«Sterben, eine feine Sache!»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Er sang vom Suff, den Dirnen und der Liebe, von der Kindheit und vom Alter, oft mit verzerrtem Gesicht, als hätte er bei jedem Ton Schmerzen. Auch mehr als 30 Jahre nach seinem Tod ist der belgische Chansonnier Jacques Brel unvergessen. Eine Hommage zu seinem 80. Geburtstag.
Wer einmal diese Bilder gesehen hat, wird sie nicht mehr los. Da steht dieser 35-jährige, schlaksige Mann auf der Bühne des legendären «Olympia» am Pariser Boulevard des Capucines und schmettert seine Lieder in die Nacht. Er hat hier schon öfter gestanden, doch Amsterdam etwa singt er an diesem Abend zum ersten Mal. Und wer einmal diesen Applaus gehört, diese Kritiken gelesen hat, vergisst das nicht mehr. Von einem «Orkan namens Brel» spricht Le Figaro, vom «besten Chansonsänger der Welt» die Londoner Times.
An diesem Abend des Jahres 1964 hat Jacques Romain Georges Brel noch 14 Jahre zu leben. Heute wäre er 80 Jahre alt geworden, doch am 8. April 1978 stirbt er, viel zu früh, ausgerechnet an Kehlkopfkrebs, einer Krankheit, die nicht wenigen Patienten am Ende auch die Stimme raubt. Gerade in seinen letzten Jahren sorgt der charismatische Belgier für Wirbel. In einem seiner letzten Chansons, Les F ..., bringt er die konservative Fraktion der belgischen Flamen noch einmal gegen sich auf: «Nazis in den Kriegen, dazwischen Katholiken», singt er und erntet wütenden Protest. Die Antwerpener Katholische Studentenvereinigung schreit auf, die mächtige flämische Gruppierung «Große Junge Familien» will ihn boykottieren und selbst Brüssel schaltet sich ein. «Ich bin verärgert», sagt die Ministerin für niederländische Kultur, Rika de Backer.
Das letzte, was Brel in seinem Leben vollbringen wird, ist eine Klage gegen die Illustrierte Paris Match, die ihn beim Verlassen eines Krankenhauses in Paris heimlich fotografierte, mit verbundenem Kopf. Zurückhaltung ist seine Sache nicht, der Sohn eines Kartonagenfabrikanten liebt nicht nur das Rampenlicht, sondern auch die klaren Worte und abseitigen Themen. Amsterdam, jenes Lied über das Hafenleben und die Spelunken, den Suff und die Dirnen, in dem die untreuen Matrosen voll bis oben hin mit Bier und Tragödien verrecken, zeigt das wie kein zweites. Doch er besingt nicht nur das rauhe Leben, sondern auch die stillen Momente, er besingt die Alten, die Zärtlichkeit und die Kindheit: «Auch wenn ich eines Tages, im Altersheim von Knokke-le-Zoute, meine Lieder nur noch für die rosa Elefanten singe, werde ich doch spüren, dass sie aus einer Zeit stammen, als ich noch der kleine Jacky war», heißt es. Seine rosa Elefanten, diese kindliche Phantasie, bewahrt er sich bis zum Tod.
Und Jacques Brel bleibt immer auch ein politischer Künstler. In seinen rund 500 Chansons geht es nicht nur um Liebe und Schmerz, Flucht und Einsamkeit, sondern auch um den Hass und die Boshaftigkeit der Menschen, die Heuchelei und die Dummheit des Krieges. In seinen Liedern, die oft auch wie Gedichte gelesen werden, singt der selbst aus bürgerlichem Haushalt stammende Brel gegen die Bourgeoisie an («Die Bourgeoisen, sie sind wie die Säue») und variiert gerade in seiner Pariser Zeit ein Thema wieder und wieder: Die Belgier, in seinen Worten Arschlöcher. Doch da schwingt die Hoffnung mit, sie könnten sich ändern, der Mensch an sich könnte sich ändern. Und er liebte keine Stadt so sehr wie Brüssel, seine Heimatstadt, Ort seiner ersten Auftritte.
Es sind die großen Widersprüche des Jacques Brel, die seine Fans so lieben. Da ist ein Mann, der sein Flandern liebt. «Das flache Land ist meins» lautet der Refrain in Le plat pays, und doch singt Brel Zeit seines Lebens fast nur auf Französisch. Ein Mann, der im einen Moment das frivole, derbe Leben beschreibt, im nächsten aber schon kraftvoll und inbrünstig seine Sehnsucht herausschreit oder fleht: «Ich werde nicht mehr weinen, ich werde nicht mehr reden, ich werde mich dort verstecken, dich einfach nur beobachten, wenn du tanzt und lächelst, dir zuhören, wenn du singst und lachst. Lass mich zum Schatten deines Schattens werden, zum Schatten deiner Hand, zum Schatten deines Hundes, aber verlass' mich nicht.»
Ne me quitte pas, verlass' mich nicht - da ist sie, die ständige Angst Brels vor der Einsamkeit. Er begegnet ihr auch durch seine Auftritte. Fast könnte man meinen, Brel sei ein Romantiker gewesen, verheiratet, Vater von drei Töchtern. Doch eigentlich ist er ruhelos, immer auf der Suche nach Liebe, Anerkennung, er rennt den Frauen und dem Leben hinterher, hat Liebschaften, raucht und säuft.
Irgendetwas muss raus aus ihm, wenn er vor seinem Publikum steht. «Vor lauter Lampenfieber war ihm jedes Mal zum Kotzen», sagte seine Tochter France vor einigen Jahren. Auch dagegen soll der Alkohol helfen, vielleicht ist es das, was er dann während seiner Auftritte herausschreit, was er hinausspuckt auf die Bühne, schwitzend, mit unruhigen Armen und Grimassen im Gesicht.
Bei all dem Schmerz, der Gewalt und der Verrohung, die in seinen Liedern mitschwingen, gibt es schlussendlich jedoch etwas, das immer stärker ist, das immer am Ende steht: die Hoffnung. Auf das Glück, auf Veränderung, auf einen neuen Tag. Und neben der Hoffnung sitzt die Ironie: «Morgen warte ich wieder auf Madeleine, ich bring ihr wieder Flieder mit, da wird es auch wie immer regnen», singt er in Madeleine.
1966 hört Brel auf, sein letztes Konzert gibt er natürlich im «Olympia». Er ist ausgelaugt, müde. Einige Jahre bleiben ihm noch, in denen er sich dem Fliegen und dem Segeln widmet und seiner großen und letzten Liebe Madly. Er plant eine Weltumseglung, lässt alles hinter sich, 1974 wird ein Lungentumor entdeckt und entfernt. Doch es scheint, als habe er keine Angst zu sterben. «Mourir, la belle affaire!», hat er einmal gesungen. «Sterben, eine feine Sache!» 1977 kehrt er aus dem Exil auf einer Insel in Französisch-Polynesien nach Frankreich zurück, nimmt seine letzte Platte Les Marquises auf, die ein grandioser Erfolg wird. Ein Jahre später stirbt er mit 49 Jahren.
Schon vier Jahre später benennt seine Heimatstadt Brüssel eine Metro-Station nach dem großen Sänger. Diese Ehre, die Brel nur mit zwei anderen Belgiern, dem früheren König Baudouin und der Radsport-Legende Eddy Merckx teilt, zeigt, dass man ihn liebt, dass man ihn verehrt und dass man ihm verzeiht, die Belgier für Arschlöcher gehalten zu haben. Neben der Hoffnung sitzt die Ironie.
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