«Kaum jemand weiß, was ich im Netz mache»
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Berlin
Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich mit dem Internet auf. Doch immer wieder zeigt sich: Schule und Eltern wachsen nicht mit, das Thema findet in Unterricht und Erziehung kaum statt. Eine Ohrfeige für das deutsche Bildungssystem.
Wenn Timo Heuer von seinen Eltern erzählt, wird schnell klar, wer bei ihm zu Hause in Sachen Internet die Hosen an hat: «Inzwischen ist meine Mutter soweit, dass sie meine TweetsAls Tweets werden die Kurznachrichten bezeichnet, die über den Dienst Twitter (www.twitter.com) verschickt werden. liest. Und ich habe sie soweit, dass sie sich ihre Playlist bei YouTube zusammenstellt. Bei meinem Vater arbeite ich da noch dran. Ich würde aber von meinen Eltern bei Facebook auch keine Freundschaftsanfrage annehmen.»
Ein Einzelfall? Vielleicht, Timo Heuer, 17, ist sicherlich überdurchschnittlich versiert im Umgang mit dem Netz. Dass Eltern und auch Lehrer den Jugendlichen in dieser Sache jedoch weit hinterher sind, scheint eher die Regel, zeigt eine Diskussionsrunde auf der diesjährigen Internetkonferenz re:publica'09. Der 14-jährige Blogger Christopher Koch kann das nur bestätigen: «An unserer Schule wurde das Internet bisher noch gar nicht behandelt.» Und Heuer erzählt: «An meiner alten Schule haben uns die Lehrer im Unterricht erklärt, wie man einen Ordner einrichtet.» Um das Internet und die Kultur, die darum entstanden ist, kümmert sich heutiger Unterricht aber offensichtlich nicht.
Lisa Rosa, Lehrerin und inzwischen in der Referendarsausbildung tätig, kennt das Problem nur zu gut. Auch sie stößt beim Thema Internet immer wieder an Grenzen: «Man kann eben nicht einfach neue Geräte in eine alte Schule stellen und und dann glauben, dass das schon irgendwie funktioniert. Ich sage den Referendaren immer: Erobert das erst einmal für euch, denkt nicht immer gleich an die Schüler. Die meisten Lehrer aber sehen Themen immer nur aus dem Blickwinkel, was sie davon um acht Uhr für den Unterricht gebrauchen können.» Doch in den seltensten Fällen ist das Internet auch nur kleiner Bestandteil der Lehrerausbildung.
Heiko Hebig, seit Jahren erfolgreicher Blogger, kennt das Problem auch aus seiner eigenen Familie, einem Lehrerhaushalt. Ihn ärgere vor allem, dass Lehrern immer noch Word und Powerpoint beigebracht werde, das Internet aber kaum Thema sei: «Wenn Lehrer mit so rudimentärem Wissen auf Schüler losgelassen werden, die im Internet aufgewachsen sind, macht mir das Angst, was in diesem Land passiert.»
Dabei klingt das Rezept auf den ersten Blick ganz einfach: «Lehrer sollten auch selbst engagiert sein und nicht nur dem Trupp hinterherlaufen. Sie müssen das auch selbst ausprobieren», sagt der 14-jährige Christopher Koch. Und wer könnte dabei besser helfen als Schüler selbst, meint Lehrerin Lisa Rosa: «Ich habe das Netz auch nicht selbst entdeckt, das haben mir meine Schüler beigebracht. Wir brauchen Lehrer, die das zulassen, die merken, dass die Schüler woanders sind, dass sie weiter sind.»
In wenigen Ländern, wie zum Beispiel den USA, ist das längst Standard, und auch in Europa soll das Internet schon in naher Zukunft Teil des Lehrplans werden. Doch dagegen gibt es durchaus Widerstand. In England etwa plant die Labour-Regierung, Kinder bis elf Jahren fit für das digitale Zeitalter zu machen. Kritiker aber bemängeln schon jetzt, dass das zu Lasten des klassischen Lehrplans gehen könne. Und auch die Frage, ob sich überhaupt alle Eltern einen Computer leisten könnten, damit ihre Kinder das in der Schule Gelernte auch zu Hause umsetzen können, bleibt unbeantwortet.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Der erste Tag der re:publica'09 fiel auf, nicht nur durch Themen und Atmosphäre, auch durch den teilweisen Totalausfall des mehr ...
Die Medienwelt wird durch das Internet kräftig durcheinandergewirbelt. Doch noch immer scheint statt echter Kooperation ein mehr ...
Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland ungefähr eine halbe Million Blogger gibt, genaue Zahlen kennt niemand. Doch mehr ...
Für drei Tage treffen sich in Berlin Blogger und andere Netzbewohner unter dem Motto «Shift happens» - Veränderung mehr ...
Leserkommentare (1)
Ich finde den Beitrag und die dort beschriebene Meinung unter http://club.suelzonline.de/?p=50 zum Thema sehr schlüssig. Sollte man zusätzlich auch nochmal lesen.
jetzt antworten Kommentar melden