Fr., 10.02.12

Interview mit Bascha Mika «Die ‹taz› ist mein Herz- und Magenblatt»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 17.04.2009

30 Jahre hat die «tageszeitung» (taz) auf dem Buckel, mehr als zehn Jahre maßgeblich geprägt durch ihre Chefredakteurin Bascha Mika. Im Interview spricht sie über Chancen und Krisen, Spontis und Dogmatiker und den Wunsch, reich zu werden.

17.04.2009
Meine Meinung
Pro und Cont(r)az
Video: news.de/Fotos: taz

Frau Mika, wie geht es der taz? Steht mit 30 die Midlife Crisis vor der Tür?

Bascha Mika: Nein, eine Midlife Crisis gibt es bei der taz nicht. Wir sind zwar erwachsen, das heißt aber längst nicht, dass wir dadurch in eine Krise kommen. Im Gegenteil. Alle anderen sind in einer Krise, was außerordentlich bedauerlich ist. Ich meine damit nicht nur die Finanz- sondern vor allem die Medienkrise. Da hat die taz wirklich Glück. Was sonst oft ein Nachteil ist, nämlich, dass wir uns so gut wie gar nicht über Anzeigen finanzieren, das sind vielleicht zwischen zehn und 15 Prozent, ist derzeit unser Vorteil. Überall dort, wo Anzeigen wegbrechen, haben wir die Vertriebserlöse und die ändern sich bisher nicht. Solange die Leute Lust und genügend Geld haben, sich eine Zeitung zu leisten, solange geht es der taz gut.

Heißt das, auch das Modell, als Genossenschaft mit 8500 Mitgliedern organisiert zu sein, ist noch zeitgemäß?

Mika: Es ist nicht nur zeitgemäß, sondern zukunftsweisend. Es gibt ganz viele Menschen, die unsere Unabhängigkeit sichern. Das ist ein sehr ungewöhnliches Modell für eine Zeitung. Aber so, wie die Printbranche sich entwickelt, könnte es auch für andere reizvoll sein. Ein Verlag wird immer auf die Rendite schauen, er wird keine Zeitung machen, weil es gut ist, eine Zeitung zu haben. Wenn es aber darum geht, dann kann man sie nicht behandeln wie Wurst und Käse. In großen Verlagshäusern aber passiert genau das. Der ideelle Wert, der in einer Zeitung steckt, das Kulturgut, das eine Zeitung verkörpert, werden unter den Tisch gekehrt.

Das 30-Jährige der taz fällt zusammen mit Ihrem 10-Jährigen als Chefredakteurin ...

Mika: Nein, das stimmt nicht ganz. Ich bin seit 1998 Mitglied in der Chefredaktion. Seit 1999 allerdings bin ich alleine Chefredakteurin, mit zwei Stellvertretern. Bei Wikipedia steht das auch noch falsch.

Im Programm zum taz-kongress am Wochenende steht allerdings auch 1999. Hat da vielleicht jemand falsch bei Wikipedia abgeschrieben?

Mika (lacht): Das kann natürlich sein.

Wie sieht nach dieser Zeit Ihr persönliches Resümee aus?

Mika: Das Erfreuliche ist, dass die taz in den letzten zehn Jahren wie auch in den 20 Jahren davor immer in Bewegung war. Sie ist sicherlich das Blatt, das sich am meisten verändert hat im Laufe seiner Existenz. Das ist deswegen gut, weil es die taz sonst nicht mehr gäbe. Das heißt nicht, dass die taz ihr Selbstverständnis und ihre Ursprungsidee aufgegeben hat, aber es heißt, dass sie immer auf dem Wege war, zu überlegen, was heute eine moderne Tageszeitung ist, wie eine solche Zeitung aussehen muss, die sich gegen moderne Medien behauptet, die auf die Leser eingehen muss.

Könnten Sie sich nach dieser langen Zeit überhaupt vorstellen, einmal für ein anderes Blatt zu arbeiten?

Mika: Aber selbstverständlich. Ich bin Journalistin. Die taz ist mein Herz- und mein Magenblatt, aber das bedeutet nicht, dass es in meinem ganzen Leben nur die taz gibt.

Gäbe es ein Blatt, das sie reizen würde?

Mika: Bestimmt. Aber gerade das vergangene Jahr, die Vorbereitungen zum 30-jährigen Jubiläum, haben mich so in Anspruch genommen, dass ich für andere Geschichten wirklich kein offenes Ohr hatte.

