Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Trotz Anzeigenkrise und Sponsorproblemen sind die Lead Awards verliehen worden. Großer Gewinner des Medienpreises ist das «Zeit Magazin» mit vier Auszeichnungen in Gold. Doch spurlos ist die Krise an der Veranstaltung nicht vorbeigegangen.
Der rote Teppich ist ausgerollt, Kamerateams lauern auf Promis und in der Warteschlange vor den Hamburger Deichtorhallen machen sich die Damen und Herren gegenseitig Komplimente für ihre Abendkleider und Anzüge. Auf den erst Blick scheint sich nichts verändert zu haben beim Lead Award, dem deutschen Zeitschriften-Oscar, einem der wichtigsten Preise der deutschen Medienbranche.
Man feiert sich gerne, gibt sich pompös - auch in Krisenzeiten, wie es scheint. Zur Party sind sie alle da: Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo, Foto-Legende F.C. Gundlach, die Stern-Chefredakteure Andreas Petzold und Thomas Osterkorn und viele mehr. Die Sitzplätze reichen nicht aus, Leute stehen auf den Gängen.
Doch der Schein trügt – zumindest ein wenig. «Noch nie war ich so froh, sie hier heute begrüßen zu können», beginnt Lead-Award-Chef Markus Peichel. Man nimmt ihm das ab. Denn Peichel musste lange um die Party bangen, erst vor zwei Wochen fand er die nötigen Sponsoren. Nichtsdestotrotz: «Die Branche braucht Ermutigung in der schwersten Krise, in der sie je steckte», sagt Peichel. Und dazu müsse man Innovation und Qualität feiern. Allerdings bescheidener als sonst.
So gerät die auf den ersten Blick so opulente Feier kleiner als erwartet. Am Buffet gibt es Nudeln mit Soße und Fingerfood. Bei der Verleihung der Preise wird auf Einspielfilme verzichtet, selbst für einen Moderator reichte das Geld nicht. «Deshalb mache ich das selber», sagt Peichel. Insgesamt dauert die Verleihung gerade einmal 55 Minuten.
Die meiste Ehre in dieser knappen Stunde wird dem Zeit Magazin zuteil. Das Heft, das der Wochenzeitung Die Zeit beiliegt, ist mit viermal Gold der große Sieger der Lead Awards 2009. Mit dem Titel Lead-Magazin des Jahres sichert es sich den wichtigsten Preis. Darüber hinaus belegt das Magazin, das im Jahr 1999 eingestellt und erst 2007 wieder in Betrieb genommen wurde, den ersten Platz in den Fotokategorien Reportage sowie Architektur und Still-Life.
Das vierte Gold erhält das Team von Redaktionsleiter Christoph Amend in der Kategorie «Cover des Jahres» für eines seiner typischen Doppeltitelblätter: Auf einer ersten Seite sind New Yorker zu sehen, die vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center fliehen, dazu die Zeile: «Dieses Jahrzehnt begann in Manhattan.» Fortgesetzte auf Seite zwei: «Und es endet in Manhattan.» Darüber ist das Foto eines Wallstreethändlers platziert, der zu Beginn der Weltfinanzkrise mit gepackten Sachen von einem Kamerateam verfolgt wird.
Als Magazinbeitrag des Jahres ehrt die Jury die Geschichte «Irak fünf Jahre danach. Was aus den Menschen auf den bekanntesten Kriegsfotos wurde» aus dem Magazin Stern. In monatelanger Arbeit hatten die Reporter des Stern dafür die Menschen von berühmten Irak-Krieg-Fotos aufgespürt und zeigen, wie es ihnen heute geht. So den kleinen Ali Ismail Abbas. 2003 war er auf einem Foto zu sehen, wie er in einem Krankenbett liegt, die Arme amputiert und verbunden, die Brandwunden auf der Brust dick mit Salbe eingeschmiert.
Der damals Zwölfjährige war bei einem Raketenangriff schwer verwundet worden. US-Militärs evakuierten ihn nach London, wo er eine Behindertenschule besuchte. Heute lebt Ali wieder in Bagdad, sehnt sich aber zurück nach London, wie die Stern-Reporter herausfanden.
In der Kategorie «Online» erhält der Microblogging-Dienst Twitter den Preis in Gold als Webcommunity des Jahres. «In der Jury wurde viel diskutiert, ob Twitter nun der Holz- oder Königweg ist», sagte Lead-Award-Chef Markus Peichel bei der Verleihung, auch mit Blick auf umstrittene Twitter-Berichterstattung zum Beispiel beim Amoklauf von Winnenden. «Aber der Einsatz in der US-Präsidenten- wie in der Hessen-Wahl hat den Ausschlag für den Sieg gegeben.» Weblog des Jahres wird das Meta-Blog Rivva, das das Wichtigste aus deutschen Blogs zusammensucht und präsentiert.
Insgesamt vergibt die Jury Preise in 18 Kategorien aus den Bereichen Zeitschriften, Online, Fotografie und Anzeigen. Bewerbungen für die Awards sind dabei generell nicht möglich – stattdessen wertete die Jury die kompletten Jahrgänge von 350 Zeitschriften und 500 Internetseiten aus.
Noch am Nachmittag vor der Preisverleihung meldete sich überraschend der Spiegel-Verlag, der sich als Sponsor eigentlich zurückgezogen und den Lead Award damit in Finanznöte gebracht hatte, als Geldgeber zurück. «Unser kleiner Streit ist damit endgültig beigelegt», sagt Markus Peichel am Abend. In der Krise und beim Feiern scheint man in der Zeitschriftenbranche eben doch zusammenzuhalten.
gua/ham