Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Vergessen Sie Anne Will! Vergessen Sie auch Maybrit Illner, Frank Plasberg und Sandra Maischberger! Ron Howards Kinofilm «Frost/Nixon» zeigt, was Polittalk sein kann. Zum Beispiel der Kampf zweier Gladiatoren, die sich so lange duellieren, bis die Wahrheit ans Licht kommt.
Die zwei lähmenden Amtsperioden von George W. Bush sind Geschichte. Im Weißen Haus regiert mit Barack Obama seit ein paar Wochen ein Mann, der Hoffnung auf einen Neuanfang verheißt. Diese Hoffnung auf die politischen Selbstheilungskräfte ihres Landes hatte die überwiegende Mehrheit der Amerikaner im Sommer 1974 verloren. Am 9. August trat Richard Nixon als US-Präsident zurück und kam damit seiner Amtsenthebung zuvor. Vietnamkrieg, Flächenbombardements in Kambodscha, Watergate-Affäre - fünf Jahre Nixon hatten Amerika verändert, das Vertrauen der Menschen in die Politik grundlegend gestört.
Ron Howards Film beginnt mit einem Rückblick auf Nixons letzten Tag im Amt. Im Helikopter wirft er einen letzten Blick auf das Weiße Haus. Die Kamera zeigt in einer Großaufnahme das Gesicht des von Frank Langella großartig gespielten nunmehrigen Ex-Präsidenten. Sie zeigt jede Nuance, die Stirnfalten, den trotzigen Ausdruck in den kleinen, schwarzen Augen. Sie zeigt die Erschütterung eines Mannes, der sich ungerecht behandelt fühlt, seine Schuld nicht einsieht. Genau darum wird es in den folgenden zwei Stunden gehen: um ein Schuldeingeständnis, um ein Wort des Bedauerns, eine Entschuldigung Nixons.
Der Mann, der dieses Wort aus Nixon herauskitzeln will, scheint für diese Aufgabe denkbar ungeeignet. Der britische Moderator David Frost (Michael Sheen) ist so etwas wie der Thomas Gottschalk seiner Zeit, ein begnadeter Entertainer, allerdings kein politischer Kopf und schon gar kein investigativ nachbohrender Interviewer. Ausgerechnet Frost, dessen Talkshows auf dem absteigenden Ast sind, hat es sich in den Kopf gesetzt, den Ex-Präsidenten vor die Kamera zu zerren, ihm die Sätze zu entlocken, die ganz Amerika ersehnt. Und ausgerechnet dem Playboy Frost gelingt, woran alle Politikjournalisten scheiterten: Er bekommt Nixon - allerdings nur gegen ein für damalige Verhältnisse astronomisch hohes Honorar von 600.000 Dollar. Scheckbuchjournalismus würde man so etwas heute nennen.
Drehbuchautor Peter Morgan (The Queen) hat die Interviewsitzungen, die im März 1977 an zwölf Tagen stattfanden und sich über 28 Stunden erstreckten, zu einem Bühnenstück verarbeitet, das mit großem Erfolg im Londoner Westend und am Broadway aufgeführt wurde. Für den Film übernahmen Morgan und Regisseur Ron Howard nicht nur die beiden Hauptdarsteller Michael Sheen und Frank Langella, sondern auch die an amerikanische Sportfilme angelehnte Dramaturgie. Frost/Nixon besteht somit aus zwei etwa gleich langen Teilen: den Vorbereitungen auf den Interview-Marathon sowie den Gesprächen zwischen Frost und Nixon selbst.
Howard inszeniert den verbalen Schlagabtausch wie einen Boxkampf über mehrere Runden. Zum Entsetzen seiner Berater, die das Duell wie Betreuer am Ring verfolgen, läuft Frost dem gewandten Nixon zunächst ins offene Messer. Der Talkshow-Moderator ist dem gewieften Taktiker Nixon nicht gewachsen. Der Ex-Präsident nutzt das Rededuell zur Selbstdarstellung. Es gelingt ihm, sich von allen Vorwürfen reinzuwaschen. Sein Triumph scheint sicher, doch dann nimmt sich das Drehbuch eine kleine historische Freiheit, die zur Wende führt. Nixon ruft Frost in der Nacht vor dem letzten Interview im angetrunkenen Zustand an, beschwört ihre Gemeinsamkeiten - die Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, das ständige Gefühl, es den Anderen beweisen zu müssen.
Die letzte halbe Stunde des Films ist dem letzten Interview gewidmet, in dem es Frost tatsächlich gelingt, Nixon in die Enge zu treiben. Der Boxkampf geht in seine letzte Runde - und der Champion wankt. Eindringlicher als im Theaterstück gelingt es dem Film, diese finale Wendung emotional aufzuladen. Die Kamera von Salvatore Totino tastet die Gesichter der Gesprächspartner förmlich ab. Am Ende steht das eine Bild des erschöpften, geschlagenen Ex-Präsidenten. «Ja, ich habe das Vertrauen des amerikanischen Volkes verraten», sagt Nixon zum Schluss. Es ist der Satz, auf den Frost hingearbeitet hat - und trotzdem ist er nahezu bedeutungslos verglichen mit dem Bild, das sich 45 Millionen Menschen ins Gedächtnis eingraben wird. An Frost/Nixon lässt sich hervorragend die Macht der Bilder studieren, ihr Primat in der medialen Inszenierung von Politik.
Trotzdem verharrt Frost/Nixon nicht in einer finalen Triumphgeste, in der Dualität von Gut und Böse. Dem Film gelingt, es die beiden Hauptcharktere als vielschichtige, in sich gespaltene Persönlichkeiten zu zeichnen, die mehr verbindet, als sie ahnen. Nixon, das Feindbild des liberalen Amerika, besitzt bei Howard durchaus liebenswerte Züge - Charme, Humor und bestechende Intelligenz. Am Ende kann sich der Zuschauer sogar eines gewissen Mitleids mit dem Ex-Präsidenten nicht erwehren. Der Film findet dafür Bilder mit Symbolwert: Mit versteinerter Miene wankt Nixon ins Sonnenlicht, streichelt den Welpen eines Passanten - und wirkt doch selbst wie ein geprügelter Hund.
Titel: Frost/Nixon
USA 2008
Regie: Ron Howard
Darsteller: Frank Langella, Michael Sheen, Kevin Bacon
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Starttermin: 5.2.2009
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