So., 27.05.12

Neues von Genazino 31.03.2009 Balsam für Melancholiker

Das Glück in glücksfernen Zeiten (Foto)
Wilhelm Genazinos neuer Roman ist vergleichsweise handfest. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

In Zeiten der Krise, möglicherweise sogar eines gesellschaftlichen Umsturzes muss man sich schon längst fragen: Was machen eigentlich die Philosophen? Die Antwort lautet: Sie arbeiten in einer Wäscherei. Zumindest im neuen Buch von Wilhelm Genazino.

Gerhard Warlich ist ein Protagonist, wie es sie in vielen Genazino-Romanen gibt. Immer ein bisschen abwesend, aber doch amüsiert betrachtet er das Leben. Er sucht Das Glück in glücksfernen Zeiten, und weiß doch, dass er es eigentlich nicht finden kann. Er ist bedrückt im Bewusstsein, ohne Heimat, ohne Ziel und vor allem nicht freiwillig auf dieser Welt zu sein. «Streuner» nennt der Büchner-Preisträger seine Hauptfiguren, und es gibt in der Tat kein besseres Wort dafür.

Trotzdem ist diesmal einiges anders als sonst - und sowohl Genazino-Fans als auch -Kritiker werden meinen, dass es dafür höchste Zeit wurde. Denn die Hauptfigur ist ein Glücksgriff. Warlich, ein promovierter Philosoph, arbeitet als Geschäftsführer einer Großwäscherei. Und er hat sich abgefunden mit dieser Laufbahn, die ihn zwar nicht in höchste geistige Sphären geführt, aber ihm doch ein mehr als passables Auskommen ermöglicht hat.

Als seine Freundin Traudel ein Kind von ihm will und er wegen seiner chronischen Tagträumerei auch noch seinen Job verliert, wird Warlich aus der Bahn geworfen. Am Ende eines Plots, der erstaunlich handfest und für Genazino-Verhältnisse fast rasant zu nennen ist, steht die logische Konsequenz des Widerspruchs zwischen Pragmatik und Empfindsamkeit: eine Tragödie.

Dass Warlich ein Philosoph ist, der notgedrungen zum Wirtschaftsmann wurde und sein Dasein als Manager fristet, der nichts so sehr scheut wie Verantwortung und Entscheidungen, ist in diesen Zeiten ein durchaus komisches Element. Doch Das Glück in glücksfernen Zeiten braucht nicht den Hintergrund der Finanzkrise, um zu bestechen.

Denn wie immer ist es Genazinos Stärke, all die Schönheit und all den Schmerz der Welt, die gesamte Absurdität und Faszination des Lebens in die banalsten Alltagsbeobachtungen zu stecken. Im Kern schreibt er eigentlich Aphorismen, um die er seine Figuren drumherumspazieren lässt. Das ist Balsam für Melancholiker.

Autor: Wilhelm Genazino
Titel: Das Glück in glücksfernen Zeiten
Verlag: Hanser
Preis: 17,90 Euro
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsmonat: Februar 2009

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