Mo., 13.02.12

Internet statt Theater Schiller würde heute twittern oder bloggen

Artikel vom 29.03.2009

Würde Schiller heute bloggen? Oder twittern? Der Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Schillers Geburtsstadt Marbach, Ulrich Raulff, vermutet, dass der Schiller unserer Tage wohl keine Bücher schreiben würde.

Der Dichter und Dramatiker Friedrich Schiller, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gedacht wird, wäre auch nicht im Theater zu finden, sondern in dem Medium, «wo er heute die stärkste Power spüren würde. Er würde bloggen oder drehen, twittern oder irgendwas», sagt Raulff.

Schiller sei ganz gezielt «als Medienunternehmer in das damals wirkungsvollste und stärkste Medium reingegangen: ins Theater», betont der Schiller-Experte. «Von der Intensität, wie er dieses Medium erobert und nutzt, könnte man schon sagen, wäre zu erwarten, dass er heute vermutlich nicht Stückchen schreiben würde für Suhrkamps Theaterverlag, sondern nach einer anderen, stärkeren Maschine greifen würde.»

Raulff hält den 1805 gestorbenen Autor des Wallensteins für einen nach wie vor «ungemein lebendigen Autor». Seine enorme Bühnenpräsenz halte ihn ganz anders am Leben als Goethe. Mühelos ließen sich Schillers Texte etwa in Comics oder in eine Filmästhetik übertragen. «Er hat keine schlechte Zukunft», sagt Raulff. Für die Medien, die jetzt das Geschäft bestimmten, sei er «zukunftsträchtiger als Goethe».

Schiller habe eine «wahnsinnig starke Sprache» und grandiose Texte; sein Pathos treffe noch immer. «Die Leute lieben Pathos», betont Raulff. Dies habe zum Beispiel die Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama wieder bewiesen. «Das bei Schiller ist kein falsches, klapperndes Pathos, das ist ein Pathos, das aus der Seelenkenntnis kommt und den Zeitgenossen unmittelbar anspricht, anspringt geradezu.» Schiller-Einsteigern empfiehlt Raulff übrigens nicht die Räuber oder Kabale und Liebe, sondern eine gerade mal 40-seitige Erzählung: Der Verbrecher aus verlorener Ehre.

car/hav
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