Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Sie haben den härtesten Job des Abends: Oscar-Moderatoren müssen schlagfertig und pointensicher sein. Geht ein Gag daneben, blamieren sie sich vor den Augen der ganzen Welt. News.de wirft einen Blick zurück auf perfekte Gastgeber und peinliche Pausenclowns.
Hugh Jackman lag dösend im Bett seines Berliner Hotelzimmers, als Hollywood anrief. Er sei auserwählt worden, am 22. Februar als Moderator durch die Oscarnacht zu führen, sagte die Stimme vom anderen Ende der Welt. Der Schauspieler grummelte ein paar höfliche Dankesworte ins Telefon, legte auf und schlief weiter. Erst beim Aufstehen sei ihm bewusst geworden, auf was er sich da eingelassen hatte, erzählte er später. Die Moderation der Oscarverleihung ist eine fast ebenso große Auszeichnung wie die Nominierung für einen der Goldjungs. Und dennoch sorgt allein der Gedanke daran bei so manchen Erwählten für Herzrasen und schlaflose Nächte.
Die Aufregung ist nur zum Teil berechtigt. Kein Moderator muss sich seine Sprüche allein ausdenken. Ein Team aus Gagschreibern feilt über Wochen an der Oscar-Show. Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn die Traumfabrik nicht perfektes Entertainment liefern würde. Und trotzdem kann einiges daneben gehen, wie ein Blick auf die Geschichte der Oscars beweist. Wer versagt, wird am nächsten Tag von der Presse an den Pranger gestellt, von Kollegen verhöhnt. An diesem Abend werden Karrieren gemacht und zerstört. Der Schauspieler Chris Rock, 2005 selbst Moderator im Kodak Theatre, gab seinem Nachfolger Jon Stewart einen einzigen Tipp mit auf den Weg: «Nimm einen Reisepass mit, 10.000 Dollar und einen falschen Bart. Und wenn du nach Mexiko flüchten musst, dann flüchtest du!»
Chris Rock weiß, wovon er redet. Sein Auftritt bei der 77. Oscarverleihung 2005 verlief alles andere als glatt und brachte dem schwarzen Comedy-Star (Alle hassen Chris) mächtig Ärger mit Schauspieler-Kollege Sean Penn ein. Bereits zu Beginn der Show nahm Rock Jude Law ins Visier. «Ihr wollt Tom Cruise, bekommt aber nur Jude Law. Warum spielt er in allen Filmen mit, die ich in letzter Zeit gesehen habe? Er ist überall. Sogar wenn er irgendwo nicht dabei ist, taucht er in den Credits auf, weil er Kekse für die Crew gebacken hat», ätzte Rock über seinen Kollegen. Das Auditorium nahm es mit einem gequälten Lächeln. Sean Penn hingegen verstand keinen Humor, verteidigte Law noch während der Show als «einen der am härtesten arbeitenden Schauspieler der Gegenwart» und warf Rock einen vernichtenden Blick zu.
Chris Rocks Nachfolger wurde Jon Stewart. Der Moderator der in den USA ungemein populären satirischen Nachrichtensendung The Daily Show beweist, dass sich in den Oscar-Moderatoren immer auch der politische Zeitgeist spiegelt. Stewarts Wahl war umstritten, vor allem bei den Konservativen. Der Talk-Show-Host, der auch 2008 die Oscars präsentierte, gilt als Zyniker vor dem Herrn. Mit ihm wurde die Oscarverleihung politisch. Das passte nicht jedem.
2006 nahm er den damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney aufs Korn, und das im wahrsten Sinnes des Wortes. Cheney hatte gerade für Schlagzeilen gesorgt, weil er bei einem Jagdausflug einem Mann versehentlich eine Schrotladung verpasst hatte. Stewart nahm das Missgeschick als willkommene Steilvorlage - und gab auch der isländischen Popelfe Björk gleich eine mit. Die Sängerin hatte kurz zuvor durch ein unvorteilhaftes Schwanenkostüm den Medienspott auf sich gezogen. «Björk konnte nicht kommen», lästerte der Moderator, «sie wurde bei der Ausgabe ihrer Oscar-Kleider von Dick Cheney erschossen».
Letztes Jahr war dann die andere Seite fällig: «Die Oscar-Übertragung ist eine seltene Möglichkeit, wo man all seine Lieblingsstars sehen kann, ohne der Demokratischen Partei Geld spenden zu müssen», lästerte Stewart über die Spendenpartys der überwiegend demokratisch gesinnten Hollywoodstars für Barack Obama.
Lesen Sie auf Seite 2, wie Billy Crystal die Oscars veränderte und warum Hugh Jackman der richtige Moderator für die Krise ist
Nach Stewart erregte Ellen DeGeneres 2007 das größte Missfallen der Bush-Anhänger. DeGeneres war die erste bekennende lesbische Frau, die für die Moderation ausgewählt wurde. Sie hatte mit mutigen Worten bei der Verleihung des Fernsehpreises Emmy kurz nach den Anschlägen vom 11. September auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Ansprache auf der Bühne wurde legendär: «Man rät uns, unsere Leben ganz normal weiterzuleben, sonst würden die Terroristen gewinnen. Mal ehrlich: Was könnte die Taliban mehr ärgern als eine lesbische Frau in einem Hosenanzug vor einem Saal voller Juden?» Ähnliche Worte fand die Schauspielerin und Talkshow-Moderatorin auch im Kodak Theatre: «Wenn es die Schwarzen, die Schwulen und die Juden nicht gäbe, gäbe es auch keine Oscars», sagte DeGeneres unter dem tosenden Beifall des Publikums.
Doch nicht jede Oscarverleihung gerät zu einem politischen Bekenntnis. In der Vergangenheit dominierten eher große Entertainer wie Bob Hope, Billy Crystal und Steve Martin. Hope gilt als der unbestrittene Oscar-König. Zwischen 1939 und 1978 moderierte der Schauspieler die Gala 18-mal, führte mit Charme und Witz durch die Zeremonie, ebenso wie sein Kollege Johnny Carson, der von 1978 bis 1984 fünfmal übernahm.
Nachdem die Verleihung 1989 ohne Moderator über die Bühne gegangen war, läutete Billy Crystal ein Jahr später eine völlig neue Ära ein. Crystal ließ sich in Szenen der nominierten Filme einmontieren und gab ihnen so einen ironischen Dreh. Er entfernte sich auch vom charmanten Plauderton seiner Vorgänger und nutze die Gala als Bühne für frechen Wortwitz und Stand-Up-Comedy. Unterhaltsamer als mit Crystal waren die Oscars nie mehr. Steve Martin, 2001 und 2003 auf der Bühne, formulierte treffend: «Die Oscars sind wie eine schöne Frau. Ich bekomme sie nur, wenn Billy Crystal nicht in der Stadt ist.»
Mit Hugh Jackman, dem diesjährigen Moderator, besinnt sich die Oscar-Akademie nun wieder auf alte Zeiten. Der Australier ist weder ein politischer Kopf wie Stewart noch ein Entertainer wie Crystal. Jackman steht für Charme, für Versöhnung. Polarisierendes ist vom «Sexiest Man Alive» nicht zu erwarten. In Zeiten der globalen Krise sehnt sich Hollywood nach Harmonie. Jackman wird sie herstellen. Da können wir nur hoffen, dass es am 22. Februar nicht zu kuschlig wird.
ruk