re:publica'09 «Kaum jemand weiß, was ich im Netz mache»

Generation Internet (Foto)
Diskutieren über das Internet und die Schule: Timo Heuer, Christopher Koch und Lisa Rosa (v. l.) Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Berlin
Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich mit dem Internet auf. Doch immer wieder zeigt sich: Schule und Eltern wachsen nicht mit, das Thema findet in Unterricht und Erziehung kaum statt. Eine Ohrfeige für das deutsche Bildungssystem.

Wenn Timo Heuer von seinen Eltern erzählt, wird schnell klar, wer bei ihm zu Hause in Sachen Internet die Hosen an hat: «Inzwischen ist meine Mutter soweit, dass sie meine TweetsAls Tweets werden die Kurznachrichten bezeichnet, die über den Dienst Twitter (www.twitter.com) verschickt werden. liest. Und ich habe sie soweit, dass sie sich ihre Playlist bei YouTube zusammenstellt. Bei meinem Vater arbeite ich da noch dran. Ich würde aber von meinen Eltern bei Facebook auch keine Freundschaftsanfrage annehmen.»

Ein Einzelfall? Vielleicht, Timo Heuer, 17, ist sicherlich überdurchschnittlich versiert im Umgang mit dem Netz. Dass Eltern und auch Lehrer den Jugendlichen in dieser Sache jedoch weit hinterher sind, scheint eher die Regel, zeigt eine Diskussionsrunde auf der diesjährigen Internetkonferenz re:publica'09. Der 14-jährige Blogger Christopher Koch kann das nur bestätigen: «An unserer Schule wurde das Internet bisher noch gar nicht behandelt.» Und Heuer erzählt: «An meiner alten Schule haben uns die Lehrer im Unterricht erklärt, wie man einen Ordner einrichtet.» Um das Internet und die Kultur, die darum entstanden ist, kümmert sich heutiger Unterricht aber offensichtlich nicht.

Lisa Rosa, Lehrerin und inzwischen in der Referendarsausbildung tätig, kennt das Problem nur zu gut. Auch sie stößt beim Thema Internet immer wieder an Grenzen: «Man kann eben nicht einfach neue Geräte in eine alte Schule stellen und und dann glauben, dass das schon irgendwie funktioniert. Ich sage den Referendaren immer: Erobert das erst einmal für euch, denkt nicht immer gleich an die Schüler. Die meisten Lehrer aber sehen Themen immer nur aus dem Blickwinkel, was sie davon um acht Uhr für den Unterricht gebrauchen können.» Doch in den seltensten Fällen ist das Internet auch nur kleiner Bestandteil der Lehrerausbildung.

Heiko Hebig, seit Jahren erfolgreicher Blogger, kennt das Problem auch aus seiner eigenen Familie, einem Lehrerhaushalt. Ihn ärgere vor allem, dass Lehrern immer noch Word und Powerpoint beigebracht werde, das Internet aber kaum Thema sei: «Wenn Lehrer mit so rudimentärem Wissen auf Schüler losgelassen werden, die im Internet aufgewachsen sind, macht mir das Angst, was in diesem Land passiert.»

Dabei klingt das Rezept auf den ersten Blick ganz einfach: «Lehrer sollten auch selbst engagiert sein und nicht nur dem Trupp hinterherlaufen. Sie müssen das auch selbst ausprobieren», sagt der 14-jährige Christopher Koch. Und wer könnte dabei besser helfen als Schüler selbst, meint Lehrerin Lisa Rosa: «Ich habe das Netz auch nicht selbst entdeckt, das haben mir meine Schüler beigebracht. Wir brauchen Lehrer, die das zulassen, die merken, dass die Schüler woanders sind, dass sie weiter sind.»

