Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Kann es so etwas wie Mitleid für eine Nazi-Schergin geben? Die Antwort liegt bei Stephen Daldrys Verfilmung des Bestsellers «Der Vorleser» in den Bildern, in den Gesichtszügen der extrem präsenten Kate Winslet. Sie trägt den Film - und lässt den Zuschauer trotzdem zwiegespalten zurück.
«Wer braucht einen weiteren Film, der uns um Mitleid für eine Lageraufseherin bittet?», lautet das Fazit der Kinokritik in der New York Times. Das Verdikt ist kein Einzelfall, es beschreibt ein generelles Unbehagen. Daldry, der schon in The Hours am Fall von Virginia Woolf sein Interesse an psychisch deformierten Charakteren in Filmbilder übersetzt hat, stellt diesmal eine Nazi-Mörderin in den Mittelpunkt. Hanna Schmitz (Kate Winslet) heißt die junge Frau, die in einer namenlosen Stadt im Nachkriegsdeutschland als Straßenbahnschaffnerin arbeitet. Winslet (für die Rolle eben mit dem Oscar ausgezeichnet) verleiht Hanna eine eigentümliche Mischung aus Härte und Verletzlichkeit. Dass diese Frau eine Geschichte hat, verraten die Fältchen um die Mundwinkel, das kleinste Zucken mit den Lippen.
Wie glatt und unverbraucht wirken dagegen die Züge des 15-jährigen Michael Berg (David Kross). Anders als die Proletarierin Hanna stammt Michael aus dem Bildungsbürgertum. Homer und Lessing sind in der Schule seine täglichen Begleiter. Es ist das klassische Bildungsgut, das die Deutschen nicht davor bewahrte, in den Abgrund der Nazi-Barbarei zu taumeln.
Sowohl Buch als auch Film skizzieren in schnellen Strichen die erotische Annäherung der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Ökonomisch betrachtet, beruht die Beziehung zwischen Hanna und Michael auf einem Tauschgeschäft: Sex gegen Literatur. Michael liest der 15 Jahre älteren Frau vor - Homer, Goethe, D.H. Lawrence. Dass seine neue Liebe Analphabetin ist, erfährt Michael erst später. Hanna führt den Gymnasiasten in die Liebe ein. Braunstichige Bilder in Weichzeichner-Optik sind es, die Stephen Daldry für die erotischen Szenen findet. Die Art der Inszenierung hat Kritiker in Großbritannien und den USA empört. «Nipple-Nazi», textete ein Boulevardblatt über Kate Winslet, die mit ihrem jungen Liebhaber nackt in der Badewanne planscht.
Die Kritik zielt ins Leere. Daldrys Hochglanzbilder evozieren nur eine Liebe, die auf ihre Art voller Unschuld und Reinheit ist. Sie hält nur einen Sommer. Dann ist Hanna verschwunden. Spurlos. Als Michael sie wieder sieht, studiert er Jura in Heidelberg. Mit seinem Professor (Bruno Ganz) und Kommilitonen fährt er nach Frankfurt, wo ehemaligen KZ-Aufseherinnen der Prozess gemacht wird. In einer der Angeklagten erkennt Michael Hanna wieder. Sie nimmt die Schuld auf sich, Hunderte von Menschen in den Tod geschickt zu haben, trägt Verantwortung für einen Befehl, den sie weder lesen noch unterschreiben konnte.
Es ist die Scham, als Analphabetin entdeckt zu werden, nicht die Einsicht in die eigene Schuld, die Hanna gestehen lässt. Im Gefängnis bringt sie sich selbst das Lesen bei, während ihr der mittlerweile als Anwalt in Berlin lebende Michael (nun gespielt von Ralph Fiennes) auf Tonband gelesene Werke der Weltliteratur in die Haftanstalt schickt. Michael selbst ist von Hanna nie losgekommen, eine Ehe wegen seiner Unfähigkeit zur Liebe zerbrochen. Ralph Fiennes spielt Michael als gequälten Grübler, bleibt aber leblos, fast gespenstisch. Als er Hanna im Gefängnis besucht und sie seine Hand berühren will, zuckt er zurück. Die Liebesgeschichte ist längst zur Zwangsbeziehung geworden.
Problematisch an Daldrys Film ist die Tatsache, dass Kate Winslet mit ihrer Präsenz alles andere zu erdrücken droht. In der Haft versteinern ihre Züge. Als Zuschauer kann man nicht anders, als Mitleid zu empfinden. Schlimmer noch: Dieses Mitleid wird einem - unterstützt durch die Bildsprache - geradezu aufgenötigt. Die Frage nach Schuld und Sühne, nach der Mitverantwortung für barbarische Verbrechen rückt angesichts des sentimentalen Endes in den Hintergrund. Der Täter interessiert mehr als seine Opfer - eine Verkehrung der Blickrichtung, die zumindest nachdenklich stimmt.
Originaltitel: The Reader
Regie: Stephen Daldry
USA 2008
Darsteller: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes
Länge: 122 Minuten
FSK -
Starttermin: 26. Februar