Der Tod einer Tageszeitung
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Artikel vom 05.03.2009Sie war fast 150 Jahre alt, preisgekrönt und erschien in einer Auflage von mehr als 200.000 Stück – jetzt ist die «Rocky Mountain News» Geschichte. Die Tageszeitung aus Denver ist das bisher größte Opfer der Zeitungskrise in den USA. Und auch der deutsche Markt ist vor Pleiten nicht gefeit.
Es ist nicht irgendeine Zeitung, die da zu Grabe getragen wurde: Als am vergangenen Freitag die letzte Ausgabe der Rocky Mountain News erschien, endeten 149 Jahre und 311 Tage Zeitungsgeschichte. 1859 gegründet, war das Blatt aus Denver im Bundesstaat Colorado älter als die Washington Post oder das Wallstreet Journal. 230 Leute arbeiteten zuletzt für die Redaktion der Rocky.
«Mit großem Bedauern verabschieden wir uns», schreibt das Redaktionsteam auf der Homepage der Tageszeitung an die Leser. «Es war eine große Ehre, Ihnen zu dienen.» Direkt über dem Text steht ein Video mit dem Titel «Letzte Ausgabe». 22 Minuten lang trauern darin Leser ebenso ihrer geliebten Zeitung nach wie Redakteure, die gehofft hatten, bis zur Rente beim Rocky zu arbeiten – teilweise mit Tränen in den Augen.
Auch auf dem deutschen Medienmarkt ist die Krise angekommen. Zwar sind die Opfer bisher vor allem Magazine - zuletzt wurde die deutsche Ausgabe des Lifestyleblattes Vanity Fair eingestellt. Aber auch bei den Tageszeitungen wird unter dem Eindruck von einbrechenden Anzeigenerlösen gespart. So will etwa die Westdeutsche Allgemeine Zeitung circa 300 Stellen in ihren Redaktionen abbauen.
Dass es in diesen Krisenzeiten nicht nur Redaktionen trifft, die sich zu sehr an ihr Printprodukt klammern und darüber den Aufbruch ins Internet verschlafen haben, zeigt das Abschiedsvideo der Rocky Mountain News - der Film wurde schon fast 125.000-mal aufgerufen. Als die Rocky-Redakteure durch den Geschäftsführer des Herausgeber-Konzerns E.W. Scripps von der Einstellung ihrer Zeitung erfuhren, berichteten sie per Microblogging-Dienst Twitter live von der Konferenz.
Auch die journalistische Qualität der Zeitung wurde mehrfach ausgezeichnet: Seit dem Jahr 2000 wurde die Rocky Mountain News mit vier Pulitzer-Preisen geadelt, der wichtigsten Auszeichnung für Journalisten in den USA. Mit der Fotografin Preston Gannaway wechselte 2008 sogar eine weitere Pulitzer-dekorierte Journalistin zum Rocky. Nur Tage vorher war sie für eine bewegende Multimedia-Fotogeschichte über den Kampf und Tod einer krebskranken Mutter und ihre Familie geehrte worden.
Doch so sehr sich Medien wie die Rocky Mountain News im Internet auch abmühen, die Werbeerlöse im Web können die Verluste der Branche im Print noch lange nicht auffangen. Zudem machen andere Angebote wie etwa Blogs den Zeitungen Leser und Anzeigeneinnahmen streitig. Als Ende 2008 in Folge der Finanzkrise auch noch die Realwirtschaft in den USA ins Trudeln geriet, wurde es für die finanziell bereits angeschlagenen und von Anzeigen abhängigen Zeitungen noch schwieriger.
«Denver kann keine zwei Zeitungen mehr ernähren», sagte Scripps Vorstandschef Rich Boehne mit Blick auf den Rivalen Denver Post, mit dem die Rocky seit dem Jahr 2001 bei Geschäftstätigkeiten wie Anzeigen und Druck kooperiert. So sind Qualität und Innovationsbereitschaft heute für eine US-Tageszeitung keine Überlebensgarantie. Trotz einer Auflage von zuletzt 210.000 Exemplaren unter der Woche verzeichnete die Rocky im Krisenjahr 2008 Verluste von etwa 16 Millionen Dollar. Seit Dezember stand die Zeitung zum Verkauf - ohne Erfolg.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Die finanziell angeschlagene «New York Times» bekommt eine Finanzspritze von 250 Millionen Dollar vom mexikanischen mehr ...
Die «New York Times» verhandelt laut einem Zeitungsbericht mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim über eine mehr ...
Der US-Verlag Condé Nast stellt die deutsche Ausgabe des People-Magazins «Vanity Fair» mit sofortiger Wirkung ein. Die mehr ...
Beim Nachrichtenportal «zoomer.de» gehen die Lichter aus. Vor einem Jahr gestartet, wollte die Seite mit einem neuen mehr ...