Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Damals, am 8. März 1999, konnte niemand ahnen, dass in einem Kölner Studio gerade ein neues Kapitel Fernsehgeschichte geschrieben wurde. Mit dem launigem Besuch einer Pudel-Show begann vor zehn Jahren die Erfolgsgeschichte von «TV total» - und die von Stefan Raab. Eine Hommage.
Der gelernte Metzger und halbfertige Jura-Student startete als Provokateur, als «wilder Hund» des Privatfernsehens, der sich bei seinem Sender Pro Sieben fast alles herausnehmen konnte. Längst aufgegebene Rubriken wie das «Rabigramm» zeugen von Raabs Lust an der Verbalinjurie, der hohen Kunst des «Derbleckens», wie man in Bayern sagen würde. Mit seiner Ukulele rückte Raab Prominenten auf den Hals, brachte Bundestrainer «Böörti, Böörti Vogts» in die Hitparaden und seinem großen Vorbild Rudi Carrell ein freches Ständchen.
Schnell erreichte die Sendung, eine Mischung aus Late-Night-Show und Comedy, bei den jungen Pro Sieben-Zuschauern Kultstatus. Bis zu vier Millionen Zuschauer schalteten in den Glanzzeiten ein, wenn Raab das Fernsehprogramm der Konkurrenz (oder auch das des Haussenders) nach peinlichen Momenten durchforstete und mit böser Zunge kommentierte.
Bisweilen schoss der gebürtige Kölner auch über das Ziel hinaus. Die im breitesten Sächsisch parlierende Regina Zindler etwa veralberte er mit einem Song namens Maschendrahtzaun. Weniger glimpflich endeten Raab Spötteleien über das Nachwuchsmodel Lisa Loch. Der Moderator zeigte in einer Sendung das Plakat der fiktiven «Lisa-Loch-Partei», auf dem ein kopulierendes Paar zu sehen war, und überschritt damit eindeutig die Grenzen des guten Geschmacks. Lisa Loch, die nach der Kampagne von Teilen ihrer Mitwelt massiv gemobbt wurde, zog vor Gericht. In letzter Instanz verdonnerte die Justiz Raab schließlich zu einer Schadenersatzzahlung von 70.000 Euro.
Raabs große Krawall-Zeit ist mittlerweile vorbei. «Guerilla geht nicht mehr, wenn du's in diesem Geschäft zu ein bisschen was gebracht hast», sagte Raab gerade der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch die Quoten von TV total schwächeln seit geraumer Zeit gewaltig. Statt vier Millionen sehen im Schnitt nur noch twa 800.000 Zuschauer pro Folge zu. Pro Sieben ist trotzdem hochzufrieden mit Raab. Der einstige Spaß-Guerillero taugt wie kein Zweiter zum Sender-Aushängeschild. Sein in diesem Jahr auslaufender Vertrag soll selbstverständlich verlängert werden.
Natürlich kann man über Raabs Humorverständnis geteilter Meinung sein. Mit «Pulleralarm» und Pipi-Witzen zog er einst in den Quotenkrieg. Und auch heute strahlt Raabs Witz nicht gerade vor Subtilität. Eines lässt sich allerdings nicht verleugnen: Stefan Raab ist der größte Show-Innovator des deutschen Fernsehens. Sendungen wie die Schlag den Raab, Wok-WM, das TV total Turmspringen oder der Bundesvision Song Contest beweisen Raabs Riecher für spektakuläres Live-Fernsehen. Musiker wie Max Mutzke und Stefanie Heinzmann verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt dem Kölner, der seine Karriere mit der Komposition von Radiojingles begann. «Was bei RTL Günther Jauch ist, ist Stefan Raab bei uns», bringt es ein Pro Sieben-Sprecher auf den Punkt. In diesem Sinne: Ad multos annos, Stefan Raab!