In wenigen Ländern, wie zum Beispiel den USA, ist das längst Standard, und auch in Europa soll das Internet schon in naher Zukunft Teil des Lehrplans werden. Doch dagegen gibt es durchaus Widerstand. In England etwa plant die Labour-Regierung, Kinder bis elf Jahren fit für das digitale Zeitalter zu machen. Kritiker aber bemängeln schon jetzt, dass das zu Lasten des klassischen Lehrplans gehen könne. Und auch die Frage, ob sich überhaupt alle Eltern einen Computer leisten könnten, damit ihre Kinder das in der Schule Gelernte auch zu Hause umsetzen können, bleibt unbeantwortet.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Jugendliche Warnungen vor den Gefahren des Internets für Panikmache halten

Bisher sind Kinder und Jugendliche allein im Netz, kaum etwas von dem, was sie dort tun, scheint nach außen zu dringen. Eine Parallelwelt entsteht. «Ich glaube, es gibt kaum jemanden, den ich kenne, der weiß, was ich im Netz mache. Und auch mein Blog kennen nur wenige», sagt Koch. Und auch Timo Heuer berichtet: «Gerade einmal einer von meinen realen Freunden ist zum Beispiel bei Twitter, und das, obwohl mir dort 900 Leute folgen.»

Nicht selten wird vor den Gefahren des Internets gewarnt, das weiß auch Koch. Haben Jugendliche vielleicht einfach weniger Angst vor dem Internet als Erwachsene? Gerade weil sie so selbstverständlich damit aufwachsen? «Das ist schon eine mögliche Antwort», meint Koch. «Von Erwachsenen kommt oft nur Panikmache, das Netz sei gefährlich.» Auch Lisa Rosa kennt dieses Phänomen: «Die Logik der Schule ist immer noch, zu sagen: Beschäftige dich nicht damit, das ist gefährlich, beschäftige dich mit dem, was ich dir sage.»

Auf die Nachfrage einer Mutter, sie lasse ihre Kinder nicht mehr gerne alleine ins Internet, seit sie einmal gemerkt habe, dass ihr Sohn und sein Freund sich Sexseiten anschauen, antwortet Heuer erstaunlich gelassen: «Es gibt halt immer Nachteile in einer Informationsgesellschaft. Ich kann ja nicht gut über früher reden, aber ich denke, da wurde so etwas auf dem Schulhof getauscht.»

Eine solch fundierte Sicht auf das Problem ist sicherlich die Ausnahme, wie auch der Umgang der auf der re:publica vertretenen Jugendlichen mit dem Internet eher die Ausnahme ist. «Aus meiner Klasse sind eigentlich alle nur bei SchülerVZ oder surfen auf YouTube», glaubt Christopher Koch. Doch auch bei ihm zu Hause sieht es kaum anders aus: «Meine Mutter ist relativ wenig im Netz, die hält sich ziemlich vom PC fern und kennt auch mein Blog nicht. Das kennt nur mein Vater. Ich kann fast machen, was ich will.» Ob er sich denn mehr Interesse seiner Eltern wünschen würde, wird aus dem Publikum gefragt. Schweigen, der Vater sitzt im Saal. Dann aber sagt er noch zögernd: «Gute Frage. Ich weiß es nicht.»

All das macht den Eindruck, als gebe es durchaus auf beiden Seiten Hürden, bietet das Internet Jugendlichen doch auch einen gewissen Schutz, eine neue Privatsphäre. Angst müssten Eltern deshalb trotzdem nicht haben, meint Lisa Rosa lapidar: «Aus meiner Erfahrung holen sich Kinder soviel in die Realität, wie sie verkraften können. Das Beste ist immer noch, sich daneben zu setzen und zusammen ins Internet zu gehen. Den Rechner einfach auszuschalten, ist auf jeden Fall verkehrt.»

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Thomas
  • Kommentar 1
  • 28.10.2009 22:20

Ich finde den Beitrag und die dort beschriebene Meinung unter http://club.suelzonline.de/?p=50 zum Thema sehr schlüssig. Sollte man zusätzlich auch nochmal lesen.

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