Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Was kommt heraus, wenn man Glasgow mit Las Vegas kreuzt? Eine Hafenstadt in der Wüste? Eine glamouröse Arbeiterklasse? Die Antwort ist: Eine tolle Platte, eine große Band. Glasvegas.
Frontmann James Allan ist ganz begeistert von seiner Wortschöpfung «Glasvegas». Der Name seiner Band sei «stolz und geradeheraus», sagt der Ex-Fußballprofi und Ex-Arbeitslose aus Glasgow.
Man muss ihm drei Dinge zugute halten. Erstens: Die famosesten Bands haben oft die schlimmsten Namen. Man muss sich einmal vorstellen, wie dämlich das Wortspiel «The Beatles» um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewirkt haben muss. Oder noch vor drei Jahren die Komposition «Arctic Monkeys». Zweitens: Glasvegas klingt zumindest noch besser als Dan Francisco (die Kombination aus Dover und San Francisco) oder gar Ilbuquerque (Ipswich + Albuquerque). Drittens: Seine Band schafft es tatsächlich, so schillernd und dekadent zu klingen wie das Spielerparadies in Nevada und zugleich so waidwund und leidenschaftlich wie die dunkelsten Ecken der schottischen Seele.
Für alle, die Glasvegas schon kennen: Das Debütalbum rechtfertigt jede Hoffnung, die man nach den ersten Hörproben in das Quartett setzen konnte. Die frühen Singles Daddy's Gone und It's My Own Cheating Heart That Makes Me Cry sind hier in leicht veränderten Versionen vertreten. Natürlich nach wie vor großartig. Und dazu mit dem Vorteil: Man kann ab jetzt behaupten: «Die Single-Version hat mir damals besser gefallen», damit beweisen, dass man ein Fan der ersten Stunde ist und automatisch ein paar Gramm von der Coolness abstauben, die James Allan und seine stets pechschwarzen Mitstreiter umgibt.
Für alle, die Glasvegas noch nicht kennen: Die Schotten werden alle erfreuen, die große Gesten und große Herzen lieben, die U2 aber zu verlogen und Coldplay zu weinerlich finden. Es gibt düstere Blicke, brachiale Rhythmen und Lust am Lärm, aber auch süße Melodien, eine enorme Pop-Sensibilität und Liebe zum Detail.
Und es gibt hier von Anfang an den Anspruch, einen Klassiker zu schaffen. Der Auftakt Flowers & Football Tops durchläuft in knapp sieben Minuten die gesamte Evolution von einer Ursuppe aus Feedback bis zu einem Zitat von You Are My Sunshine. Noch epischer wird es in Stabbed: Darin rezitiert James Allan ein Gedicht über die Klänge von Beethovens Mondschein-Sonate.
Die Single Geraldine klingt wie die Vertonung sämtlichen menschlichen Mitgefühls in einem Kleid aus Euphorie. In It's My Own Cheating Heart That Makes Me Cry werden Lüge und Libido in einen Schraubstock aus Weltschmerz und Verantwortung gepresst. Daddy's Gone ist schlicht herzzerreißend, ein Kinderlied gespielt mit Ramones-Gestus und dreimal so großartig wie diese Idee schon auf dem Papier klingt.
Vor allem aber steckt in diesen Liedern eine lange nicht mehr gehörte Leidenschaft. Der notorisch euphorische New Musical Express nennt Glasvegas deshalb die «beste britische Band seit Oasis». Das ist eine Übertreibung. Aber in dieser Platte steckt so viel Potenzial, dass es gar nicht so unwahrscheinlich erscheint, dass man in ein paar Jahren vielleicht ein paar Jungspunde mit dem Titel «die beste britische Band seit Glasvegas» schmücken wird. Schon jetzt haben sie den Look, die Attitüde und vor allem die Songs dazu. Glasvegas sind eine Band, an die man glauben kann.
Interpret: Glasvegas
Titel: Glasvegas
Plattenfirma: Sony BMG
Spielzeit: 41:51 Minuten
Veröffentlichung: Januar 2009