Von news.de-Redakteur Stefan Bechstein
Die Bewohner des Bezirks Dresden konnten zu DDR-Zeiten aufgrund der geographischen Lage nur mit besonderen Antennen Westfernsehen empfangen. Spöttisch wurde dieses Gebiet «Tal der Ahnungslosen» genannt. Ganz so ahnungslos waren die Dresdner aber nicht.
«Alle guckten, keiner redete außerhalb des Freundeskreises darüber», sagt Dresdens ehemaliger Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer in der MDR-Produktion Das Tal der Ahnungslosen. Auch er hat sich heimlich Sendungen aus dem Westfernsehen angeschaut. In der knapp 30-minütigen Fernseh-Dokumentation erzählen Menschen aus Teilen der DDR über eine Zeit, in der Westfernsehen nicht überall ohne Weiteres zu empfangen war.
Tatsächlich mussten nicht nur die Dresdner im Elbkessel auf Westfernsehen verzichten, sondern auch die DDR-Bürger in weiten Teilen der Oberlausitz (Bautzen und Görlitz) und Vorpommerns (Rügen, Usedom, Stralsund). «In einigen Orten Thüringens ließ sich nicht einmal das zweite DDR-Fernsehen empfangen», sagt Hans-Jörg Stiehler, Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig und Autor des Buches Leben ohne Westfernsehen.
Wer im Tal der Ahnungslosen ARD und ZDF empfangen wollte, musste sich eine spezielle Antenne besorgen, einen sogenannten Ochsenkopf. Ochsenköpfe waren übergroße Antennen mit senkrechten Stäben. Ihren Namen verdankten sie dem Fernsehsender auf dem Ochsenkopf, einem Berg im bayerischen Fichtelgebirge, von dem aus Westfernsehen in die DDR ausgestrahlt wurde.
Ochsenköpfe mussten an Stellen montiert werden, die von außen nicht sichtbar waren - zum Beispiel auf dem Dachboden. Denn: Der Empfang des Westfernsehens war bis 1972 in der DDR verboten.
Drei Wochen nach dem Mauerbau 1961 startete die FDJFreie Deutsche Jugend - Jugendorganisation der DDR -Aktion «Ochsenkopf». Der Dresdner Bernd Reißig erinnert sich noch an die Lautsprecherdurchsagen der FDJler: «Lieber Bürger sei kein Tropf, runter mit dem Ochsenkopf.» Der Erfolg dieser Aktion lässt sich an ihrer Dauer ablesen: Nach nur vier Wochen war sie beendet. Ein klares Votum der Dresdner für den Ochsenkopf und damit für das Westfernsehen.
«Wenn wir das Westfernsehen gesehen haben, haben wir erst einmal gesehen, was in der Welt überhaupt los war», sagt Roland Ahnert, ein ehemaliger Kohlenhändler aus Chemnitz. Der Fußballfan genoss die Möglichkeit, die Spiele des FC Bayern München im Fernsehen verfolgen zu können, und er hatte wenig übrig für staatliche Restriktion. «Da soll mir doch mal jemand nachweisen, dass ich ein politischer Gegner bin, wenn ich mir ein Fußballspiel anschaue», so Ahnert.
Im Fall Ahnert kam es soweit, dass er von der lokalen Presse wegen des Ochsenkopfes auf seinem Dach angefeindet wurde und sich öffentlich vor SED-Funktionären rechtfertigen musste. Ahnert äußerte sich geschickt: «Ich gehöre zu den Menschen, bei denen das eventuell wenige Gift, was im Fernsehen zu uns rüberkommt, wirkungslos an sozialistisch gestähltem Körper abprallt.» Damit hatte er Ruhe.
Bei anderen wurden die Ochsenköpfe schlichtweg entfernt. «FDJ-Funktionäre sind auf den Dächern herumgeklettert und haben solche Antennen abmontiert», berichtet Ralf Biedermann aus Dresden im MDR-Beitrag. Teilweise sei es deshalb zwischen Hausbewohnern und Funktionären zu Prügeleien gekommen.
