So., 27.05.12

Heino Ferch im Interview 21.03.2009 «Krupp hätte nicht um Staatshilfen gebeten»

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Straffes Bärtchen, strenger Blick: Heino Ferch als Gustav Krupp von Bohlen und Halbach. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein

Das ZDF wagt sich an die Geschichte der Stahldynastie Krupp. Heino Ferch spielt Gustav von Bohlen und Halbach, einen der profiliertesten Kruppianer. Im Interview spricht er über den Mythos Krupp und Parallelen zur Finanzkrise.

Herr Ferch, die Mutter ihrer Filmpartnerin Iris Berben hat bei Krupp gearbeitet. Was wussten Sie vor dem Dreh über den Krupp-Konzern?

Heino Ferch: Ich kannte die Villa Hügel. Das war der Familiensitz der Krupps in Essen. Oder die drei miteinander verbundenen Ringe, das Symbol der Krupps. Und auch der Spruch «Hart wie Kruppstahl» aus dem Krieg war mir natürlich geläufig.

Haben Sie geahnt, was sich alles hinter dem Mythos Krupp verbirgt?

Ferch: Wenn es sich bei Krupp um einen Mythos handelt, wie Sie sagen, dann muss es etwas geben, was diesen Ruf rechtfertigt. Vor dem Dreh war mir allerdings auch nicht klar, wie komplex die Geschichte der Krupps ist. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, den ich im Film spiele, hat immer betont, dass im Hause Krupp nicht politisiert würde. Das stimmte natürlich überhaupt nicht. Ein Stahlfabrikant ist kein Fischhändler. Sein Konzern hat Waffen produziert. Eine Berührung mit der Politik ließ sich vor diesem Hintergrund gar nicht vermeiden. Im Falle Krupp ist sie sogar sehr heftig gewesen. Der Konzern hat sich auf einen Pakt mit den Nazis eingelassen.

Der Film erzählt die Geschichte der Krupps über drei Generationen hinweg. Welche Rolle spielte in diesem Gefüge der von Ihnen verkörperte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach?

Ferch: Gustav war derjenige, der von außen in die Dynastie kam. Kaiser Wilhelm II. hat ihn persönlich als Gatten für Bertha Krupp ausgesucht, die nach dem Tod ihres Vaters Friedrich Alleinerbin des gigantischen Familienvermögens war. Die Ehe war arrangiert und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb die einzige, die im Hause Krupp funktionierte. Gustav hat die Bilanzen über alles andere gestellt. Im Film gibt es eine Szene, in der er nach dem Ersten Weltkrieg der britischen Regierung Lizenzen für Zünder in Rechnung stellt. Die Zünder wurden dafür benötigt, um Granaten auf deutsche Stellungen abzufeuern. Er hat mit allen Seiten Geschäfte gemacht, sich mit jedem arrangiert, um es vorsichtig auszudrücken.

Der Dreiteiler trägt den Titel «Krupp – Eine deutsche Familie.» Was an den Krupps ist spezifisch deutsch?

Ferch: Deutschland war immer berühmt für seine Erfinder. Angesichts der relativ geringen Größe ist es erstaunlich, welche gewaltige Wirtschaftskraft in unserem Land steckt. Familienunternehmer wie die Krupps sind dafür ein Beispiel.

In Zeiten der globalen Finanzkrise erleben wir gerade den Kollaps vieler traditionsreicher Familienunternehmen. Ist ein Film wie «Die Krupps» eine Parabel auf die heutige Zeit?

