Leipziger Buchmesse Nur gucken, nicht mitnehmen

Buchmesse  (Foto)
Viele Bücher locken - nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Diebstahl. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
25.000 Neuerscheinungen werden bei der Buchmesse vorgestellt, 2135 Aussteller aus 38 Ländern präsentieren ihre Bücher. Nicht wenige davon verlassen die Messe in irgendeiner Handtasche - geklaut. Zwar ist das ein teures Ärgernis, doch ein Buch, das nicht geklaut wird, werde auch kein Bestseller, sagen die Verlage.

Leipziger Buchmesse
Vom Analphabeten bis zur Zettelwirtschaft

«Es wird immer geklaut», sagt Reinhold Joppich. Wirklich verärgert klingt er dabei nicht. Seit 25 Jahren ist er Verkaufs- und Vertriebsleiter beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, er weiß, wie das auf Messen läuft. «Ich schätze, bei uns lassen Besucher etwa 20 Prozent der Bücher mitgehen», meint er und fügt hinzu: «Ein Buch, das nicht geklaut wird, verkauft sich auch nicht.» Und tatsächlich zeigt sich etwa Sarah Kuttner fast stolz, dass ihr Buch im vergangenen Jahr das meistgeklaute war. Der inoffizielle Adelstitel der Buchmesse sozusagen.

Natürlich gibt es Sicherheitspersonal auf der Buchmesse, hin und wieder sieht man auch Polizei. Doch weder können die Männer in Uniform überall sein, noch wollen die Verlage das. Man wolle die Stände ja auch nicht zu einer Festung machen, heißt es. Schließlich sei die Leipziger Buchmesse vor allem eine Besuchermesse. «Zuviel Sicherheitspersonal würde den schönen Charakter, das Flair kaputtmachen», sagt Marcus Thie vom Aufbau-Verlag in Berlin.

Auch Thie kennt den Bücherklau, «den kalkuliert man als Aussteller mit ein», sagt er. Zahlen hat er keine parat, aber eine bezeichnende Anekdote: «Im vergangenen Jahr wurde Werner Bräunigs Rummelplatz, den wir verlegt haben, für den Preis der Buchmesse nominiert», erzählt er. «Wir sind mit etwa 70 Exemplaren angereist und am Ende mit etwa zehn wieder nach Hause gefahren.» Ihm tue das weh, sagt Thie, vor allem das fehlende Unrechtsbewusstsein der Menschen. «Die Vorstellung, dass die Bücher nicht kostenlos sein könnten, scheint es teilweise gar nicht zu geben.»

Kaum einen Verlag auf der Messe, dem in den vier Tagen nicht eine stattliche Anzahl von Büchern abhanden kommt. Kilian Roth von Bertelsmann schätzt die Quote auf etwa ein Viertel. Doch auch er meint: «Wenn ein Buch nicht geklaut wird, ist das nicht gerade eine Empfehlung für uns.» Was so lapidar klingt, ist aber durchaus ein Problem für die Verlage. «Wir leben schließlich von den Büchern und verkaufen auch die Messeexemplare nach Ende der Messe noch an einen Ramscher,» sagt Roth. Was dann nicht mehr da sei, bringe auch kein Geld. «Und so eine Messe ist ziemlich teuer, neben dem Stand brauchen wir Personal, Hotelzimmer, die Anreise. Da kommt leicht eine sechsstellige Summe zusammen.»

Dabei haben die Verlage ganz unterschiedliche Erfahrungen, je nach Messe, und danach, wie ein Stand aufgebaut ist und auch wo ein Buch steht. «In Frankfurt wird weniger geklaut, dadurch, dass die Messe nur zwei Tage für Besucher geöffnet ist, sagt Marcus Thie.» Und Kilian Roth erzählt: «Wir haben zum Beispiel ein Fach ganz am Ende des Standes, von dem habe ich heute Morgen noch ein Foto gemacht. Ich bin sicher, das ist heute Abend leer.» Man könne eben nicht ständig ein Auge auf alles haben.

Auch, wenn anscheinend nicht mehr geklaut wird, als in den vergangenen Jahren, fällt den Verlagen immer mehr auf, wie unverfroren Bücherdiebe teilweise zu Werke gehen. «Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die sich als freie Journalisten ausgeben und sagen: ‹Ich habe Ihnen schon so oft eine E-Mail geschrieben, jetzt dachte ich halt, ich komme mal vorbei und nehme mir das Buch einfach mit›», erzählt Reinhold Joppich. Manche wunderten sich sogar, dass sie die Bücher nicht einfach mitnehmen dürfen. «Oder sie legen sie einfach zurück und sagen: ‹Ach, dann eben nicht.›»

nak

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