So., 12.02.12
Wieder vereint

Christoph Hein Seismograph des Untergangs

Von Wilfried Mommert

Artikel vom 08.04.2009

Christoph Hein ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit, der nicht nur als «poetischer Chronist der DDR» und ihres Endes längst Literaturgeschichte geschrieben hat. Der Mann mit «Kraft und Mut und Rückgrat», wie ihm Marcel Reich-Ranicki einmal bescheinigte, wird 65.

Der aus Schlesien stammende Pfarrerssohn, der später in West-Berlin zur Schule ging, feiert heute seinen 65. Geburtstag. Nicht die einzigen beiden Stationen in seinem Leben. Nach dem Mauerbau 1961 lebte der Roman- und Bühnenautor (Die Ritter der Tafelrunde) in der DDR, seit dem Mauerfall im vereinten Berlin.

Der eher unscheinbare, schmächtige und schüchterne Mann mit Schnauzbart war schon früh ein gefragter Dichter in beiden deutschen Staaten, auch wenn Hein nicht immer dieselbe öffentliche Aufmerksamkeit genießen konnte wie seine Kollegen Christa Wolf, Stefan Heym und Heiner Müller. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bescheinigte ihm einmal «Kraft und Mut und Rückgrat».

Aus Heins Romanen Horns Ende und Der Tangospieler werden nach Ansicht des Kritikers «künftige Generationen sehen, wie man dort gelebt, gelitten, gelogen hat, und warum das nicht eine Substanz hatte, die sich dem Untergang hätte widersetzen können». Der Durchbruch auch im Westen Deutschlands gelang dem regimekritischen DDR-Schriftsteller Anfang der 80er Jahre mit der Novelle Drachenblut (Der fremde Freund).

«Es ist ein Buch über ein modernes Lebensgefühl», nannte Hein es einmal. «Es geht um Fremdheit, Kälte, Isolation. Lediglich in der Tatsache, dass es in einem sozialistischen Land eben nicht anders, humaner zugeht, mag man eine spezifische Provokation gesehen haben.» Die Sätze der Ich-Erzählerin, Ärztin in einem Ost-Berliner Krankenhaus, kinderlos, geschieden, gehen den Lesern unter die Haut: «Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen... Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren...»

Zu seinen späteren und nach dem Ende der DDR erschienenen Büchern gehören Landnahme, Das Napoleon-Spiel, Randow, In seiner frühen Kindheit ein Garten, Willenbrock und zuletzt 2007 der Roman Frau Paula Trousseau. In den 1970er Jahren arbeitete Hein bei Benno Besson an der Ost-Berliner Volksbühne. 1983 erschien sein vielleicht berühmtestes und am Deutschen Theater in Ost-Berlin uraufgeführtes Stück Die wahre Geschichte des Ah Q. 2004 sollte Hein an diesem Theater sogar Intendant werden, gab aber nach heftigen Kritiken gegen seine Berufung entnervt wieder auf.

In der DDR avancierte er bald vom «literarischen Geheimtipp» zum frühen Seismograph ihres Untergangs. Kurz vor dem Fall der Mauer 1989 malter er ihn in seinem noch in Dresden uraufgeführten Theaterstück Die Ritter der Tafelrunde dramatisch-parabelhaft an die Wand. König Artus erkennt den «notwendigen Wandel» und sagt zu seinem Sohn: «Du wirst viel zerstören». Als letztes Wort des Stückes erhält er die Antwort: «Ja, Vater.»

Der Mann, der hier den Untergang beschreibt, hat an ihm auch öffentlich teilgenommen. Zum Beispiel in seiner Rede am 4. November 1989 auf der legendären ersten freien Massenkundgebung auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Dabei rief er Leipzig als Ort der Montagsdemonstrationen, die ein entscheidender Nagel im Sarg der DDR werden sollten, zur «Heldenstadt» aus. Und schon zwei Jahre zuvor hatte er im November 1987 auf dem Schriftstellerkongress der DDR offen und mutig die sogenannte «Druckgenehmigungspraxis» der SED und der DDR-Verlage als Zensur angeprangert. Sie sei «nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar».

Dass so ein Mann im Herbst 1998 nach langen Querelen in Dresden zum ersten gesamtdeutschen P.E.N.P.E.N. ist eine internationale Schriftstellervereinigung, die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists, Novelists (Poeten, Essayisten, Romanautoren). -Präsidenten gewählt wurde, ist daher kein Wunder. Hein hat immer «System-Defekte» in Ost und West wie Ängste, Selbstbetrug, Verrat, Verdrängung, Machtmissbrauch oder Anpassung schonungslos beschrieben - und daraus Literatur gemacht, die Bestand haben wird.

bla/iwi
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Christoph Hein: Seismograph des Untergangs » Medien » Nachrichten

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