Bis einer heult
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.04.2009
Die Nutzer von sozialen Netzwerken stehen unter psychologischem Druck, und das, obwohl die Vernetzung im Internet oft an der Oberfläche bleibt. Die ersten steigen nun wieder aus bei Facebook und Co. Ein Wunder ist das nicht. Denn auch im Internet hat längst ein knallharter Wettbewerb Einzug gehalten.
Es gibt zwei Aspekte, die das Leben im Internet derzeit unangenehm machen können: Tempo und Wettbewerb. Was im realen Leben schon lange Alltag ist, gilt inzwischen auch für das Netz. Der Stärkere gewinnt.
In einem Vortrag auf der Internetkonferenz re:publica'09 hat der Journalist Peter Glaser das in einem beeindruckenden Vortrag mit dem Titel In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? aufgegriffen. Auch er stellt etwa eine immense Beschleunigung fest. Doch er bleibt gelassen:
«Manche haben das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der digitalen Welt. Aber wir befinden uns in einem Übergang und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen dieses Übergangs. Was wir erleben, ähnelt einem flimmernden Bildschirm, der so lange nervt, bis die Bildfrequenz über 72 Hertz steigt. Dann wird das Bild ruhig und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch ruhiger und klarer.»
Dass viele Internetnutzer sich zunehmend von Facebook, Twitter und anderen Angeboten unter Druck gesetzt fühlen, ist eigentlich kein Wunder. Ist der soziale Austausch doch nur ein Aspekt. Dahinter aber findet schon lange ein Wettrennen statt, in dem es um Tempo und immer öfter auch um Zahlen geht. Für fast alles gibt es Ranglisten: für Weblogs die Blogcharts, in denen die sogenannten Alphablogger das Feld anführen, die Twittercharts listen auf, wer mit seinen Tweets am erfolgreichsten ist und bei Facebook, StudiVZ oder Wer-kennt-wen gibt es Statistiken darüber, wer die meisten «Freunde» hat. Die Twittercharts, schreibt der Blogger Jens Schröder, seien «so eine Art Beliebtheitsskala in Twitterland. Natürlich hat sie nichts mit Relevanz oder etwas anderem Seriösen zu tun, sie ist ein netter Spaß wie ganz Twitter ein netter Spaß ist.» Das klingt nach einer lustigen Rangelei. Dass das jedoch nicht jeder versteht, liegt auf der Hand. Für viele wird daraus Ernst. Bis einer heult.
Im Internet hat sich mit dem Konkurrenzkampf eine Streitkultur entwickelt, die dieses Prädikat oft nicht verdient. Längst nicht jeder Kommentar, der in Blogs, auf Profilseiten oder in Gästebüchern abgegeben wird, hält sich noch an Regeln wie Fairness oder Respekt. «Das Meinen ist wilder, vitaler und unkontrollierter geworden», sagt Glaser. «Wirklich entsetzlich aber wäre die Vorstellung einer harmonischen Blogosphäre, in der alle nett zueinander sind und in Pilzhäuschen wohnen, umgeben von Hühnern, die aus Freundlichkeit tot umfallen, damit niemand ihnen den Hals umdrehen muß, wenn er eines mit Salat und Pommes essen möchte.»
Tatsächlich wäre vieles von dem, was sich im Netz abspielt, an sich noch kein Problem. Wettbewerb gehört zum Leben, Narzissmus auch, die Meinung anderer zu akzeptieren, zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Kritisch wird es für all die Kinder und Jugendlichen, denen zwar der oft uneingeschränkte Zugang zum Internet ermöglicht wird, denen jedoch niemand beibringt, wie mit diesem Werkzeug und all seinen Facetten umzugehen ist. Wer da den Überblick verliert, wer nicht (mehr) unterscheiden kann, wo es noch sinnvoll ist, sich einzuloggen, was relevant ist und was nicht, ist allein.
Längst werden auch in Deutschland die Forderungen lauter, das Internet als Schulfach in den Lehrplan aufzunehmen. Keine schlechte Idee. Denn es wäre eine Utopie, davon auszugehen, dass diese Machtkämpfe nachlassen könnten. Den gesunden Umgang mit all diesen Faktoren muss man lernen. Genauso, wie Kinder lernen müssen, auf dem Schulhof oder im Sportverein mit Konkurrenzsituationen umzugehen. Allzu oft scheinen sie zu glauben, das Netz sei ein Schutzraum, in dem andere Regeln gelten.
mik/news.de
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