Von Elke Vogel
Hörbücher sind für viele schon lange eine Alternative zum Schmökern im Buch. Doch auch diese Branche hat einen starken Konkurrenten - das Internet. Die Piraterie im Netz bedroht die Verlage enorm. Claudia Baumhöver von «Der Hörverlag» warnt vor den Konsequenzen.
Die Hörbuchbranche sieht sich mehr und mehr von der Internetpiraterie bedroht. «Jedes andere Land unternimmt mehr für den Schutz des Urheberrechts als Deutschland», sagte die Verlagsleiterin des Marktführers Der Hörverlag (München), Claudia Baumhöver. «Als wir zum Beispiel den letzten Harry-Potter-Band mit Rufus Beck als Sprecher mit 80.000 Exemplaren ausgeliefert hatten, gab es im Netz bereits mehr als 300.000 Anbieter, bei denen die Lesung illegal heruntergeladen werden konnte», erklärte die Verlegerin anlässlich der Leipziger Buchmesse. In Deutschland seien die Urheber «praktisch enteignet» worden.
Bei den Verlagen mache sich der dadurch entstehende Verlust inzwischen auch finanziell bemerkbar. Insgesamt sei der Hörbuchmarkt «dünner» geworden. «Wir müssen alle sehen, wie wir dieses Jahr durchstehen», sagte Baumhöver. Aber es gehe nicht nur um Geld, sondern vor allem um die deutsche Kulturlandschaft. «Die Bundesregierung ist nicht bereit, um die notwendige Ecke zu denken», sagte Baumhöver. «Denn was passiert, wenn die Urheber nicht bezahlt werden? Ganz einfach: Dann können sie keine neuen, kreativen Werte schaffen», so die Hörverlag-Chefin. Das betreffe Schulbücher ebenso wie Literatur und Hörbücher, aber auch alle deutschen Filmemacher.
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) setze auf eine Freiwilligkeit der Internetprovider. Das genüge jedoch nicht. «Nach dem Vorbild von Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den USA muss der Provider den Nutzer abmahnen und in der Folge abschalten, wenn er illegale Downloads anbietet», sagte Baumhöver. Klagen gegen Internetnutzer seien nur ein kurzfristiger Schreckschuss. «Politiker denken immer nur bis zur nächsten Wahl und nicht weiter. Aber spätestens 2020 wird man die Regierung Merkel für die Enteignung der Urheber und die Folgen verantwortlich machen», meinte Baumhöver.
«Eigentlich brauchen wir ein Medienministerium, das sich um diese Belange kümmert», forderte die Verlegerin. «Wir müssen außerdem dringend über eine sogenannte Kultur-Flatrate nachdenken, mit der über die Provider Geld eingenommen und an die Kulturschaffenden weitergeleitet wird.» Die von den Verlagen angebotenen, legalen Downloadmöglichkeiten zum Beispiel über claudio.de, audible.de oder soforthoeren.de würden nur schwach genutzt, sagte Baumhöver.
Illegal heruntergeladen werden alle Bestseller - von Henning Mankell und Ken Follett über Joanne K. Rowling und Charlotte Roche bis John Grisham. Viele Konsumenten machten sich keine Vorstellung davon, wie aufwendig eine Hörbuchproduktion ist, sagte die Verlagsleiterin. Zu den Gagen für Sprecher, Autor, Regisseur, Übersetzer, Komponist, Musiker und Tontechniker kämen noch Lizenzrechte für Text und Musik sowie Studiogebühren. «Große Produktionen wie Tolkiens Herr der Ringe-Saga kosten rund eine halbe Million Euro.»
nak/ruk