Die Präsenz des Westfernsehens in den Haushalten war den DDR-Machthabern bewusst und ließ sich schlichtweg nicht eindämmen. Auch, weil die DDR-Programme gegenüber der Konkurrenz aus dem Westen wenig attraktiv war. Staatschef Erich Honecker selbst monierte bereits Anfang der 1970er Jahre die langweilige Programmgestaltung.
Der Journalist und Gründungsdirektor des Instituts für Medieninformation, Peter Hoff, hat festgestellt, dass Ende der 1980er Jahre weniger als vier Prozent der Bevölkerung Die aktuelle Kamera, die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, sahen. Stattdessen informierten sich die DDR-Bürger über die Tagesschau und heute. Im Unterhaltungssektor punktete das Westfernsehen mit dem Tatort und der Lindenstraße.
Die Reaktion auf Honeckers frühe Kritik und die zunehmende Konkurrenzsituation mit dem Westfernsehen kam spät, aber sie kam. 1982/83 wurde eine Programmreform initiiert. Das DDR-Fernsehen wollte attraktiver werden für seine Zuschauer. Der Unterhaltungsanteil im Programm wurde erhöht.
Die Unzufriedenheit aber blieb. 1984 sorgte ein anonym eingegangener Drohbrief für Aufregung im Staatsrat der DDR. Die Absender mit dem Namen «Gruppe Volkszorn» forderten «BRD Rundfunk- und Fernsehprogramme» und drohten mit der Sprengung des Dresdner Fernsehturmes.
In einem zweiten Drohbrief am Ende des Jahres forderten die Absender drei Westprogramme für Dresden und drohten, auch Intershops, das Lenindenkmal, das Hotel Bellevue und weitere Gebäude zu sprengen. Drei Jahre lang versuchten Spezialisten der Staatssicherheit die «Gruppe Volkszorn» zu fassen. Ohne Erfolg. Im Herbst 1987 wurde die Suche eingestellt.
In der DDR wandelte sich der staatliche Umgang mit den Programmen aus dem Westen. Ob dies durch die Drohbriefe initiiert wurde, ist nicht endgültig feststellbar. 1986 wurden Gemeinschaftsantennen geduldet – teils 20 Meter hoch - mit Hilfe derer viele Haushalte Westfernsehen empfangen konnten.
In Antennengemeinschaften, wie beispielsweise in Oberfrohna bei Zwickau, fanden sich bis zu 150 Ortsmitglieder zusammen. Sie bauten eine große Gemeinschaftsantenne, mauerten den Sockel dafür und gruben Gräben für das Fernsehkabel bis zu jedem Haus im Ort.
Der Dresdner Thomas Nitschke beschreibt eine ähnliche Aktion im Dresdner Stadteil Hellerau: «Überall, auf den Straßen, Plätzen und in den Gärten wurde geschaufelt, gehackt und geschachtet. Entlang der Fußwege und quer über die Straßen türmten sich riesige Erdhaufen. Die Gartenstadt glich in dieser Zeit einem Ort, in welchem die Einwohner nach einem Schatz suchten. In gewisser Hinsicht stimmte das ja auch.»
Hans Modrow, damals Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED in Dresden, sah in der Bildung von Antennengemeinschaften «eine Ventilwirkung» bei der DDR-Bevölkerung. Und eine Statistik gibt ihm recht: Nirgendwo wurden mehr Ausreiseanträge gestellt, als in Gebieten ohne Westfernsehen.
mik/ruk
Als nun beinahe 70jähriger habe ich das ganze Affentheater mit den "Ochsenköpfen" als Jugendlicher in den 1960er Jahren hautnah miterlebt. Ich wohnte im Muldenthal im Kreis Rochlitz. Auch dort konnte man die ARD nur über den Kanal 4 vom Ochsenkopf im Fichtelgebirge empfangen. Allerdings ist der Begriff "Spezialantenne" schlicht falsch. Aus physikalischen Gründen war eine 2.40m lange Antenne erforderlich, weil das Fersehsignal im Band I gesendet wurde. Das war also eine der Frequenzlage entsprechende normale Antenne. Allerdings wurde damit Überhorizontempfang bis Dresden ermöglicht.
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