Von Wolfgang Hübner
Ein Nazi, der mehr Menschen gerettet hat als Oskar Schindler? Der müsste bekannt sein, ein Held, sollte man meinen. In China ist er das auch, hierzulande aber kennt John Rabe kaum jemand. Das könnte ein Kinofilm nun ändern. Hervorragend besetzt ist er jedenfalls.
Manchmal ist es nur eine unvergessliche Szene, um derentwillen ein Film gemacht wurde, ja gemacht werden musste. Florian Gallenbergers aufwendiges Kinodrama John Rabe, das am Donnerstag in die Kinos kommt, hat eine solche Szene zu bieten, dazu aber auch die faszinierende Geschichte eines deutschen Nationalsozialisten, der im fernen China unter grauenhaften Umständen Menschlichkeit praktizierte, die Hunderttausenden das Leben rettete. Der Film setzt jenem Deutschen ein spätes und würdiges Denkmal.
1937 soll der aus Hamburg stammende Leiter der Siemens-Niederlassung in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking Abschied von dem Land nehmen, in dem er mit seiner Frau Dora seit knapp 30 Jahren lebt und arbeitet. Rabe muss nämlich in die alte Heimat zurückkehren und seinen Posten in China an einen Nachfolger namens Fließ abgeben, Mitglied der NSDAP wie Rabe selbst. Dem Kaufmann sind Land, Leute und seine verantwortungsvolle Aufgabe ans Herz gewachsen, er verlässt also nicht gerne Nanking in Richtung Berlin, wo eine Aufgabe in der Zentrale des Konzerns auf ihn wartet. Doch die Invasion der Japaner verhindert auf dramatische Weise Rabes Abreise.
Denn die japanische Armee rückt nach der Eroberung Schanghais auf Nanking zu, Bomben fallen auf die Stadt und auf das Firmengelände, das Rabe verwaltet. In größter Not erinnert er sich der riesigen Hakenkreuzfahne, die ihm aus Deutschland geschickt wurde. Mit den verängstigten Chinesen, die sich auf das Gelände geflüchtet haben, breitet Rabe die Fahne aus, so dass sie von den angreifenden Fliegern erkannt und beachtet werden kann. Denn Japan ist zu jener Zeit Verbündeter des Hitler-Reiches. Und das Wunder geschieht: die Bomben verschonen die Siemens-Niederlassung. Doch noch schlimmeres Unheil droht: die Eroberung Nankings durch die Invasoren. Die vermögen weder die Chinesen noch die zahlreichen Ausländer zu verhindern.
Die japanischen Truppen gehen mit unvorstellbarer Grausamkeit gegen die örtliche Bevölkerung vor. Rabe und eine Gruppe bunt gemischter Ausländer, darunter der amerikanische Arzt Dr. Wilson und die französische Schulleiterin Valérie fassen einen Plan, um so viele Menschenleben wie möglich vor der Soldateska zu retten: Sie richten eine Schutzzone für die Zivilbevölkerung ein. Bald retten sich Abertausende Chinesen in diesen Bereich, der von den Japanern streng kontrolliert, aber zumindest halbwegs auch toleriert wird. Gleichwohl herrschen in der Stadt apokalyptische Zustände.
Der brave deutsche Nazi, der naiv an Hitler schreibt, um dessen humanitäre Intervention bei den japanischen Verbündeten zu erbitten, wächst wider Willen, aber mit charakterlicher Festigkeit in die Rolle eines Menschenretters hinein. Mehr als 200.000 Chinesen, die sich in die damalige Schutzzone flüchten konnten, verdankten seinem Einsatz ihr Leben. John Rabe hat also weit mehr Menschen vor dem Tod bewahren können als Oskar Schindler, ein anderer «guter» Deutscher, dem Steven Spielberg seinen berühmten Film Schindlers Liste gewidmet hat. In China genießt der Hamburger noch immer Ansehen und Verehrung.
In Deutschland hingegen stieß Rabes Heldentat auf wenig Begeisterung: Nach seiner Rückkehr in die Heimat im Februar 1938 wurde Rabe von der Gestapo verhaftet, seine fotografischen Zeugnisse des japanischen Massakers in Nanking vernichtet und er selbst zum Schweigen gezwungen. Anfang 1950 starb Rabe verarmt und vergessen in Berlin. Erst 1996 wurden seine Tagebücher entdeckt und publiziert. Ebenso wie Schindler ist Rabe nur der Nachruhm vergönnt. Der aber dürfte mit dem 130-minütigen Film von Gallenberger nun auch in Deutschland gewaltigen Aufschwung nehmen. Und mit Ulrich Tukur ist die Titelrolle auch hervorragend besetzt.
Tukur spielt mit Glatze, Oberlippenbärtchen und Rundbrille glaubwürdig einen Mann, der an seiner Aufgabe wächst und sie zu einem guten Ende bringt. Dagmar Manzel als Rabes verloren geglaubte Ehefrau, dazu die Französin Anne Consigny und der Amerikaner Steve Buscemi, ferner eine Reihe chinesischer und japanischer Mitwirkender, von der großen Zahl chinesischer Statisten ganz abgesehen, machen den Film zu einem bewegenden Erlebnis. Es mag sicherlich irritieren, dass der Held ein Nationalsozialist ist und die Hakenkreuzfahne Menschen rettet. Doch der Film ist ganz eindeutig eine Hymne auf menschlichen Anstand, Mut und Entschlossenheit auch unter widrigsten Bedingungen.
Titel: John Rabe
Regisseur: Florian Gallenberger
Hauptdarsteller: Ulrich Tukur, Daniel Brühl, Steve Buscemi, Anne Consigny, Dagmar Manzel
Spielzeit: 130 Minuten
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, China
Produktionsjahr: 2009
FSK: ab 12
Kinostart: 2. April 2009