Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Harter Tobak auf dem Kuschelsendeplatz: Im Fernsehfilm «Für meine Kinder tu' ich alles» rutscht Vorzeigehausfrau Lisa Martinek ins Rotlichtmilieu ab. Mit etwas mehr Konsequenz hätte sich aus dem Thema etwas machen lassen. Statt echter Charaktere gibt's aber leider nur wieder Abziehbilder.
Prostitution im Film: Dazu fällt uns spontan Dieter Wedels Sechsteiler Der König von St. Pauli ein. Lief ebenfalls bei Sat1. Zeigte das Rotlichtmileu in all seinen Facetten, die miese und die glamouröse Seite. Gutes Fernsehen. Oder Pretty Woman, die etwas härtere Aschenputtelvariante. Julia Roberts, die nette Hure von nebenan, angelt sich den smarten Geschäftsmann Richard Gere.
Annette Ernsts Fernsehdrama Für meine Kinder tu' ich alles geht einen anderen Weg, setzt auf die Fallhöhe des sozialen Abstiegs. In einer Parallelmontage zu Beginn schneidet der Film die heile Familienwelt der Marie Rensberg (Lisa Martinek) - drei Kinder, tolles Haus, viel Spaß - und die Verzweiflung ihres Ehemannes gegeneinander. Mit 200 Sachen rast der Familienvater gegen einen Betonpfeiler. Er hatte Schulden und kurz vor seinem Tod die Summe seiner Lebensversicherung verdoppelt. «Vorsorgeselbstmord», klärt ein Finanzberater Marie auf. Von dem Geld sieht sie nichts. Ihr Schwiegervater (Jürgen Schornagel) weigert sich, die Witwe zu unterstützen. Der Grund ist Maries Sohn aus erster Ehe mit einem Schwarzen.
Ruck zuck ist die Kreditkarte gesperrt und das Häuschen in einem noblen Frankfurter Vorort weg. Der Umzugswagen hält vor einer tristen Plattenbausiedlung. Marie ist aus dem warmen Nest gepurzelt und hart gefallen. Wie schnell das gehen kann, zeigt der Film schnörkellos und in Bildern ohne Sentimentalität.
Leider behält das Drehbuch von Rolf Silber die straffe Dramaturgie nicht bei. Marie lernt ihre drei Nachbarinnen kennen, flippige junge Damen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie sich im horizontalen Gewerbe verdingen. Marie, die sich zunächst für sechs Euro Stundenlohn im Supermarkt abrackert, erliegt der Versuchung des schnellen Euro. 5000 Euro könne sie als Teilzeithure verdienen, verspricht ihr die dunkelhäutige Rana (Sarah Masuch). Marie sehe nicht aus wie eine Professionelle. Das sei ein Vorteil. Da falle es auch nicht weiter ins Gewicht, dass ihr Busen eigentlich zu klein sei. «Macht nichts. Es gibt Typen, die stehen drauf.»
Marie überlegt. «Ich kann das nicht. Ich bin nicht so eine.» Doch, ist sie. Die finanzielle Not treibt sie an. Mit Rana stellt sie sich an eine von Geschäftsleuten frequentierte Hotelbar, checkt potenzielle Freier ab, schläft mit ihnen. Regisseurin Annette Ernst zeigt all dies mit viel Einfühlungsvermögen und ohne nackte Haut. Manchmal blitzt sogar leiser Humor auf, etwa wenn Marie einen homosexuellen Handelsreisenden abschleppt, der nur mit ihr geht, um bei seinen Kollegen als «echter Mann» dazustehen.
Trotzdem gleitet der Film an diesem Punkt immer mehr ins Banale ab. Da ist einmal Maries Schwiegervater, dessen Hass sich mittlerweile zur Paranoia gesteigert hat, zum anderen ein alle Klischees erfüllender brutaler Zuhälter (Aleksandar Jovanovic). Marie lernt die dunkle Seite des Milieus kennen - Einschüchterung, Prügel, Selbsthass. Nach einer schnellen Nummer schreit sie sich die Verzweiflung aus dem Leib. Lisa Martinek spielt diese Szene ohne jede Peinlichkeit. Doch sie bleibt singulär. Für meine Kinder tu' ich alles hat da schon längst wieder eine andere Richtung eingeschlagen, hin zum typischen Sat1-Kuscheldrama. Der nette Tom taucht auf, Lehrer, zeugungsunfähig, Familientyp. Man ahnt, was passieren wird. Und genau so kommt es dann auch.
ruk