Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Kurt Demmler war vieles: Poet, Songschreiber, DDR-Bürgerrechtler, «Anwalt der Kinder» – und ein mutmaßlicher Kinderschänder. Sein Leben endete einsam, allein in einer Zelle und durch eigene Hand.
Um 6.20 Uhr warf ein Justizbeamter des Untersuchungsgefängnisses in Berlin-Moabit einen Blick in die Zelle von Kurt Demmler. Was er sah, war ein lebloser Körper. Kurze Zeit später meldeten die Agenturen den Tod eines Mannes, der einmal einer der bedeutendsten Rockkomponisten der DDR gewesen war, Träger des Nationalpreises obendrein, aber auch ein engagierter Bürgerrechtler.
Demmler war einer, der anecken konnte. Als der Liedermacher Wolf Biermann 1976 vom DDR-Regime ausgebürgert wurde, erhob Demmler seine Stimme und protestierte. Der Staatsapparat reagierte mit gelegentlicher Zensur, ließ den unbequemen Staatsbürger sonst aber gewähren. Demmler gehörte zu denen, auf die man hörte. Mehr als 10.000 Lieder hat der Musiker geschrieben. Viele konnte jeder DDR-Bürger mitsummen. Zu seinen «Kunden» gehörten die Größen der DDR-Musikszene – Bands wie Karat, Silly oder die Puhdys. Für Nina Hagen komponierte Demmler den Hit Du hast den Farbfilm vergessen, für Berluc No Bomb. Nur zwei Lieder von vielen.
Seinen größten Auftritt hatte Kurt Demmler am 4. November 1989. Wenige Tage bevor die DDR leiser als gedacht zusammenbrach, sang er auf dem Berliner Alexanderplatz noch einmal gegen das Regime an. Irgendeiner ist immer dabei lautete der Titel des Liedes – ein Spottgesang auf die Stasi und ihre Untaten.
Dass Kurt Demmler auch eine andere, dunkle Seite hatte, ließ sich nur erahnen. Etwa in Liedzeilen wie diesen: «Ach man wird nicht minder schon durch solche Kinder angemacht. Nur noch diesen Tanz - hab ich sie gedrängt». So hieß es in dem Song Noch nicht sechzehn, den Demmler Anfang der 1980er Jahre schrieb.
An seine Erfolge in der DDR konnte Demmler nach der Wende nicht mehr anknüpfen. Er schrieb trotzdem weiter, und es gab auch Aufträge - von den Prinzen, Katja Ebstein, sogar von Silbermond. Trotzdem wurde es immer stiller um den leisen Poeten. 2001 veröffentlichte Demmler sein letztes Album. Dann hörte man kaum noch etwas. Wenigstens nichts Gutes.
2002 erfolgte die erste Strafanzeige gegen Demmler – wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Der Musiker wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. 1800 Euro. Die Nachricht war schnell wieder vergessen. Bis zum 4. August 2008. An diesem Tage wurde der Musiker verhaftet. Wegen sexuellen Missbrauchs in 212 Fällen. Demmler soll sich zwischen 1995 und 1999 an sechs Mädchen vergangen haben. Er hatte sie unter dem Vorwand eines Castings für eine Girlgroup in seine Wohnung in Prenzlauer Berg und in sein Haus in Storkow gelockt, sie betastet und nach Aussagen der Mädchen auch gezwungen, ihn sexuell zu befriedigen.
Die Hauptverhandlung gegen Demmler begann am 22. Januar dieses Jahres vor dem Berliner Landgericht. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stritt der Musiker ab. Sein Urteil hat sich Demmler selbst gesprochen. Was bleibt, sind Fragen. Demmler wollte sie nicht beantworten. Er hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Nur seine Lieder.
Ich bin einfach nur traurig. Danke fuer deine Musik.
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