Von news.de-Redakteurin Anja Guhlan
Web-Junkies führen ihr ganzes Leben im Netz. Doch was passiert danach? Wie erfahren Online-Freunde vom Tod, wer soll Profile und persönliche Seiten abschalten? Obskure Portale wollen nun das Online-Leben nach dem Tod weiterführen.
Als Jerald Spangenberg (57) tot zusammenbrach, stand seine Tochter plötzlich vor einer großen Herausforderung: Wie sollte seine Online-Community erfahren, dass ihr Vater tot war? Sein Passwort für World Of Warcraft hatte sie nicht und auch der Herausgeber des Spiels konnte ihr nicht helfen. Melissa Allen Spangenberg schaffte es schließlich, in dem sie online nach der «Gilde» suchte, der ihr Vater angehörte.
Das Problem tritt immer häufiger auf: Wenn ein User stirbt, sind seine Profile bei sozialen Netzwerken so gut geschützt, dass Familie und Freunden der Zugriff auf die Portale verwehrt bleiben. Denn erfahrene Internetnutzer benutzen Passwörter, die nicht leicht zu knacken sind, und geben diese auch nicht an Freunde oder Familie weiter. Dennoch wollen die Hinterbliebenen auch die Webfreunde über den Tod informieren, die Profile löschen oder Onlinebeerdigungen organisieren.
Nun regeln Unternehmen das Ableben im Internet, indem sie einen neuen Branchenzweig kreieren – der sich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Der Neurologe David Eagleman richtete die Internetseite Deathswitch ein, auf der Menschen eine E-Mail hinterlassen können, die automatisch versendet wird, wenn sie nicht in bestimmten Intervallen auf der Internetseite vorbei sehen. «Wenn man plötzlich stirbt oder ins Koma fällt, dann gibt es viele Dinge, die nur bei einem selbst im Kopf gespeichert sind, zum Beispiel wo Passwörter sind», sagt Eagleman. Nun werden Zugangsinformationen und Passwörter sicher in den E-Mails hinterlegt und für 20 Dollar im Jahr können dann insgesamt 30 solcher Mails – auch mit Videofilmen – gespeichert werden.
Viel Geld verdient er damit nicht, sagt Eagleman. Er wisse auch nicht genau, wie viele Mitglieder er hat, vielleicht etwa 1000. Und er weiß angeblich auch nicht, was in den E-Mails steht. Sie sollen bis zum Versand verschlüsselt bleiben.
Doch auch beim Online-Tod-Geschäft gibt es Konkurrenz. Das Portal Slightly Morbid handelt nach einem ähnlichen Prinzip. Auch hier werden E-Mails beim Tode verschickt, aber man muss nicht zu Lebzeiten regelmäßig dort vorbei sehen. Stattdessen sollen Freunde oder Familienangehörige des Users das Portal über dessen Tod in Kenntnis setzen. Dann startet der Benachrichtigungsvorgang.
Eine ähnliche Internetseite will auch Peter Vogel aus Tampa in Floria im April starten, Legacy Locker. Dort ist ein Totenschein notwendig, bevor die Informationen freigegeben werden. Vogel entschloss sich, diese Internetseite einzurichten, nachdem sein Stiefsohn Nathan plötzlich mit 13 Jahren gestorben war. «Nathan hat gezeigt, dass alles passieren kann, selbst wenn man erst 13 ist», sagt Vogel.
Wem Deathswitch, Slightly Morbide oder Legacy Locker schon zu morbide ist, der wird auch bei den nächsten beiden Dienstleistungen staunen. Denn im Zeitalter des Internets bieten auch Unternehmen Beerdigungen live im Internet an. So hat sich ein britischer Bestatter aus Southhampton den Servive «Pay per View Funerals» (Zahlen für Begräbnisse) ausgedacht.
Er bietet Angehörigen oder auch Online-Freunden von Verstorbenen an, die Beerdigung live im Internet zu sehen. Die Kunden können somit gegen ein Entgelt über das Internet per Live-Stream an dem Begräbnis teilnehmen und sich die Beerdigungssfeier auch auf DVD oder Audio-CD bestellen.
Noch ausgefuchster geht es auf der Internetseite dha.gov.za zu. Die Innenpolitische Behörde in Südafrika bietet ebenfalls einen makaberen Dienst an: «Lebst du noch oder bist du schon tot?» könnte die zentrale Frage der Kampagne lauten. Bei der Kampagne «Alive Status Verification Self-Help Service» (Lebensstatus Bestätigungs Selbsthilfeservice) können Südafrikaner per SMS, Telefon oder Internet abfragen, ob sie offiziell bereits als tot oder noch als lebendig registriert sind.
Die wegen schlechtem Service immer wieder in den Schlagzeilen geratene Behörde will mit der Kampagne dem Behördenchaos und dem verbreiteten Daten-Missbrauch entgegentreten, denn in Südafrika kommt es immer wieder zu Pannen, bei denen falsche Angaben in offizielle Dokumente gelangen.
Auf diejenigen, die offiziell für tot erklärt worden sind, wartet ein Behörden-Marathon: Sie müssen nicht nur eine Bestätigung der Polizei vorlegen, dass sie noch immer unter den Lebenden weilen, sondern auch Fingerabdrücke machen lassen und zahlreiche Anträge ausfüllen. Die Behörde verspricht, das registrierte Ableben noch einmal zu überprüfen und tröstet: «Sie wird dann dem Kunden ein paar Wochen später den Ausgang ihrer Untersuchung mitteilen.»
mik
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