Von news.de-Redakteur Christian Vock
Niemand ist frei von Misstrauen. Überall herrscht Zweifel. Gegenüber anderen, gegenüber sich selbst. John Patrick Shanley hat mit «Glaubensfrage» aus dem Charakter des Zweifelns eine eindringliche Parabel gemacht, die genau das macht, was typisch für den Zweifel ist: Sie nagt.
Die Bronx 1964: Es ist eine Welt des strengen Glaubens, in die er da Einlass findet. Der Priester Flynn (Philip Seymour Hoffman) ist neu an der christlichen St. Nicholas Schule. Er ist das, was man charismatisch nennt. Eine Autorität aus sich selbst heraus, aber dennoch den Schülern ein Kumpel. Einer, den man bei Problemen ins Vertrauen zieht. Er trägt, wie er sagt, seine Fingernägel gerne etwas länger und schlägt vor, bei der Schulaufführung doch auch einmal ein weltliches Lied singen zu lassen.
Mit dem neuen Priester weht eine leichte Brise der Erneuerung durch die Schule, kein frischer Wind, aber doch spürbar. Der strengen Direktorin Schwester Aloysius (Meryl Streep) ist Flynn ein Dorn im Auge. Sie selbst ist eher konservativ, von der alten Sorte. Sogar einer dieser neuartigen Kugelschreiber erweckt ihr Missfallen. Trotz ihrer strengen Art ist sie keine, die Regeln um der Regeln willen erstellt. Ihr liegen die Kinder tatsächlich am Herzen. Sie handelt in dem Glauben, das Beste für ihre Schüler zu tun.
Doch nicht nur wegen der unterschiedlichen Auffassung, wie mit den Schülern und den neuen Zeiten umzugehen ist, geraten die beiden Charaktere aneinander: Flynn scheint sich aufopferungsvoll um den einzigen schwarzen Jungen der Schule zu kümmern. Doch dann bemerkt die junge Schwester James (Amy Adams), dass der Junge nach Alkohol riecht, als er nach einer Unterredung mit Priester Flynn wieder ins Klassenzimmer kommt. Ein erster Zweifel ist gesät. Sie teilt sich Schwester Aloysius mit.
Ohne einen echten Beweis für ihre Vermutungen beginnt die Direktorin einen Feldzug gegen den Priester. Immer im Mittelpunkt der unausgesprochene Verdacht, der Priester habe Hand an den Jungen angelegt. Der streitet die Vorfwürfe ab.
Glaubensfrage ist die Verfilmung von John Patrick Shanleys Bühnenstück Doubt: A Parable, der auch für Drehbuch und Regie verantwortlich war. Dementsprechend ist der Kammerspiel-Charakter des Stückes auch bei der Filmversion nicht zu übersehen: Der Film lebt von den Dialogen und Gesten der Hauptdarsteller. Zum Glück, denn so kann vor allem Meryl Streep all ihr Können und ihre Vielseitigkeit zeigen. Eben noch ganz leichtfüßig in Mamma Mia!, jetzt eine strenge Ordensschwester.
Shanley geht in seinem Film raffiniert vor. Er scheut bewusst davor zurück, aus dem Thema sexueller Missbrauch in der Kirche das zu machen, was unserer Tage passiert: Ein mediales Ausschlachten. Im Film wird die Tat nicht einmal beim Namen genannt. Das nimmt dem Thema nicht den Schrecken, ganz im Gegenteil. Aber sein Focus liegt auf etwas anderem. Er setzt auf das, was den Zweifel ausmacht: auf das Wage, das Ungewisse.
Er hinterlässt überall Fragen, lässt im Dunkel tappen. Schlägt den Zuschauer mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Er lässt ihn miterleben, zieht in hinein in das Misstrauen. Schwester Aloysius Zweifel sind auch die des Zuschauers. Das Gefühl des unschuldig Angeklagtseins, das Priester Flynn glaubhaft zu machen sucht, teilt man. Es ist die Ungewissheit, die an allen nagt.
Shanley gelingt mit Glaubensfrage eine eindringliche Parabel über Vertrauen, über Glauben und über den Umgang mit Zweifel. Zweifel an Gott, an anderen und an sich selbst. Der einzige Zweifel des Zuschauers, der am Ende beseitigt sein wird, ist der, einen guten Film gesehen zu haben.
Glaubensfrage
Regie: John Patrick Shanley
Darsteller: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams
Drama, USA 2008
FSK: ab 6 Jahren
Filmlänge: 104 Minuten
Start: 5. Februar 2009