Von news.de-Redakteur Florian Blaschke, Berlin
Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland ungefähr eine halbe Million Blogger gibt, genaue Zahlen kennt niemand. Doch die Diskussion darum, was die deutsche Blogosphäre ausmacht und wie sie sich selbst sieht, wird auch auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin geführt.
Kein schlechter Anfang für eine Diskussionsrunde, wenn es gleich um Geld geht. Ein Wunder aber ist das nicht, sitzt doch mit Robert Basic ein Blogger auf dem Podium, der erst kürzlich sein Blog basicthinking.de verkauft hat - für 46.902 Euro. Doch dieser Preis spielt keine Rolle, eher die Frage, ob und wie man mit Blogs überhaupt Geld verdienen kann.
Eine von viele Fragen an diesem Vormittag, die neben Basic der Handelsblatt-Reporter Thomas Knüwer als Moderator, die Blogger Markus Beckedahl und Sascha Pallenberg und der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier diskutieren. Eine Runde von Alpha-Bloggern, wie diese meistgelesenen Autoren gerne genannt werden.
Klare Aussagen zum Kontostand aber gibt es wenige. Lediglich Basic sagt: «Die Möglichkeiten gehen da relativ weit, drei bis vier oder sogar fünftausend Euro im Monat sind schon drin.» Und Peter Turi etwa, der das Medienmagazin turi2 betreibt, komme auf einen Jahresumsatz von 200.000 bis 300.000 Euro.
Die offensichtlich spannendere Frage in dieser Runde aber ist eine andere: die Relevanz von Blogs. Sind Blogger wirklich nur eine «asexuelle neue Idiotae», wie Bernd Graff sie auf Sueddeutsche.de nennt? Sind sie unwichtig geworden, vor allem für die klassischen Medien? Es scheint so, sagt Stefan Niggemeier, Grimme-Preisträger und vor allem durch das Bild-Blog bekannt: «Die ganz große Aufregung, als Blogs dazu getaugt haben, um etwas neues, bedrohliches zu repräsentieren, ist verschwunden.» Und nachdem man sich in den Medien über alles einmal aufgeregt habe, könne man dazu übergehen, alles belanglos zu finden.
Die Diskussion macht schnell deutlich, wie schwer es ist, etwas so heterogenes und vielfältiges wie die deutsche Blogosphäre überhaupt unter einen Hut zu bekommen, erst recht in einer knapp bemessenen Stunde. Da ist Sascha Pallenberg, der von dem Erfolg seines Blogs netbooknews.de «völlig überrannt» wurde, Markus Beckedahl, der nach eigener Aussage «als politischer Blogger für werberelevante Branchen ziemlich uninteressant» ist, Robert Basic, der meint, man nehme sich als Blogger immer zu wichtig oder Stefan Niggemeier, der bei deutschen Bloggern das Sendungsbewusstsein vermisst.
Etwas bemüht versucht Thomas Knüwer, dieses Knäuel zu entwirren. Und manchmal gelingt das auch. Etwa beim Thema Qualität. «Die Diskussion verengt sich immer noch zu sehr auf die technischen Möglichkeiten», sagt Niggemeier. «Was ich immer noch enttäuschend finde, ist, wie wenig eigenen Content Blogs produzieren.
Denn es geht nicht um Relevanz, sondern um die Frage, wie sehr man ein Blog publizistisch nutzt.» Worauf Basic fast schon wütend entgegnet: «Es geht mir geht auf den Sack, dass man Menschen hier wie in der Schule benotet. Das ist, als ob Deutschland nicht Weltmeister wird und die ganze Nation jammert.» Das Spiel guter Blogger, schlechter Blogger gehe ihm einfach gegen den Strich.
Und da ist er dann wieder, der Vergleich mit den USA. Dem Land, in dem Blogs einen höheren Stellenwert haben, deutlicher wahrgenommen werden, mehr Einfluss geltend machen können, kooperativer sind. All das, so scheint man sich auf dem Podium einig zu sein, ist in Deutschland noch zu wenig gegeben. Und ein Schuldiger ist auch schon gefunden, zumindest, wenn man Robert Basic fragt, der patzig verkündet: «Da hat die Presse gute Arbeit geleistet.» Es habe zu oft geheißen, Blogs seien «Bullshit» und da die Blogger selbst nicht genügend dagegen gehalten hätten, sei diese Meinung der klassischen Medien eben Allgemeingut geworden. «In Deutschland hört man eben auf die Presse.»
Es ist eines dieser Versatzstücke, die an diesem Vormittag angesprochen, aber nicht verfolgt werden. Eines dieser Details, die ihren wahren Kern haben, aber für sich genommen schon genügend Stoff für eine Diskussionsrunde geben würden. Zu viel Inhalt für eine Stunde Diskussion.
Und noch etwas fällt auf: Ein großes Contra. Deutschland contra USA, Blogger contra Journalisten - kein unbekanntes Lied in Blogs. Nicht umsonst merkt Sascha Pallenberg, der lange in den USA gelebt hat, an, die deutsche Blogosphäre sei ihm am Anfang arrogant und ängstlich vorgekommen. «Viele hatten Angst, dass man ihnen Leser wegnimmt.» Für ihn sei die Szene mehr von einem Gegeneinander geprägt, als von Kooperation. Und auch in Sachen Professionalität sei man definitiv noch ein paar Jahre zurück hinter den USA. «Viele Leute denken zuviel nach, bevor sie irgendwas machen. Man muss sich auch mal selber ausprobieren und experimentieren.»
Am zu großen Themenspektrum scheitert die Beantwortung vieler anderer Fragen. Der nach einer vernünftigen Rechtsgrundlage, um Blogger vor Abmahnungen zu schützen etwa. Oder danach, wie Blogs sich klug vermarkten können. Zwar fordert Basic eine Bewegung «von unten», er nimmt sogar das Wort Revolution und die Jahreszahlen 1848 und 1968 in den Mund, ob diese Revolution aber wirklich komme, wisse er auch nicht. Nur, dass man sich «an der Schwelle von der alten zur neuen Zeit» befinde.
Ein richtiges Fazit mag am Ende denn auch keiner so recht ziehen. Sascha Pallenberg antwortet auf die Frage, wo er die deutschen Blogger in einem Jahr sehe: «Ich hoffe, dann gibt es nicht nur zehn Topblogs, die in der Öffentlichkeit als die deutsche Blogosphäre bekannt sind.» Etwas breiter gestreut dürfe die Szene dann ruhig sein. Markus Beckedahl ist sich sicher, dass Blogs in der Gesellschaft angekommen seien, Stefan Niggemeier aber hält dagegen: «Ich fürchte, das dauert noch, bis sie wirklich Mainstream geworden sind und nicht nur von den Menschen innendrin gefühlter Mainstream.» Vielleicht hätte auch dieser Diskussion eine prägnante Außensicht gut getan.
ped
Pardon und danke für den Hinweis. Das korrigieren wir natürlich.
jetzt antwortenKommentar meldenKleiner Hinweis: Nicht ich habe Blogger "asexuell" oder "neue Idiotae" getauft - das waren Zitate aus Artikeln der "Süddeutschen Zeitung".
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