Ferch: Das geht zu weit. Wir haben im Juli 2008 angefangen zu drehen. Damals war das Ausmaß der Krise noch nicht abzusehen. So gesehen ist es Zufall, dass beides nun in dieser Form zusammentrifft. Umso mehr bewundere ich die Leidenschaft von Familienunternehmern wie Krupp für die Arbeit. Es macht schon einen großen Unterschied, ob eine Familie einen Konzern leitet oder gewählte Aufsichtsräte, die auch dann viel Geld kassieren, wenn es bergab geht. Im schlimmsten Fall kann diese Leidenschaft zu tragischen Folgen führen. Adolf Merckle hat sich vor den Zug geworfen, weil sein Firmenimperium vor dem Ende stand. Er konnte angesichts der riesigen Schulden nicht mehr in den Spiegel sehen.

Wäre es vorstellbar gewesen, dass ein Gustav Krupp von Bohlen und Halbach um staatliche Finanzspritzen bittet wie etwa gerade Maria-Elisabeth Schaeffler von der Schaeffler-Gruppe?

Ferch: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Ich kann es mir allerdings nicht vorstellen, nicht einmal als letzte Konsequenz. Die Strenge mit sich selbst hätte Gustav Krupp davon abgehalten. Es waren damals aber auch Zeiten, die sich nur bedingt mit heute vergleichen lassen. So etwas wie Globalisierung gab es damals noch nicht.

Lesen Sie auf Seite 2, weshalb Heino Ferch Gustav Krupp mit Albert Speer vergleicht

Ist das Zeitalter der Familiendynastien wie der Krupps vorüber?

Ferch: Solche Dynastien gibt es schon noch. Sie halten sich aber sehr im Hintergrund. Denken sie an den Quandt-Clan. Wahrscheinlich ist es aber heute nicht mehr möglich, als Familie einen Weltkonzern zu führen. Gustavs Sohn Alfried Krupp hat das im Übrigen auch schon erkannt, als er in den 1960er Jahren Berthold Beitz zum Generalbevollmächtigten machte.

Alfried ist nach dem Krieg quasi stellvertretend für seinen schon schwer kranken Vater Gustav von den Alliierten zu Zuchthaus verurteilt worden. In «Der Untergang» haben Sie mit Albert Speer schon einmal eine historische Person gespielt, die sich – wie Krupp – mit den Nazis eingelassen hat. Gibt es Parallelen zwischen den beiden?

Ferch: Die Ähnlichkeit liegt in der Selbstwahrnehmung, ihrer Blauäugigkeit. Gustav Krupp hat sich selbst etwas vorgemacht, als er sagte, dass in seinem Haus nicht politisiert würde. Bei Albert Speer lief es ähnlich. In seinen Memoiren hat er geschrieben, dass er Architekt und Künstler gewesen sei und von den Naziverbrechen erst zu spät erfahren habe. Daran glaube ich nur zu einem ganz geringen Teil. Beide – Krupp und Speer – haben sich ihren eigenen Mythos zusammengestrickt. Darin liegt die Überschneidung.

Über Speer weiß man viel. Es gibt Biografien, Filme. Bei Gustav Krupp ist das anders. Woran liegt das?

Ferch: Das hat damit zu tun, dass Wirtschaftslenker in der Regel nicht öffentlich in Erscheinung treten. Ihr Wirken findet nicht in der Boulevardpresse statt. Das war schon damals so und hängt damit zusammen, dass nicht öffentlich über Geschäfte und Finanzen gesprochen wurde. Ich kann das gut nachvollziehen.

Die Krupps sind wieder einmal Geschichtsfernsehen. Befürchten Sie nicht, dass die Zuschauer bald genug haben von den vielen historischen Stoffen im Fernsehen und im Kino.

Ferch: Das glaube ich nicht. Die Menschen werden solche Stoffe immer gerne sehen. Die Amerikaner machen es im übrigen genauso. Selbst Western sind zu einem großen Teil historische Filme. In Deutschland gibt es einfach so viele Themen. Allein Berlin hat als Stadt so viel erlebt wie kaum eine andere Stadt auf der Welt. Ich bin sicher, dass die Produzenten auch in Zukunft nach historischen Stoffen suchen werden, die interessant und sexy sind.

ruk
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