Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Berlin
Die Medienwelt wird durch das Internet kräftig durcheinandergewirbelt. Doch noch immer scheint statt echter Kooperation ein harter Kampf zwischen Print und Online zu toben. Auch auf der re:publica bleiben diese Fronten zumindest teilweise verhärtet.
Schwarz-weiß ist die Medienwelt, wenn es nach so manchem Journalisten ginge: Print auf der einen, Online auf der anderen Seite. Die Branche macht einen Wandel durch, das ist das Thema auf dem Podium der Internetkonferenz re:publica.
Doch nicht nur die Diskussion lahmt, auch die Technik spielt nicht mit. «You are not connected to the internet», steht auf der großen Leinwand im Hintergrund, auf der das Publikum sich eigentlich per SMS oder Twitter beteiligen soll, ohnehin eine ziemlich unfaire Angelegenheit, wie Helmut Lehnert, einst erster Chefredakteur von Radio Fritz, befindet. Reagieren könne er darauf schließlich so schnell nicht. Immerhin die gute alte SMS tut noch ihren Dienst - Anachronismus an einem ersten April.
Mit Lehnert sitzen da Jakob Augstein, neuer Verleger der linken Wochenzeitung Freitag, Moderator und re:publica-Gründer Johnny Haeusler, Peter Hogenkamp, Chef des Blogverlags blogwerk und Oliver Passek vom Medienboard Brandenburg. Zwar spielt irgendwann auch Twitter wieder mit, die Diskussion aber bleibt einseitig. Vielleicht, weil die Fronten zu klar verteilt sind. Da sind die kulturpessimistischen Augstein und Lehnert auf der einen Seite, Peter Hogenkamp auf der anderen und ein reichlich abgemeldeter Oliver Passek. Dabei hätte alles so schön werden können, spannende Hintergründe bringen alle Teilnehmer mit.
Helmut Lehnert etwa brachte mit Fritz einen der ersten deutschen Radiosender überhaupt ins Internet, nicht etwa, weil er wusste, «dass man das braucht», sondern einfach, weil er es schick fand. Heute klingt er desillusioniert, wenn er sagt: «Zur Zeit wird am Gras gezogen, aber man weiß: Wenn man am Gras zieht, wächst es nicht schneller. Viele Leute haben einfach nicht das Handwerk, mir etwas sinnvolles zu sagen.» Und man müsse sich im Internet einfach durch einen unglaublichen Berg von Müll wühlen, um Qualität zu finden. Es sei alles zu schnell geworden, aber wenn alles schnell sei, könne man eben nicht mehr nachdenken.
Oder Jakob Augstein, der mit dem Online-Auftritt der linken Wochenzeitung Freitag versucht, seine Leser durch eine Community und Blogs mit ins Boot zu holen und damit auch durchaus zufrieden ist: «Vielleicht haben wir unheimliches Glück, vielleicht haben wir unglaublich intelligente Leser. Bisher sind wir sehr glücklich mit dem, was unsere Leser im Netz produzieren.»
Und eben Peter Hogenkamp, Schweizer, und mit seinem Blogverlag blogwerk durchaus erfolgreich und Chef von 60 Autoren, davon nach eigener Aussage ein Drittel ausgebildete Journalisten.
Irgendwann aber ist sie wieder da, die alte Mauer. Die laut Augstein schon dem Tode geweihte Printbranche, die weiß, dass das Internet auf dem Vormarsch ist, aber ängstlich scheint, sich dem neuen Medium endgültig zu öffnen, contra die laut Hogenkamp und Haeusler längst gleichwertige Internetbranche mit ihren Blogs, Magazinen und sozialen Netzwerken. Die Grätsche kommt von links: «Ich glaube, das Netz muss sich beeilen, erwachsener zu werden, gerade, weil Print so schnell untergeht», sagt Augstein. «Ich glaube aber auch, dass es noch nicht in der Lage ist, diese Last zu schultern.»
Damit, könnte man meinen, sei die Diskussion endlich eröffnet, während im Hintergrund die Twitter- und SMS-Meldungen des Publikums einlaufen, manche deutlich empört, manche deutlich überfordert und albern. Auf dem Podium aber dreht man sich im Kreis. Die Printfraktion traut den Onlinern keine Durchschlagskraft zu. Wenn ein Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung etwas schreibe, werde das - etwa in der Politik - schließlich wahrgenommen, ganz im Gegensatz etwa zu dem, was Blogger Don Alphonso verfasse, so Augstein. Außerdem brauche es schon Institutionen, es brauche investigativen Journalismus, um Macht zu kontrollieren.
Das eigentliche Thema, die Medienwelt im Wandel, ist da schon lange weit weg. Wie nämlich Print und Online, klassischer Journalismus, Bürgerjournalismus und Blogger zusammenarbeiten und voneinander profitieren können, scheint niemand zu wissen. Wie die Öffnung der Journalisten hin zu den Lesern, die im Onlinegeschäft durch Kommentare und direkte Kommunikation möglich werden, zu bewältigen ist, auch nicht. Jeder hat Angst vor jedem, so scheint es.
Und so steht nach der viel zu kurzen Stunde auf der großen Leinwand im Hintergrund: «Armer Johnny», ein etwas geknickter Moderator macht das Bild perfekt. Und das Podium geht auseinander, ohne einen echten Schritt weiter gekommen zu sein. Das Motto der re:publica, «Shift happens» (Veränderung geschieht), war für eine gute Stunde außer Kraft gesetzt. Dafür haben die Besucher eine eindrucksvolle Demonstration erhalten, wie man brüchige Mauern neu zementiert.
ped
Pardon und danke für den Hinweis. Das korrigieren wir natürlich.
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