Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Sie war fast 150 Jahre alt, preisgekrönt und erschien in einer Auflage von mehr als 200.000 Stück – jetzt ist die «Rocky Mountain News» Geschichte. Die Tageszeitung aus Denver ist das bisher größte Opfer der Zeitungskrise in den USA. Und auch der deutsche Markt ist vor Pleiten nicht gefeit.
Es ist nicht irgendeine Zeitung, die da zu Grabe getragen wurde: Als am vergangenen Freitag die letzte Ausgabe der Rocky Mountain News erschien, endeten 149 Jahre und 311 Tage Zeitungsgeschichte. 1859 gegründet, war das Blatt aus Denver im Bundesstaat Colorado älter als die Washington Post oder das Wallstreet Journal. 230 Leute arbeiteten zuletzt für die Redaktion der Rocky.
«Mit großem Bedauern verabschieden wir uns», schreibt das Redaktionsteam auf der Homepage der Tageszeitung an die Leser. «Es war eine große Ehre, Ihnen zu dienen.» Direkt über dem Text steht ein Video mit dem Titel «Letzte Ausgabe». 22 Minuten lang trauern darin Leser ebenso ihrer geliebten Zeitung nach wie Redakteure, die gehofft hatten, bis zur Rente beim Rocky zu arbeiten – teilweise mit Tränen in den Augen.
Auch auf dem deutschen Medienmarkt ist die Krise angekommen. Zwar sind die Opfer bisher vor allem Magazine - zuletzt wurde die deutsche Ausgabe des Lifestyleblattes Vanity Fair eingestellt. Aber auch bei den Tageszeitungen wird unter dem Eindruck von einbrechenden Anzeigenerlösen gespart. So will etwa die Westdeutsche Allgemeine Zeitung circa 300 Stellen in ihren Redaktionen abbauen.
Dass es in diesen Krisenzeiten nicht nur Redaktionen trifft, die sich zu sehr an ihr Printprodukt klammern und darüber den Aufbruch ins Internet verschlafen haben, zeigt das Abschiedsvideo der Rocky Mountain News - der Film wurde schon fast 125.000-mal aufgerufen. Als die Rocky-Redakteure durch den Geschäftsführer des Herausgeber-Konzerns E.W. Scripps von der Einstellung ihrer Zeitung erfuhren, berichteten sie per Microblogging-Dienst Twitter live von der Konferenz.
Auch die journalistische Qualität der Zeitung wurde mehrfach ausgezeichnet: Seit dem Jahr 2000 wurde die Rocky Mountain News mit vier Pulitzer-Preisen geadelt, der wichtigsten Auszeichnung für Journalisten in den USA. Mit der Fotografin Preston Gannaway wechselte 2008 sogar eine weitere Pulitzer-dekorierte Journalistin zum Rocky. Nur Tage vorher war sie für eine bewegende Multimedia-Fotogeschichte über den Kampf und Tod einer krebskranken Mutter und ihre Familie geehrte worden.
Doch so sehr sich Medien wie die Rocky Mountain News im Internet auch abmühen, die Werbeerlöse im Web können die Verluste der Branche im Print noch lange nicht auffangen. Zudem machen andere Angebote wie etwa Blogs den Zeitungen Leser und Anzeigeneinnahmen streitig. Als Ende 2008 in Folge der Finanzkrise auch noch die Realwirtschaft in den USA ins Trudeln geriet, wurde es für die finanziell bereits angeschlagenen und von Anzeigen abhängigen Zeitungen noch schwieriger.
«Denver kann keine zwei Zeitungen mehr ernähren», sagte Scripps Vorstandschef Rich Boehne mit Blick auf den Rivalen Denver Post, mit dem die Rocky seit dem Jahr 2001 bei Geschäftstätigkeiten wie Anzeigen und Druck kooperiert. So sind Qualität und Innovationsbereitschaft heute für eine US-Tageszeitung keine Überlebensgarantie. Trotz einer Auflage von zuletzt 210.000 Exemplaren unter der Woche verzeichnete die Rocky im Krisenjahr 2008 Verluste von etwa 16 Millionen Dollar. Seit Dezember stand die Zeitung zum Verkauf - ohne Erfolg.
Um viele andere Zeitungen in den USA steht es nicht besser: Dem Seattle Post-Intelligencer droht die Kürzung zur reinen Online-Zeitung, der Philadelphia Inquirer und die Philadelphia Daily News sind nicht weit vom Bankrott entfernt, der San Francisco Chronicle steckt tief in der Krise und selbst der New York Times musste im Januar der mexikanische Milliardär Carlos Slim beispringen, in dem er Anteile im Wert von 250 Millionen Dollar kaufte. An dem Tag, an dem die Rocky zum letzten Mal aus den Druckmaschinen lief, sagte der amerikanische Zeitungsverlegerverband sein alljährliches Treffen ab - zum ersten Mal seit 1945. Die aktuellen Herausforderungen in Zeiten der Rezession würden den Redakteure die ganze Aufmerksamkeit abverlangen, hieß es.
«In den USA hat in den vergangenen Jahrzehnten ein radikaler Eigentümerwechsel stattgefunden von großen Verlegerfamilien hin zu anonymen Kapitalgesellschaften, die Medien nur noch als Renditeobjekt verstehen», erklärt der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller. Er verweist auf den Verfall der politischen Kultur und die schwindende Lesekompetenz bei jungen Amerikanern und prognostiziert zudem drastisch sinkende Anzeigenerlöse und weiter wachsende Konkurrenz aus dem Internet: «Mittelfristig werden sich nur Zeitungen halten können, die das so genannte Bildungsbürgertum erreichen. Auflagen und Reichweiten werden aber sinken und Verkaufspreise steigen.»
Für den deutschen Markt sieht Experte Haller keine so große Gefahr wie in den USA - auch weil die Leser hier stärker über Abonnements an ihre Zeitungen gebunden sind. Ganz ausschließen will er Schicksale wie das der Rocky Mountain News in Deutschland allerdings nicht: «Wenn das bei uns passiert, dann eher deshalb, weil einige Eigentümer in den fetten Jahren nicht vorgesorgt haben», sagt Haller. «Vielleicht müssen die dann den einen oder anderen Titel, der sich derzeit nicht rechnet, vom Markt nehmen.» Dies treffe laut Haller dann aber handwerklich schlecht gemachte Blätter.
Auf der anderen Seite gebe es aber auch genug mittelständische Verlage, die solide gewirtschaftet hätten. Zudem werde sich der Qualitätsjournalismus behaupten. «Die Süddeutsche Zeitung hat nicht zufällig die größten Zuwächse der vergangenen 10 bis 15 Jahre aufzuweisen», sagt Haller. «Und auch die FAZ erholt sich von ihrem Auflagenschwund.»
Auf der Homepage der Rocky Mountain News finden sich unter dem Abschiedsbrief der Redaktion mittlerweile mehr als 240 Kommentare. Einer lautet: «Auf Wiedersehen Rocky; wir haben dich geliebt.» Nun ist Denver mit der verbliebenen Denver Post eine Stadt mit nur noch einer Zeitung und wenig publizistischer Vielfalt. Währenddessen hat selbst die letzte Printausgabe der Rocky ihren Weg ins Internet gefunden: Sie wird bei Ebay versteigert – als Sammlerstück.
ruk