Von news.de-Redakteurin Nadine Kotré
Der Oscar – ein Preis wie kein anderer. Nirgends fließen mehr Freudentränen, wird Gott so oft gedankt, sind die Kleider glamouröser. 80 Verleihungen bedeuten viele großartige Momente, rührende Szenen, aber auch einige Skurrilitäten.
Erstmals verliehen wurde der Oscar 1929. Jedes Jahr gibt es pro Kategorie fünf Nominierte. Gewählt werden dürfen alle Filme, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember des Vorjahres mindestens sieben Tage lang in einem Kino gezeigt wurden. Wer nominiert wird, entscheiden die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS). Doch nur, wenn sie in der gleichen Berufsgruppe tätig sind. Das bedeutet, dass Nominierungen für «Bestes Makeup» nur von Visagisten vorgenommen werden können. Und die Nominierten der Kategorie «Beste Filmmusik» werden nur von Komponisten gewählt. Einzige Ausnahme bei den Nominierungen ist «Bester Film». Hier dürfen alle Mitglieder abstimmen. Genauso ist es bei der Abstimmung der Gewinner. Alle Mitglieder der AMPAS dürfen unabhängig von der Berufsgruppe ihren Favoriten auf den Oscar-Gewinn wählen.
Ist dies geschehen, werden die Namen der Gewinner unter Aufsicht von Mitarbeitern von PriceWaterhouseCoopers, einer der weltweit größten Beratungsgesellschaften, sorgfältig und unter großer Geheimhaltung in Umschläge gesteckt. Diese werden versiegelt und erst vor der Verkündung des Gewinners vom Laudator geöffnet. Bei all der Geheimhaltung kann es aber dennoch zu Gerüchten kommen.
1992 gewann Marisa Tomei den Oscar als beste Nebendarstellerin. Bis heute hält sich jedoch das Gerücht, dass Jack Palance, der den Preis überreichte, den falschen Namen genannt hat. Er sei entweder verwirrt, betrunken oder zu high gewesen, heißt es. Marisa Tomeis Name soll er gesagt haben, weil sie die letzte der Nominierten war und ihr Name angeblich noch auf dem Teleprompter zu lesen war. All diese Vermutungen stehen im Raum. Die Academy will von einem versehentlichen Gewinn nichts wissen. Dies sei nicht möglich. Zum einen stehen Offizielle von PriceWaterhouseCoopers bereit, die überwachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Zum anderen steht, wenn der Gewinner genannt wird, nur noch «Announce Winner» (Verkünde den Gewinner) auf dem Teleprompter. Trotzdem wird sich dieses Gerücht halten und Marisa Tomei sich wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens darüber ärgern.
Wo die einen den Oscar angeblich zu Unrecht bekommen, wollen ihn andere rechtmäßige Gewinner gar nicht haben. Ein Streik der Writers Guild, der Vereinigung der Drehbuchschreiber, zieht gerne mal Konsequenzen nach sich. 2008 fanden die Golden Globe Awards nicht statt, weil viele hochkarätige Schauspieler vorab verkündeten, der Veranstaltung fern zu bleiben, um ihre Unterstützung mit den Drehbuchautoren zu zeigen. 1935 ging der Drehbuchautor Dudley Nichols noch einen Schritt weiter. Aus Protest lehnte er seinen Oscar ab und wurde somit der erste Gewinner, der den Oscar nicht in Empfang nehmen wollte. Im Laufe der 81-jährigen Geschichte haben nur zwei weitere Personen den Gewinn abgelehnt. Bekanntester Verweigerer ist wohl Marlon Brando. 1972 demonstrierte er damit gegen die Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner in der Filmbranche. Dabei zeigte er auch seine Art von Humor: Die Indianerin, die an seiner Stelle auf die Bühne ging, um den Oscar entgegen zu nehmen, war nur eine Schauspielerin im Indianerkostüm.
Vielleicht hat er sich von einem Vorjahresgewinner beeinflussen lassen. George C. Scott gewann 1971 für seine Darstellung des General Patton den Oscar. Diese lehnte er jedoch ab, weil er das ganze Drumherum um den Oscar als «erniedrigend» empfand. Die Oscar-Verleihung an sich bezeichnete er als «eine zweistündige Fleischbeschau».
