Leipziger Buchmesse Es geht immer auch um Gefühle

Buchmesse (Foto)
Menschenmassen strömten nach der Eröffnung der Leipziger Buchmesse in die Glashalle der Messe. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Bei einer Buchmesse, sollte man meinen, geht es um Bücher. Doch die Besucher, die wohl auch in diesem Jahr wieder zu Tausenden nach Leipzig kommen, tun das auch aus anderen Gründen. Für viele steht dabei das Buch gar nicht im Vordergrund.

25.000 Neuvorstellungen, mehr als 2000 Verlage, Leipzig ist dieser Tage Bücherstadt Nummer eins in Deutschland. 65.000 Quadratmeter Bücher - unüberschaubar. Doch die Publikumszahlen sind in den vergangenen Jahren größtenteils stabil geblieben. Wegen der Bücher?

«Ich denke, der Grund, aus dem die Menschen hierher kommen, hat sich in den letzten Jahren verändert», sagt Reinhold Joppich vom Verlag Kiepenheuer & Witsch. «Inzwischen geht es vielen auch um das Flair, darum, den ein oder anderen Prominenten zu erwischen, nicht mehr nur um Bücher.» Vor allem das sei der große Unterschied zwischen Leipzig und Frankfurt, sagt er. «In Frankfurt steht viel offensichtlicher das Buch im Mittelpunkt», sagt er. «In Leipzig geht es um den Leser. Das macht diese Messe so sympathisch, auch deshalb komme ich lieber hierher als nach Frankfurt.»

Diese Meinung teilt man nicht überall. Eine Mitarbeiterin vom Verlag Hoffmann und Campe etwa widerspricht. Sicherlich kämen einige Besucher auch aus diesen Gründen und Flair sei sicherlich wichtig. Doch vorrangig ginge es selbstverständlich um Bücher. Da sehe sie auch keinen Unterschied zwischen Frankfurt und Leipzig.

Carmen Udina, Verkaufsleiterin beim Deutschen Taschenbuch Verlag, hat etwas anderes beobachtet. «Die Prominenten spielen natürlich eine große Rolle», sagt sie. «Interessant aber ist, dass die Besucher sich nicht auf sie stürzen, sondern sie eher aus der Entfernung beobachtet werden.» Da werde dann hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Und tatsächlich, wenn sich etwa Franz Müntefering oder Marietta Slomka ihren Weg durch die Besucher bahnen, dann freuen sich selbst erwachsene Menschen fast wie kleine Kinder. «Guck mal, da ist er», heißt es dann. «Echt? Wo?»

In Sachen Bücher gehe es vorrangig um zwei Aspekte, sagt Udina: «Zum einen ist die Messe natürlich ein großes Erlebnis, gerade für Menschen, die auf dem Land leben und vielleicht gerade mal eine kleine Dorfbuchhandlung haben. Für die ist das schon sehr beeindruckend hier.» Und zum anderen gehe es bei allen Diskussionen um Inhalte oder Genres immer auch um Gefühle. «Wenn Menschen zu mir kommen und mir sagen, sie lieben Krimis, dann versuche ich rauszukriegen, welche Art von Krimis das sind und warum. Nur wenn ich etwas über die Gefühle beim Lesen weiß, kann ich wissen, welche Bücher ich empfehlen kann.»

Tatsächlich wirkt die Masse der Bücher auf den ein oder anderen Besucher wohl eher erschreckend. «Das erschlägt einen», sagt auch Sibylle Prödel, die aus Hamburg zur Buchmesse gekommen ist, schon zum dritten Mal. «Aber man stolpert eben immer wieder auch über interessante Dinge, spannende Lesungen, bekannte Autoren und findet auf jeden Fall Gleichgesinnte.»

Auf einer Buchmesse wird das eigentlich private Lesen zu einem öffentlichen Ereignis. Das, was sonst in den eigenen vier Wänden passiert oder sich zumindest im Kopf des Lesers abspielt, ist hier omnipräsent und ein Ereignis, das man mit den anderen Besuchern teilt. Und die Prominenten und Autoren fungieren als Bindeglied zwischen Lesern und Verlagen. «Lesungen sind für uns - nicht nur auf der Messe - auf der einen Seite ein Mittel, um die Leser an uns zu binden», sagt Udina. «Zum anderen sind sie natürlich auch wichtig für die Autoren, denen wir damit zeigen, dass sie einen gewissen Stellenwert für uns haben.»

Lesen Sie auf Seite 2 über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Buchwelt

Dass die Messe trotz Krisenzeiten noch nicht kleiner wird, erstaunt. Vielleicht liegt es daran, dass gerade in schweren Zeiten Bücher einen gewissen Rückhalt, einen Wert vermitteln. Und vielleicht ist gerade Leipzig immer noch ein guter Messestandort, weil hier gerade nicht das Verkaufen, sondern das Lesen und vor allem der Leser im Fokus stehen. Ob das auch im nächsten Jahr noch so sein wird, ist fraglich. Denn die Anzeichen dafür, dass die Buchbranche erst noch durch ihre Krise durch muss, mehren sich.

Auch die Verlage müssen inzwischen aufs Geld schauen. Nicht umsonst erzählt Reinhold Joppich: «Ich komme auch deshalb lieber nach Leipzig, weil man hier bei den Hotelpreisen noch nicht so unverschämt abgezockt wird wie in Frankfurt.» Und nicht umsonst gibt es durchaus renommierte Verlage wie die Frankfurter Verlagsanstalt, die in diesem Jahr gar nicht auf der Buchmesse vertreten sind, ebenso wie etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder der Spiegel. Und nicht umsonst baut die Messe auch auf ihre 1900 Veranstaltungen mit 1500 Autoren, die das Publikum locken.

Dass Bücher auch auf einer Buchmesse nicht alles sind, weiß Carmen Udina nur zu gut. «Gerade in Zeiten der Krise müssen die Verlage kreativer werden,» sagt sie. Das Begleitprogramm, Lesungen, Prominente, Kameras, all das mache das Flair aus, wegen dem die Menschen nach Leipzig kommen. Das sagt auch Andrea Meier, Moderatorin der 3sat-Kulturzeit. «Ich denke, es ist diese Mischung, obwohl ich hoffe und auch glaube, dass es auch die Bücher sind,» sagt sie. Zwar zeigten die Zahlen, dass immer weniger gelesen würde, dennoch aber mag sich Meier dem allgemeinen Kulturpessimismus nicht anschließen. «Das, was ich hier sehe, freut mich. Und vor allem fallen mir die außergewöhnlich vielen Jugendlichen auf. Da hoffe ich, dass die ein echteres Interesse haben.»

nak

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