kommt herein, bleibt stehen, schaut auf den Boden und dann kurz hoch. Sie guckt sehr entschlossen. Sie findet schnell ihren Tisch und geht geradlinig darauf zu. Sie hat eine schwarze Hose an, ein schwarzes Oberteil und schwarze geschlossene Schuhe. Sie trägt keinen Ring am Finger, keine Kette um den Hals. «Jetzt habe ich Hunger», sagt Sandra Naujoks. Sie bestellt sich eine Silberplatte mit sechs Austern auf Eis, eine Suppe aus Meeresfrüchten und ein Glas Weißwein. Gekühlt.
Es soll ein Gespräch über ihren Erfolg als Pokerspielerin werden. Sie fängt an zu reden, sie kann dabei wunderbar nüchtern blicken, kaum ihre Mundwinkel verziehen. Sie macht das fast zwei Stunden lang und wird am Ende einmal halb und einmal richtig gelächelt haben. Sie hat schwarze Haare, die gefärbt sind und blaue Augen, die echt sind. Sie sagt, sie möchte nicht über ihre Geburtsstadt Dessau in Sachsen-Anhalt reden und auch nicht über Magdeburg. Da hatte sie studiert. Sie sagt: «Beide Städte kann man ganz schnell verdrängen.» Wer etwas werden will, der muss nach Berlin gehen, sagt sie. «Jeder kann in Berlin seine Fußstapfen hinterlassen.» Sie sagt, sie hätte das nun schon geschafft.
Jetzt kommen die sechs Austern. Sie lässt sich von der Kellnerin die Arten erklären. Eine Sylter Royal ist dabei, eine Belon, eine Papillon zum Beispiel. Sandra Naujoks isst gern Austern, sagt sie. Mit der Gabel packt sie das Fleisch und leert eine Auster nach der nächsten. Sie kann jetzt vom Pokern leben, sagt sie. Das war ihr Ziel. Vor zwei Jahren. Jetzt ist es umgesetzt. Sie hat die European Poker Tour (EPT) in Dortmund gewonnen. Das war Mitte März. Seitdem ist sie um eine knappe Million Euro reicher, bei 5000 Euro Einsatz. Eins Komma fünf Millionen Dollar hat sie bisher an Preisgeldern verdient, sagt sie.
Sie sagt, dass sie gewinnen wollte. Deswegen ist sie ja angetreten, in Dortmund, gegen 666 andere professionelle Pokerspieler. Fünf Tage hat sie gespielt. «Es ist Sport», sagt sie. Sie hat stundenlang ihre Konkurrenten beobachtet. Sie hat darauf geachtet, ob jemand rote Flecken am Hals bekommt, sie hat gesehen, wenn jemand auf seinem Stuhl nach hinten gerückt ist oder wenn jemand die Arme verschränkt auf den Tisch gelegt hat. Sie hat sich gemerkt, wie ihre Konkurrenten die Spielchips bearbeiten, ob sie damit in der Hand schnippen, oder ob sie kleine Stapel bauen. Sie hat Wahrscheinlichkeiten ausgerechnet, sie hat zaghaft gespielt, sie hat Druck gemacht. Sie ist auch mal mit Glück weiter gekommen. Am Ende hat sie gewonnen. «Dann war ich froh, dass das Turnier endlich zu Ende war», sagt sie. Mehr nicht. Kein Freudenschrei.
Dann hat sie zwei Tage nur geschlafen, hat ihrem Vater eine Harley Davidson gekauft und ihrer Mutter eine neue Wohnungseinrichtung. «Ich wollte etwas zurück geben», sagt sie. Sie selbst hat sich noch nichts gegönnt. «Ich denke über ein Haus in Las Vegas nach», sagt sie. Dann stellt sie die silberne Schale beiseite. Die Austern waren in Ordnung, der Wein nicht. Er ist ihr zu gelblich. Sie lehnt sich zurück, ihre Hände ruhen auf dem Tisch. Sie guckt geradeaus.
Sie wartet auf die nächste Frage, neigt ihren Kopf nicht zur Seite. Einen Freund hat sie nicht. «Keine Zeit.» Wenn sie sich verlieben würde, dann könnte sie es arrangieren, sagt sie. Sie hat eine Schlange, die ist nett. Sie heißt Medusa. Eine nette Schlange? Jetzt lächelt sie zum ersten Mal. «Ja, es ist eine nette Schlange», sagt sie. Warum? «Weil Schlangen eben nett sind.»
In der Pokerszene haben die Spieler Spitznamen. Sandra Naujoks nennt sich «Black Mamba». Freunde haben ihr den Namen verpasst. Wegen der Schlange und den gefärbten schwarzen Haaren. Eine Sonnenbrille trägt sie bei Turnieren nicht. Dafür eine Schirmmütze, die tief ins Gesicht hängt. Noch vor zwei Jahren kannte sie in der Szene niemand. Sie spielte nur im Internet Poker. «Der übliche Weg also», sagt sie. Sie hat viele Bücher über das Pokern gelesen, sich alles gemerkt.
Und sie kann sich noch gut daran erinnern, das erste Mal an einem Tisch mit realen Gegnern gesessen zu haben. «Es waren 34 Männer im Raum und ich», sagt sie. Eine übliche Quote. Drei bis vier Prozent aller Pokerspieler sind weiblich. Sie spielte kühl und berechnend, nüchtern, rational und cool. Sie hat gewonnen. Seitdem lassen sich Männer nicht mehr von ihrem Ausschnitt beeindrucken, sagt sie. Und woher hat sie es, so nüchtern sein zu können? «Weiß nicht, ich bin kein Philosoph, sondern eine Pokerspielerin», sagt sie und zieht ihre Mundwinkel ganz leicht nach oben. Das war das halbe Lächeln.
ruk
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