Von einer wahren Fleischbeschau konnte man 1974 sprechen. Robert Opel gab sich als Journalist aus und gelangte so in den Backstagebereich. Als Moderator David Niven gerade dabei war, Elizabeth Taylor anzukündigen, rannte Opel nackt über die Bühne und zeigte das Peace-Zeichen. Niven kommentierte die offenbarende Friedensbotschaft folgendermaßen: «Ist es nicht faszinierend, wenn man bedenkt, dass der einzige Lacher, den dieser Mann je in seinem Leben bekommen wird, damit zu tun hat, dass er sich seine Kleidung ablegt und seine Unzulänglichkeiten zeigt?»
Selbst wenn sie ihn gewollt hätten, gleich mit nach Hause nehmen darf man den Oscar sowieso nicht. Nach dem Gewinn werden Fotos gemacht und danach gibt man die Statue wieder ab. Denn erst nach der offiziellen Verkündung des Gewinners wird die Plakette mit dem Namen angebracht. Zuvor sind die Oscars «unpersönlich» um den Gewinner geheim zu halten. Letzte Hürde, bevor der Oscar endgültig in den eigenen Besitz übergeht, ist die Unterzeichnung der «Winners Agreement».
Denn nur wer bestätigt, dass er die goldene Statue nicht verkauft, ohne sie zuvor der Academy angeboten zu haben, bekommt sie dann wirklich. Mit dieser Klausel soll sichergestellt werden, dass kein privater Sammler in den Besitz einer Oscar-Statue gelangt. Denn diese sind ein Vermögen auf dem Schwarzmarkt wert. Die Frage, ob die Academy das Angebot ablehnen würde einen Oscar zurückzukaufen, ist übrigens rein rhetorisch.
Bei der Gestaltung der Statuen zeigte sich die Academy in der Vergangenheit sehr kreativ. So bekamen Kinder, die bis in die 1950er Jahre einen Oscar gewannen Miniaturstatuen. Der Bauchredner Edgar Bergen erhielt 1938 einen Ehrenoscar. Dieser war aus Holz und hatte einen beweglichen Mund. Nur ein Jahr später gewann Walt Disney den Ehrenoscar für Schneewittchen und die sieben Zwerge. Wie sollte es anders sein, bekam er einen «richtigen» Oscar und sieben Miniaturversionen. Disney war 48 Mal nominiert, gewann davon 22 und bekam vier Ehrenoscars. Damit ist er bis heute der erfolgreichste Oscar-Preisträger.
Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Der größte Verlierer ist Tontechniker Kevin O'Connell. Der arme Mann war 20 Mal für den Oscar nominiert, konnte ihn aber kein einziges Mal gewinnen. Er selbst sieht sich aber nicht als Verlierer, sondern als Gewinner. 2006, zum Zeitpunkt seiner 18. Nominierung, sagte er: «Es gibt jedes Jahr etwa 300 bis 400 Filme. Fünf davon bekommen einen Anruf und den habe ich bis jetzt 18 Mal bekommen. Ich hab wirklich Glück gehabt.»
Kevin O'Connell wartet noch auf seinen Oscar. Das musste Charlie Chaplins Film Limelight auch – und zwar 20 Jahre. Eine Klausel in den damaligen Academy-Richtlinien besagte, dass ein Film erst für einen Oscar in Erwägung gezogen werden kann, wenn er in einem Kino in Los Angeles gezeigt wurde. Limelight wurde zwar 1952 produziert, lief aber erst 1972 in einem L.A.-Kino. Danach wurde er nominiert und gewann.
Es gibt wie viele Irrungen und Wirrungen in der bunten, glamourösen Oscar-Welt. Das größte Mysterium wird aber wohl nie ganz zu klären sein: Warum heißt der goldene Adonis eigentlich Oscar? Die bekannteste Theorie besagt, dass Margaret Herrick, die Bibliothekarin der AMPAS, gesagt haben soll, dass die Statue ihrem Onkel Oscar ähnlich sieht. Eine andere erzählt, dass Schauspielerin Bette Davis nach ihrem ersten Gewinn die Ähnlichkeit mit ihrem Exmann Harmon «Oscar» Nelson hervorhob. Besonders die mit seinem Hintern.
ruk