Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Nachdem tausende Bücher zu homosexuellen Themen aus den Bestsellerlisten von Amazon verschwunden sind, wird gerätselt, was passiert ist. Die Vermutungen reichen von einem Hackangriff bis Zensur. Amazon selbst spricht von einer Panne.
Große Aufregung herrscht um den größten Onlineversandhändler Amazon. Der Grund: Tausende Bücher zu homosexuellen Themen waren vor einigen Tagen nicht mehr in den Bestsellerlisten seines US-Portals zu finden, darunter Werke so prominenter Autoren wie Gore Vidal, Annie Proulx oder E.M. Forster. Nicht nur nach Brokeback Mountain suchte der Amerikaner Mark R. Probst vergeblich, auch nach einem seiner eigenen Bücher. Er bloggte darüber und schnell machte im Internet das Wort Zensur die Runde.
Ganz so einfach scheint die Sachlage jedoch nicht zu sein. Amazon selbst hatte auf Anfrage Probsts zunächst verlauten lassen, man wolle die so genannten «Adult»-Inhalte - darunter fällt auch jegliche Form der Pornografie - aus diesen Listen entfernen. Diese passten einfach nicht zur Zielgruppe. Damit aber verschwanden auch ein Teil der «Erotica» sowie medizinische Bücher. Die Inhalte standen zwar auch weiterhin zum Verkauf, wurden aber nicht mehr in den Verkaufs-Rankings anzeigt, die für Erfolg oder Misserfolg eines Buches durchaus wichtig sein können. Die deutsche Seite von Amazon war nicht betroffen.
Für erste Verwirrung sorgte zwischenzeitlich die Version eines Bloggers, der sich selbst als schwulenhassender Junky bezeichnet. Er sei «mit ‹zehn Zeilen Code› für das Amazon-Chaos verantwortlich gewesen sein - weil sich Schwule über seine Werbung beschwert hätten», schreibt das Weblog Basic Thinking.
Amazon aber widerspricht, inzwischen auch sich selbst, und nimmt die ganze Schuld auf sich: Eine Softwarepanne trage die Schuld an der ungewollten Filterung der Bestsellerlisten, sagte ein Sprecher des Unternehmens dem Nachrichtenmagazin Publishers Weekly. Und Drew Herdener, Kommunikationsdirektor bei Amazon, teilte mit: «Das ist ein beschämender und ungeschickter Katalogfehler für ein Unternehmen, das Wert darauf legt, eine größtmögliche Auswahl zu bieten.»
Trotz dieser Erklärung flaut die Diskussion zumindest im Netz noch nicht ab, die Kritik an Amazon lässt kaum nach. Vor allem, weil beide Szenarien, die gewollte Filterung von Seiten Amazons oder ein scheinbar einfach durchzuführender Hackerangriff, nicht gerade für das Unternehmen sprechen.
Einer der ersten, die sich wieder beruhigt hatten, war schließlich Mark Probst selbst. «Natürlich war die reflexartige Reaktion: Die lügen», schreibt er in seinem Blog. «Doch nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie das nicht tun. Amazon schämt sich zweifellos, und man versucht, das Ganze richtig zu stellen.»
ruk
Amazon.de, amazon.fr, amazon.ca und amazon.jp waren genauso betroffen wie .com und .co.uk, (Amazon sprach selbst von "Seiten weltweit"). Die Inhalte waren zum Teil nicht mehr zu finden, wenn man Autor UND Titel in der Suchmaske eingegeben hat. "Adult" ist der Euphemismus fuer "Pornographie" - so wurde etwa Stephen Frys Biographie im Taschenbuch mit "gay" "getaggt", und war ploetzlich nicht mehr zu finden. Die Hardcover-Ausgabe war aber als "memoir" getaggt (ohne "gay") und war nach wie vor auffindbar. Schon merkwuerdig, dass Amazon unsere Realitaet so filtert/filtern kann, oder?
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