Keine Milde mit Hilde
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Artikel vom 10.03.2009
Alles oder nichts: Das war Hildegard Knefs Kampfansage an das Leben. Jetzt spielt Heike Makatsch den Nachkriegsstar in Kai Wessels Kinofilm «Hilde». Das Ex-Girlie als Deutschlands letzte große Diva – kann das gut gehen?
«Ella Fitzgerald hat über mich gesagt, ich sei die größte Sängerin ohne Stimme. Ist das gut oder schlecht?», fragt Heike Makatsch als Hilde im gleichnamigen Kinofilm. Unwillkürlich geht einem ihr Auftritt in Detlev Bucks Männerpension durch den Kopf, als sie, gerade dem Girlie-Image des Clip-Fernsehens entronnen, herrlich schief ihre ganz eigene Interpretation von Stand By Your Man intonierte. Kann dieses Mädchen ernsthaft Hildegard Knef (1925-2002) spielen?
Nun, warum nicht? Heike Makatsch, inzwischen 37 Jahre alt und Mutter einer zweijährigen Tochter, sieht der deutschen Schauspielerin und Chansonette mit dem dicken Lidstrich, den falschen Wimpern und dem Sixties-Haarschnitt tatsächlich sehr ähnlich. Eine gewisse Rotzigkeit, die der Knef eigen war, hat auch Heike Makatsch immer schon an den Tag gelegt. Und wie die Knef hat sie ihre eigenen Erfahrungen mit den Höhen und Tiefen im deutschen Showgeschäft gemacht.
Ein Jahr lang hat sich Heike Makatsch auf diesen Film vorbereitet, hat Gesangs- und Schauspielunterricht genommen, hat alles über die Knef gelesen. Das intensive Studium ist dem Spiel der gebürtigen Düsseldorferin und Wahlberlinerin in jeder Szene anzusehen. Es zeigt sich in jeder Bewegung, in jeder Geste, in jedem dröhnenden Lachen – und im Gesang.
Heike Makatsch hat auch keine große Stimme. Aber sie hat eine, die man gerne hört. Spröde klingt sie und zugleich sensibel, weniger guttural-verraucht als die der Knef. Leider singt sie die meisten Titel nur an. Das einzige Lied, das die Zuschauer komplett zu hören bekommen, ist Für mich soll's rote Rosen regnen. Es beweist, dass Knefs Musik bei Heike Makatsch in besten Händen ist. Es atmet den Geist der Knef, klingt aber auch nach Makatsch. Der feine Unterschied wird noch dadurch unterstrichen, dass der Walzertakt in den Hintergrund rückt und einer jazzigeren Variante weicht.
Dass rote Rosen auch Dornen haben, hat Hildegard Knef oft zu spüren bekommen. Schwere Krankheiten hat sie durchlitten. Und private Turbulenzen: Sie liebte einen Nazi, kämpfte in den letzten Kriegstagen als Soldat verkleidet an seiner Seite, heiratete einen Juden, konnte in Hollywood nicht Fuß fassen, wohl aber am Broadway (Silk Stockings), entfachte im prüden Deutschland der 1950er Jahre einen der größten Skandale - wegen einer kleinen Nacktszene im Film Die Sünderin. Was sie nie verstanden habe, wie die Knef später sagte. Wo doch die Deutschen kurz zuvor noch Konzentrationslager gehabt hätten. Immer kämpferisch, nie selbstmitleidig, so war Hilde.
Die legendäre anrüchige Szene bekommt der Kinogänger nicht zu sehen. Stattdessen werden Zeitungsartikel eingeblendet, die gleich die Reaktion mitliefern. Dass der Film aber nicht nur der bloßen Haut wegen die Gemüter erhitzte, sondern wegen der darin thematisierten Sterbehilfe, die Hildegard Knef in der Rolle einer Prostituierten leistet, geht völlig unter. Auch sonst reiht der Film relativ uninspiriert Szenen aus Knefs Leben aneinander, ohne ihm neue Aspekte abzugewinnen. Vielleicht ist ihre Vita zu prall für einen Film – selbst wenn man daraus nur knapp ein Vierteljahrhundert nimmt.
Regisseur Kai Wessel (Die Flucht) konzentriert sich auf die Jahre 1943 bis 1966 und folgt weitgehend der Knef-Autobiografie Der geschenkte Gaul. Das Ergebnis gleicht einem Abarbeiten von Eckdaten, das man knapp mit «Aufstieg, Fall und Wiedergeburt der Knef» zusammenfassen könnte und das mit ihrer Rückkehr nach Berlin und ihrem großen Konzert in der Philharmonie endet. Es markiert den Start der Knefschen Karriere als Chansonsängerin. Kritisches wird ausgespart. So nimmt Wessel keine Stellung zu der Frage, ob Hildegard Knef nicht doch wusste, dass ihre erste Liebe Ewald von Demandowsky, Filmmanager im Dritten Reich, ein einflussreicher Nazi war. Fast scheint es, als wolle der Regisseur die Naivität des Stars entschuldigen – frei nach dem Motto «Milde mit Hilde».
Aber das Mitleid mit Hilde hält sich in Grenzen. Dazu bleibt einem die Figur zu fremd, und das, obwohl sich Heike Makatsch wirklich Mühe gibt. Auch die vielen kraftvollen Nebendarsteller – Monica Bleibtreu als Else Bongers, Hanns Zischler als Erich Pommer, Sylvester Groth als Boleslaw Barlog – tragen nicht zu einer Antwort auf die Frage «Wer ist Hildegard Knef?» bei. Erst recht nicht Swing-König Roger Cicero, der hier überflüssigerweise den Mann am Klavier gibt. Sie alle agieren merklich zurückgenommen, als wollten sie das Spiel von Heike Makatsch nicht gefährden.
«Das hier ist Hildegard Knef», sagt Heike Makatsch am Ende eines 135 Minuten langen Films und singt das Lied von den roten Rosen. Doch zu hören und zu sehen ist nur Heike, die der Knef zwar erstaunlich nahe kommt, sie uns aber nicht näher bringt.
Filmtitel: Hilde
Regie: Kai Wessel
Darsteller: Heike Makatsch, Dan Stevens, Monica Bleibtrau, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Sylvester Groth, Roger Cicero
Deutschland 2008
FSK: ohne
Filmlänge: 135 Minuten
Start: 12. März 2009
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