Sie haben den Blogger Sascha Lobo, der auch als Referent auf dem taz-Kongress am Wochenende auftritt, um eine «Handlungsanweisung» zum 30ten gebeten. Er meint, die taz müsse sich den politisch wichtigen Themen widmen, die eine junge Generation und die gesamte Gesellschaft beschäftigten und sich «freischwimmen von ein paar Dogmatikern, deren Ton leichte Unerträglichkeiten mit sich bringt, ab und zu». Was sagen Sie dazu?

Mika: Das klingt hübsch. Ich weiß aber nicht, von welchen Dogmatikern die Rede ist. Ich würde behaupten, die gibt es bei der taz nicht. Sie ist aus einem linksalternativen Milieu entstanden. Das waren eher Spontis, keine Dogmatiker. Die kann es schon deswegen nicht geben, weil die Meinungen in der Redaktion ausgesprochen heterogen sind und offen ausgetragen werden. So offen, dass diese Meinungen auch in der Zeitung auftauchen. Ich finde es schön, wenn ein junger Kollege sich Gedanken über die Zukunft der taz macht. Und selbstverständlich müssen wir die Themen aufgreifen, die junge Menschen beschäftigen und das tun wir auch. Die taz war zum Beispiel das erste Medium, das sich mit ökologischen Fragen beschäftigt hat. Die sind seit einiger Zeit komplett hip. Die taz war also schon hip, als diejenigen, die sich mit solchen Fragen heute beschäftigen, noch gar nicht geboren waren.

In einer Zeit, in der viele Zeitungen das Heil im Internet sehen oder die Flucht dorthin antreten, investieren Sie noch einmal kräftig in die Printausgabe – ab morgen etwa mit einem neuen Layout und der Wochenendausgabe sonntaz. Woher dieses Vertrauen?

Mika: Ich glaube mitnichten, dass sich Print überleben wird, was aber nicht bedeutet, dass wir nicht auch auf Online setzen. Das Interessante und die große Herausforderung ist, dass wir in Zukunft eine Zeitung mit drei Geschwindigkeiten machen. Zum einen online, selbstverständlich, da müssen wir schnell und aktuell sein und den Lese- und Rezeptionsgewohnheiten eines Online-Publikums entgegen kommen. Auch, wenn der Internetauftritt zum größten Teil mit Inhalten der Printausgabe arbeitet. Dann machen wir eine Tageszeitung, die zweite Geschwindigkeit. Und mit der neuen Wochenendausgabe machen wir auch eine richtige Wochenzeitung. Damit glauben wir, gut gerüstet zu sein.

Solche Wochenzeitungselemente wie die sonntaz sind inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Ist die Tageszeitung langfristig ein Auslaufmodell?

Mika: Die Tageszeitung, und diese Tendenz gibt es schon sehr lange, greift immer stärker Wochenzeitungselemente auf. Schon bei unserem letzten großen Relaunch 2000 waren wir da Vorreiter. Da haben wir schon viel stärker auf groß aufbereitete Themen gesetzt, auf Hintergrundberichte, auf Themen, die ganzsseitig präsentiert werden. Und wir haben zunehmend auf Nachrichtenhäppchen verzichtet. Bei der Tageszeitung geht es nicht mehr um Information, die kann man sich auch elektronisch besorgen. Es geht um Wissen. Die Tageszeitungen werden sich nicht überleben, aber sie werden sich verändern. Und das, was elektronische Medien besser können, schnelle, harte Nachrichten zu liefern, weniger machen. Aber wir wissen ja auch: Wer sich nur im Netz informiert, der ist auch schlecht bedient. Dafür sind die Informationen dort zu oberflächlich, zu wenig hintergründig.

Der Relaunch und die neuen Inhalte kosten natürlich auch Geld, der Preis der taz steigt am Wochenende von 1,90 auf 2,30 Euro.

Mika: Oje, das weiß ich gar nicht so genau. Als Chefredakteurin ist das nicht unbedingt das Thema, mit dem man sich gerne beschäftigt. Aber warten Sie, es ist bestimmt noch jemand im Haus, der Ihnen das beantworten kann.

Es knackt kurz in der Leitung, Stimmen im Hintergrund, nach einer knappen Minute ist Bascha Mika wieder da.

Mika: Jetzt haben wir es, die neue Wochenendausgabe kostet 2,30 Euro, das stimmt.

Das ist eine Steigerung um mehr als 20 Prozent. Keine Angst, dass Ihre Leser Ihnen das übel nehmen?

