Wahlwerbung auf «Der Westen»
Striptease erregt Parteien in Nordrhein-Westfalen

Mit einem aufreizenden Motiv will das Onlineportal «Der Westen» die Parteien in Nordrhein-Westfalen überzeugen, Wahlwerbung zu schalten. Das «schlüpfrige» Angebot erzürnt Linke und Grüne. Nun räumt die Chefredaktion erstmals Fehler ein.

WAZ-Gebäude in Essen: Der Internetauftritt «Der Westen» eckt mit Wahlwerbung an. Bild: dpa

Das Titelmotiv der Präsentation (PDF, 2,8 MB) zeigt die Beine einer Frau mit heruntergelassenem Slip, die auf dem Klo sitzt und einen Laptop bedient. Die Linke in Nordrhein-Westfalen zeigte sich wenig begeistert. In einem offenen Brief wirft sie dem WAZ-Konzern vor, dass er mit dem Titelbild «mit platter sexistischer Attitüde die männlichen Entscheidungsträger in den Parteien ködern will». Auch die Grünen nennen das Bild «geschmacklos und sexistisch».

In der Chefetage gibt man sich reuig: «Das Angebot ist einfach schlecht gemacht, das hätte so nicht rausgehen dürfen», sagte Der Westen-Chefredakteurin Katharina Borchert news.de. «Dem zuständigen Mitarbeiter ist es wahnsinnig unangenehm.» Das umstrittene Angebot: Die WAZ New Media GmbH wirbt mit einer Kurzpräsentation bei den Parteien in Nordrhein-Westfalen dafür, auf ihrer Internetseite Der Westen für 25.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer ein Werbepaket von vier Monaten Laufzeit zu buchen, wie die taz berichtete.

WAZ-Pressesprecher Paul Binder verteidigte das Motiv in der taz: «Es ist nicht frauenfeindlich und nicht sexistisch.» Doch schon kurz danach schlug Der Westen-Chefin Borchert leisere Töne an: Unter einem Bericht auf Onlinejournalismus.de kommentierte ein Leser: «Frauenfeindlich und sexistisch? Keine Ahnung. Aber wie wärs mit dämlich, geschmacklos, total daneben?» Borchert antwortet ebenfalls per Kommentarfunktion: «Der Einschätzung kann ich mich nur seufzend anschließend. Ist intern, leider zu spät, lange diskutiert worden und wird nicht wieder vorkommen.» Zu news.de sagte sie nun: «Ich finde es nicht sexistisch, aber es passt inhaltlich nicht zur Kommunalwahl und ist total daneben. Ein falscheres Motiv kann man sich kaum aussuchen.»

Doch nicht nur das Titelbild steht in der Kritik. «So wie das Konzept gestaltet ist, ist eine Trennung von Anzeige und Inhalt für mich nicht ersichtlich», sagte Grünen-Sprecherin Andrea Rupprath news.de. Auch Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbandes, kritisierte «die offenbar gezielt eingeschränkte Erkennbarkeit der zur Platzierung angebotenen (Parteien-)Banner als Werbung».

Die Kurzpräsentation zeigt: Unter dem Schriftzug «Parteien vor Ort stellen sich vor» sollen die Parteien mit ihren Logos in die Seite integriert werden: «Durch die Einbindung des Parteilogos in der rechten Teaserspalte neben dem Content auf der Wahl-Special Seite sowie die Integration in dem animierten Karussell ebenfalls mit Logo», heißt es in der Präsentation. Wer auf eines der Logos klickt, gelangt bei jeder Partei auf eine «eigene Seite, farblich angepasst mit einer Karte von der aus der User alle lokalen Informationen per Link abrufen kann».

Chefredakteurin Borchert verteidigt sich gegen den Vorwurf, Inhalt und Werbung nicht klar zu trennen und verweist darauf, dass es sich nur um eine erste Präsentation handelt. Im Internetauftritt werde es eine deutliche Unterscheidung geben: «Selbstverständlich kennzeichnen wir Anzeigen», sagte Borchert. «Jede Microsite ist dann optisch so gestaltet, dass sie sich vom redaktionellen Angebot klar unterscheidet.» Auch gegen den «Anschein der käuflichen Wahlberichterstattung», den ein Kommentator auf Onlinejournalismus.de ins Feld führt, verwehrt sie sich: «Das ist absolut hanebüchen. Wir haben einen Pressekodex im Haus und uns noch nie gekaufter Inhalte schuldig gemacht.»

Doch all das könnten Spekulationen bleiben. Denn großer Beliebtheit erfreut sich das Angebot bisher nicht. Linke und Grüne wollen es nicht annehmen - auch aus Kostengründen. Die NRW-FDP wird ebenfalls nicht mit ihrem Logo auf Der Westen vertreten sein. «Das Angebot kommt wegen des Etats nicht in Frage, es ist für uns zu teuer», sagte Hauptgeschäftsführer Ralf Sterck. Kleinere Parteien werden es erst recht schwer haben, sich solch eine Werbung zu leisten. So droht dem Werbekarussell von Der Westen großkoalitionärer Stillstand, mit SPD und CDU als einzigen Logo-Fahrgästen. Und selbst das steht noch nicht fest: Beide Parteien haben das Angebot zwar erhalten, aber noch nicht entschieden, ob sie es annehmen.

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