Von news.de-Redakteur Timo Nowack, Hamburg
Im Internet Geld verdienen, die Zeitung vor dem Aussterben bewahren und die wahre Stärke von Zeitschriften erkennen: Beim Symposium des Lead Awards haben Medienmacher die Herausforderungen der kriselnden Branche diskutiert - und entdeckt, was Online-Medien mit Gratisbier zu tun haben.
Der Tageszeitung geht es schlecht. In den USA kämpft ein Blatt nach dem anderen ums Überleben, in Deutschland baut der WAZ-Konzern 300 Stellen ab, Anzeigenerlöse sinken. Besonders die Konkurrenz im Internet wächst. Claus Strunz, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, hält dem Pessimismus beim Lead-Award-Symposium entgegen: «Stellen Sie sich vor, über jeder Couch in Deutschland kommt ein Schlauch aus der Wand, aus dem gratis Bier kommt», sagt Strunz. «Glauben Sie, dass dann niemand mehr Sixpacks kauft?»
Das Schlauchbier aus der Wand sind bei Strunz die Informationen aus dem Internet, das handfeste Sixpack ist die Tageszeitung. Der Abendblatt-Chef, der sich und seine Kollegen die Braumeister nennt, sieht drei Konsequenzen: «Erstens: Wir werden weniger Sixpacks verkaufen. Zweitens: Trotzdem werden wir immer Sixpacks verkaufen, weil es Leute gibt, die darauf nicht verzichten wollen. Und Drittens: Zusammengenommen wird mehr Bier verkauft werden.» Diese Metapher sei zwar etwas abwegig und gewagt, gesteht Strunz ein, aber nicht ganz von der Hand zu weisen.
Hans Werner Kilz, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, betont, dass sich in seinen Augen «das Modell, Papier zu bedrucken, sehr wacker halten wird». Doch auf die Frage, ob er sich ein öffentlich-rechtliches Modell für Zeitungen vorstellen könnte, antwortet er: «Wenn sie sich nicht mehr über Anzeigen finanzieren können, braucht es ein anderes Modell.» Die Zeitung sei zu essentiell für die Demokratie, als das man sie wegbrechen lassen könne.
Die wahren Opfer der Krise sind in Deutschland bisher aber die Magazine. «Insgesamt sind im Jahr 2008 93 Zeitschriften eingestellt worden», sagt Medienwissenschaftler Berhard Pörksen. Aber er ist hoffnungsvoll. Seine These: «In der ökonomischen Krise zeigt sich die wahre Stärke des Zeitschriftenjournalismus.» Die großen Themen Bankenkrise, Olympische Spiele in China und US-Präsidentenwechsel von Bush zu Obama haben laut des Wissenschaftlers ein großes Realitätsinteresse bei den Menschen geweckt – in Abgrenzung zur alltäglichen Inszenierung in TV-Castingshows.
Zeitschriftenbeiträge wie Der Bankraub. Die Chronik der Ereignisse, die zur Finanzkrise führten im Spiegel seien diesem Bedürfnis nach einer neuen Ernsthaftigkeit gerecht geworden, urteilt Pörksen. Daumen hoch also für die deutsche Zeitschriftbranche – zumindest wenn es nach dem Wissenschaftler geht.
Und wie schlagen sich die Medien im Internet? Bei den Experten herrscht eine Mischung aus Missmut und Ratlosigkeit. Medienberater Robin Meyer-Lucht beklagt die Einfallslosigkeit der Verlagsmedien im Netz. Die großen Nachrichtenseiten würden seit Jahren gleich aussehen, der Mainstream habe eine kreative Verschnaufpause eingelegt, so Meyer-Lucht. Wie es anders geht, zeigen laut des Medienberaters etwa die Meta-Blog-Seite Rivva oder die Architektenplattform Baunetz mit mittlerweile rund 160.000 registrierten Nutzern.
Abendblatt-Chef Strunz setzt die Verlagskaufleute auf die Anklagebank und fragt bissig: «Was haben die denn in den letzten fünf Jahren gemacht?» Während die Redaktionen sich auf das Online-Geschäft eingestellt und zum Beispiel Bewegtbilder integriert hätten, gebe es von Seiten der Verlagskaufleute immer noch keine neuen Ideen zum Geldverdienen im Internet. Michael Meier, Chef der Firma Blogform erklärt das so: «Die Verlage legen zu wenig Wert auf Inhalte, Multimedia und Lesbarkeit. Im Moment ist alles so aneinander gekleistert, da kann Werbung ja nicht funktionieren.»
bla