Von news.de-Redakteur Christian Vock
Manchmal weiß man gar nicht, wem man die Freiheiten verdankt, die man genießt. Harvey Milk ist so ein unbekannter Held. Regisseur Gus Van Sant hat dem schwulen Politiker und Bürgerrechtler nun mit «Milk» ein filmisches Denkmal gesetzt.
Harvey Milk sitzt am Küchentisch und spricht in ein Tonbandgerät. Er erzählt seine Geschichte für den Fall, dass er einem Attentat zum Opfer fällt. Dass wir Milk dort sitzen sehen und seine Geschichte hören, bedeutet, dass genau das eingetreten ist. Quasi aus dem Jenseits erfahren wir, wie es dazu kommen konnte.
Bei Harvey Milk war das Politische vom Persönlichen schwer zu trennen. Alles, wofür er in seinen Kampagnen warb, hatte persönliche Gründe. Drehbuchautor Dustin Lance Black, der den Film über lange Zeit vorbereitete und akribisch recherchierte, sagt über Milk: «Für Harvey gab es immer eine persönliche Verbindung zu dem, was er tat. Es ging nie einfach nur um Bürgerrechte oder um Wahlen, es ging darum, dass er in Scott oder in Jack Lira verliebt war und für sein Recht kämpfte, er selbst zu sein.»
Dementsprechend persönlich startet der Film. In der New Yorker U-Bahn trifft der Versicherungsangestellte Harvey Milk (Sean Penn) zufällig auf Scott Smith (James Franco). Für Milk ist es Liebe auf den ersten Blick. Wenig später schon zieht das Paar nach San Francisco um ein neues Leben zu beginnen. Im Arbeiterviertel Castro eröffnen sie einen Fotoladen, der bald zu einem beliebten Treffpunkt der Schwulenszene wird, was auch an der offenen und freundlichen Persönlichkeit Milks liegt. Die Realität für Homosexuelle ist alles andere als freundlich. Diskriminierung, Anfeindungen und Polizeiwillkür gehören zum Alltag. Doch Harvey Mil beginnt sich zu wehren.
Er sammelt ein Team um sich, um für das Amt eines Stadtrats zu kandidieren. Im dritten Anlauf klappt dann das Unglaubliche. Milk wird der erste Politiker der USA, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Kaum im Amt, setzt er zahlreiche Kampagnen in Kraft und merkt dabei anscheinend nicht, dass er sich nicht nur Freunde macht. Stadtrat Dan White (Josh Brolin), den Milk bei einer wichtigen Entscheidung in letzter Sekunde seine Stimme verweigert, legt daraufhin sein Amt nieder. Als er sich doch wieder anders entscheidet, lehnt der Bürgermeister George Moscone (Victor Garber) seinen Wunsch jedoch ab. White vermutet dahinter Milk als Drahtzieher und erschießt Moscone und anschließend Milk.
Der Film lebt von drei Komponenten. Zum einen ist da Drehbuchautor Dustin Lance Black. Ihm ist es zu verdanken, dass dieser Film überhaupt entstehen konnte. Mit unglaublicher Akribie recherchierte Black im Leben Milks, trug Fakten zusammen, sprach mit Dutzenden seiner Weggefährten. Dieser Fleiß verschafft dem Film seine Authentizität. Zum anderen der Regisseur Gus Van Sant. Er versucht erst gar nicht, seine Sympathien für Milk zu verstecken, sondern zeigt einen Helden, der trotz aller Nacken- und Rückschläge nicht aufgibt. Er verzichtet dabei aber auf Kitschig-Verklärendes und behält so seine Glaubwürdigkeit.
Dann ist da noch Hauptdarsteller Sean Penn. Er schafft Unglaubliches. Durch seine bisherigen Rollen hat Penn ein hartes, düsteres, vielleicht sogar mysteriöses Bild von sich gezeichnet. Einen homosexuellen, offenen und lebensbejahenden Charakter zu spielen, muss also eine große Herausforderung für ihn gewesen sein. Er meistert sie mit Hingabe. Wüsste man nicht, dass es Penn ist, man würde es nicht merken. Alles Harte ist verschwunden, die Körperhaltung sanft, aber bestimmt, die Stimme weich und einfühlsam. Er gibt seiner Rolle Seele. Echtheit, Liebe, Persönlichkeit. Das sind auch die Attribute, die Milk kennzeichneten.
Am Ende steht mit Milk nicht nur ein Porträt des Amerika der 1970er Jahre, sondern auch einer ganz besonderen Persönlichkeit, das zurecht für acht Oscars nominiert wurde. Ein Denkmal für einen unbeugsamen, tapferen Mann, der allen Widerständen trotzte, um für seine Ideale einzustehen. Ein Plädoyer für Offenheit, Ehrlichkeit und Toleranz. Ein Mann und ein Film, den jede Zeit gebrauchen kann.
Milk
Regie: Gus Van San
Darsteller: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, Diego Luna, Alison Pill
USA, 2008
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 128 Minuten
Kinostart: 19. Februar 2009