Mika: Nein, diese Sorge haben wir nicht, denn die taz war immer eine teure Zeitung. Und zwar nicht, weil wir uns bereichern, bekanntlich sind wir relativ arm und verdienen schlecht. Sie war das, weil wir vom Vertrieb der Zeitung leben und nicht von Anzeigen. Ich glaube, gerade bei den Lesern, die zur taz greifen, ist das Bewusstsein ziemlich ausgeprägt, dass guter, engagierter Journalismus Geld kostet. Ich halte gar nichts davon, dass Journalismus einfach für nichts verschleudert wird. Die Entscheidung, die Verleger vor Jahren getroffen haben, ihre journalistischen Inhalte den Lesern einfach gratis zur Verfügung zu stellen, halte ich für falsch. Weil sie das Signal aussendet, dass Journalismus eigentlich nichts wert ist.

Und Ihre Redakteure? Wollen die nicht auch ein bisschen vom Kuchen abhaben? Schließlich verdienen sie bei der taz immer noch unter Tarif.

Mika: Natürlich wollen die mehr Geld verdienen, selbstverständlich. Aber wenn wir Tarif zahlen würden, wäre die taz nach drei Monaten pleite. Die Leute, die hier arbeiten, müssen deswegen eine große Leidenschaft und Idealismus mitbringen, sonst macht man das nicht für so wenig Geld. Doch dafür gibt es auch eine ganze Menge Kompensation. Unsere Redakteure arbeiten für die eigene Zeitung, die gehört uns und den Genossen. Und jeder, der zur taz kommt, weiß, dass er hier enorme journalistische Freiheiten hat und an vielen Stellen über das Produkt mitreden und mitentscheiden kann.

Wie sehen Ihre Pläne für das Internet aus? Wird es auch da einen Relaunch oder Investitionen geben?

Mika: Wir müssen auch weiter in Online investieren. Das gehört ganz existenziell zu unserer Zukunftsstrategie und ist auch eines unserer Standbeine. Das Problem ist einfach, dass sich die Investitionen bei uns immer nur in einem relativ geringen Rahmen bewegen können. Und was ein guter Internetauftritt mit einer großen Redaktion kostet, muss ich Ihnen ja nicht sagen.

Ihr stellvertretender Chefredakteur Peter Unfried hat in einem Interview gesagt, die taz wolle sich nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich neu positionieren und das Label «links-alternativ» ablegen. Wird die taz also unpolitisch?

Mika: Nein, das ist Unsinn. Links-alternativ ist einfach kein Begriff mehr, mit dem man arbeiten kann. Dieses Milieu gibt es nicht mehr, das hat sich komplett aufgelöst. Deswegen ist die taz immer noch eine linke Zeitung, aber das bedeutet nicht, dass sie das Umfeld, aus dem sie entstanden ist, einfach immer weiter bedienen will. Wir sind der Überzeugung, dass die taz als Zeitung für sehr viele Schichten der Gesellschaft taugt. Vor allem für die, die kritisch auf die Welt schauen und sie verbessern wollen.

Wenn Sie sich für die taz etwas wünschen dürften, das man nicht kaufen kann – was wäre das?

Mika: Im ideellen Sinne haben wir ja schon so viel, das ist das Interessante an dieser Frage. Und deswegen würde ich ganz plump materialistisch sagen: Wir wollen neben unserer Schönheit und unserer Berühmtheit auch noch reich werden.

kas
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Interview mit Bascha Mika: «Die ‹taz› ist mein Herz- und Magenblatt» » Medien » Nachrichten

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Leserkommentare (3)
  • Kommentar: 3
  • 11.11.2010 16:53
von
Friedrich Hofko

Nur so weitermachen und nicht locker lassen,aber trotzdem locker bleiben. Hart in der Sache zu sein,aber seiner Linie treu bleiben. Un getreu dem Sprichwort beharren. "Nichts auf dieser Welt ist so weit entfernt wie der Weg vom guten Vorsatz zur Tat." Un denken sie nicht an all das, was war, nein,an all das was noch vor uns steht. Weiter Erfolg und viel Spass und nur die Veränderung soll uns weiterhelfen. Vielen Dank und alles Gute. f.h.

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  • Kommentar: 2
  • 15.10.2009 22:59
von
Arsch
Antwort auf Kommentar 1

Mit dem "Älterwerden"der "Wichtigen"eines Blattes ändern sich auch (leider)Positionen.Nur Menschen.

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  • Kommentar: 1
  • 17.04.2009 16:38
von

Die Taz war mal Links, jedenfalls ist sie höchstens noch so links wie dir Grünen jetzt. Also fast in der Mitte angekommen, denn neoliberales Gedankengut, verständnis für Kriegseinsätze und all die tollen Dinge für die auch die Grünen gefälligst sind (so von den Granden der Partei verordnet) findet man an der Taz. Ob das auf lange Sicht reicht wag ich zu bezweifeln, aber vielleicht besinnt man sich dort ja auch mal wieder mehr auf seine Wurzeln.

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